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Kultur „Wir bauen innere Grenzen auf“
Mehr Welt Kultur „Wir bauen innere Grenzen auf“
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19:39 30.03.2014
Von Martina Sulner
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Herr Schäfer, können Sie sich gut Gesichter merken?

Zumindest besser als meine Frau. Wenn wir uns gemeinsam Krimis anschauen, erkenne ich die Verdächtigen meist wieder.

Der Protagonist Ihres aktuellen Romans „Gesichter“, Gabor Lorenz, forscht über Gesichtsblindheit, über Menschen, die das Gesicht ihres Gegenübers nicht erkennen. Ein eher randständiges Forschungsgebiet ...

Für mich war von Anfang an klar, dass meine Hauptfigur Arzt sein sollte, also jemand, der sich berufsbedingt aufs Helfen und Heilen versteht. Mit dem Helfen ist das nicht unproblematisch: Was ist Hilfe? Wo schlägt sie in Überheblichkeit um? Wo helfe ich vielleicht mit Geld, um mir die Hilfsbedürftigen dadurch vom Leibe zu halten? Als ich bei meinen Recherchen auf das Thema Gesichtsblindheit gestoßen bin, fand ich das passend, denn Gabor Lorenz kann zwar gut sehen, leidet aber unter einer gewissen Seelenblindheit.

Ein Gesicht, das er nicht vergessen kann, ist das eines afrikanischen Flüchtlings, den er auf einer Fähre vom griechischen Patras nach Italien im Frachtraum gesehen hat. Beruht diese Szene auf eigenen Erlebnissen?

Nein, aber im Hafen von Patras habe ich auf Urlaubsreisen oft Flüchtlinge gesehen, die hinter Zäunen kauerten und auf eine Möglichkeit warteten, nach Italien zu gelangen. Das habe ich als Zusammenprall von verschiedenen Welten empfunden, zwischen denen es kaum eine Verbindung gibt: Hier die Touristen, dort die Flüchtlinge. Aus diesem Unbehagen entstand die Idee zu dem Buch.

Ihre Hauptfigur liebt Griechenland als Urlaubsland, hat aber die offenkundige Masse an Flüchtlingen dort nicht wahrgenommen. Eine typische Touristenhaltung?

Eher eine typische mitteleuropäische Haltung: Wir bekommen zwar vieles mit, doch es dringt nicht wirklich zu uns durch. Uns fehlt die Empathie für das Elend der Flüchtlinge - auch für ihre schwierige Situation, wenn sie in Deutschland angekommen sind, aber hier nicht arbeiten und ihren Wohnort verlassen dürfen.

Den gut situierten Arzt Lorenz versetzt die Begegnung im Frachtraum in Angst. Er befürchtet, dass der Mann, der durch Zufall seine Adresse hat, demnächst bei ihm in Berlin vor der Tür steht. Ist diese Furcht vor dem Fremden nicht reichlich übertrieben?

Das liegt an der Figur: Gabor Lorenz interessiert sich zwar dafür, was in den Gehirnen seiner Patienten passiert, aber nicht sonderlich dafür, was sonst in der Welt vor sich geht. Jahrelang hat er ein kontrolliertes Leben geführt, ein angenehmes Postkarten-Leben, in dem das Bewusstsein für die eigene Schuld keinen Platz hatte. Das bricht jetzt auf. Abgesehen davon spiegelt Gabors Reaktion die Angst unserer Gesellschaft vor dem Fremden wider. Und da erleben wir, was auch Gabor Lorenz erlebt: Je mehr man die anderen als Fremde dämonisiert, desto mehr baut man innere Grenzen auf.

Es gibt doch durchaus Unterstützung für Flüchtlinge: Zahlreiche Initiativen helfen den Menschen, und die Medien berichten ausführlich, zum Beispiel über den Untergang des Flüchtlingsboots vor Lampedusa im Oktober vergangenen Jahres.

Da hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren viel geändert, gerade auch durch das Unglück vor Lampedusa. Wobei die Berichterstattung generell perverse Züge hat: Die zahlreichen Flüchtlinge, die schon am Grenzfluss zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken sind, sind weitgehend unter unserer Wahrnehmungsschwelle geblieben. Erst Hunderte Tote vor Lampedusa haben die Medien und die Leser berührt und die Lage der Flüchtlinge stärker ins Bewusstsein gebracht.

Sie sind griechisch-deutscher Herkunft. Wie geht Griechenland, Transitland auf der Fluchtroute von Afrika und Asien nach Europa, mit der Situation um?

Die Lage dort eskaliert. Griechenland ist mit den zahlreichen Flüchtlingen, die dort ankommen, überfordert. Viele Bewohner sympathisieren mittlerweile mit der neonazistischen Partei „Goldene Morgenröte“, weil sie sich von deren Bürgerwehren Schutz vor Flüchtlingen erhoffen. Außerdem war Griechenland selbst bis vor 20 Jahren ein Auswanderungsland: Die Griechen sind im Umgang mit Menschen, die zu ihnen kommen, gewissermaßen Analphabeten. Sie machen da gerade - in unruhiger See - einen Lernprozess durch.

All das taucht auch in Ihrem Roman auf. Sind Sie ein politischer Autor?

Ja, weil die privaten Konflikte meiner Figuren mit gesellschaftspolitischen Problemen verknüpft sind. Nein, weil ich beim Schreiben immer vom Privaten ausgehe, weil meine Bücher aus persönlichen Konfliktfeldern entstehen.

Aber Sie packen so viel Gesellschaft wie möglich in Ihre Romane?

Ja, doch der Begriff „politischer Autor“ ist für mich negativ besetzt, weil er an einen gewissen Größenwahn gekoppelt ist. Die Generation Günter Grass hat eher reflexhaft auf gesellschaftliche Probleme reagiert. Solch eine Autorenrolle möchte ich nicht einnehmen: Ich möchte die Freiheit behalten, nicht zu allem und nicht sofort etwas sagen oder schreiben zu müssen.

Interview: Martina Sulner

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