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Kultur Ausstellung zeigt Meisterwerke des flämischen Barocks
Mehr Welt Kultur Ausstellung zeigt Meisterwerke des flämischen Barocks
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19:45 23.06.2010
Von Johanna Di Blasi
Singen, wie der Schnabel gewachsen ist: Das „Vogelkonzert“ (1630/40) aus dem Königlichen Museum für Schöne Künste in Antwerpen. Quelle: Hugo Maertens
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Wie dieses Vogelkonzert wohl klingen mag? Nach barocker Harmonik? Oder Avantgarde? Gut zwei Dutzend Vogelarten hat der Maler dieses flämischen Meisterwerks – die Kunsthistoriker sind sich nicht einig, ob es Jan van Kessel d. Ä. oder Paul de Vos war – auf dem barocken Wimmelbild versammelt. Der Auftraggeber des Gemäldes muss einen stattlichen Salon besessen haben, denn die enzyklopädische Vogelschau ist wandfüllend.

Eine bunte Truppe ist da zum gemeinsamen Tirilieren und Pfeifen zusammengekommen: Exoten (roter Ara, Rotbugamazone, Tukan) und heimische Vögel (Schwalbe, Wiedehopf, Eichelhäher, Taube, Adler, Bussard, Rohrdommel, Elster) haben sich auf einer alten Eiche niedergelassen. Auch weniger sangesbegabtes Federvieh wie Schwan, Reiher oder ein Pfauenpaar darf mitkrächzen. Sogar eine Fledermaus, obwohl ein Säugetier, singt enthusiastisch mit – im Ultraschallbereich. Dirigent ist ein abgeklärt aussehender Kauz. Mit der rechten Kralle schlägt der nussbraune Kerl den Takt.

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Wer das Königliche Museum für Schöne Künste in Antwerpen besucht hat, wird sich an das auf 1630/40 datierte „Vogelkonzert“ erinnern. Dass das Gemälde derzeit nicht an seinem angestammten Platz hängt, sondern im Bucerius Kunst Forum, ist Umbauarbeiten in Antwerpen geschuldet. So konnte Hamburg eine Reihe großartiger Bilder aus Belgien für seine Sommerausstellung „Rubens, van Dyck, Jordaens. Barock aus Antwerpen“ ausleihen. Die Schirmherrschaft hat noch Horst Köhler, seinerzeit Bundespräsident, übernommen, gemeinsam mit dem belgischen König Albert II.

Anhand von flämischer Malerei unterschiedlicher Genres – Stillleben, Porträts, sakrale Kunst – gibt die Ausstellung Einblicke in das kulturelle Leben der südlichen, damals spanisch besetzten Niederlande. Antwerpen war in der Barockzeit eine multikulturelle Stadt. Es ging dort nicht weniger bunt zu als beim Vogelkonzert. Die kulturelle Blüte setzte just in dem Moment ein, als die Stadt ihre seit dem 16. Jahrhundert bestehende Bedeutung als Welthandelsstadt in Folge der kriegsbedingten Blockade des Zugangs zum Meer verlor.

Antwerpen blieb ein bedeutendes Finanzzentrum – und ein Kunstmarktzentrum. Anders als im protestantischen Norden war die Kirche ein wichtiger Auftraggeber. Die im calvinistischen Bildersturm ausgeräumten Gotteshäuser wollten wieder mit Malerei gefüllt werden – mit dem visuellen Programm der katholischen Gegenreformation.

Daneben staffierten Antwerpener Bürger – auf Porträts aus jener Zeit sieht man die Herrschaften in etwas steifen schwarzen Roben mit gewaltigen Mühlsteinkrägen – ihre Häuser ausgiebig mit Werken der zeitgenössischen, aber auch der antiken Kunst aus. Sogar auf die Rauchabzugshauben der Kamine wurden Gemälde gehängt – aus konservatorischer Sicht ein Unfug.

Die Flamen der Barockära waren, so kann man vielleicht sagen, begeisterte Fernseher. Lange vor der Erfindung der Bildröhren dienten ihnen Gemälde als Fenster in andere, exotische, künstliche, phantastische, ja virtuelle Welten. So wie beim Vogelkonzert Tiere aus verschiedenen Klimazonen gemixt sind, so vereinen Blumen- oder Früchtestillleben Schönes oder schmackhaft Süßes aus unterschiedlichen Jahreszeiten auf einer Leinwand. Zutaten, quer durch die Rezeptbücher, finden sich auf großformatigen Gemälden ausgebreitet.

Nicht minder prall und frisch wie Pfirsiche oder Granatäpfel muten seidige, sanft bis erregt errötete Hautpartien von Jungfrauen an. Mit barock-üppiger Weiblichkeit wird in der Hamburger Schau nicht gegeizt. Mit Peter Paul Rubens „Frierender Venus“ (1614) ist zudem eines der ungewöhnlichsten erotischen Bilder dieses Meisters zu sehen: Rubens zeigt die entschleierte Liebesgöttin mit an die Bildkante gerücktem, leicht bläulich angelaufenem Gesäß. Es ist anrührend, wie die kauernde Göttin und das Armorknäblein vor Kälte bibbern. Bei aller sinnlichen Zurschaustellung des weiblichen Körpers behält die Darstellung einen rätselhaften Rest, was man nicht von allen ausgestellten Werken sagen kann.

Doch selbst in so vordergründig scheinenden Bildern wie dem „Vogelkonzert“ sah das Publikum der Barockzeit einen mehrfachen Bildsinn verborgen. Es konnte als Hommage an den Heiligen Vogelfreund Franziskus gelesen werden, als Allegorie der Notwendigkeit zentralistischer Herrschaft oder als Sinnbild der Harmonisierung der Welt durch die Kunst.

Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 19. September, Katalog 24,80 Euro.