Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Ausstellung stellt Napoleon erstmals als europäisches Phänomen vor
Mehr Welt Kultur Ausstellung stellt Napoleon erstmals als europäisches Phänomen vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:37 17.12.2010
Die Ausstellung ist von Freitag an bis zum 25. April 2011 zu sehen. Mit gut 400 Exponaten wird in zwölf Kapiteln ein Bild der napoleonischen Ära dargestellt. Quelle: dpa
Anzeige

So hat man ihn noch nicht gesehen. Mit ernstem Blick, zweifelnder Miene schaut er aus dem bescheidenen Bildnis heraus – ein anderer Napoleon. Nicht der stürmische Held, nicht der ruhmreiche Heerführer, nicht der gottgleiche Herrscher, nicht die Legende. Sondern ein sensibler junger Mann, 27 Jahre alt. Napoleon Bonaparte hatte damals bereits die ersten Schritte seiner Kometen-Karriere hinter sich gebracht. Sie sollte ihn mit 30 Jahren auf den Posten des Ersten Konsuls in Frankreich führen, mit 35 auf den Kaiserthron – und mit 46 Jahren in der Verbannung enden.

Erstaunlich, was in dieser doch eher kurzen Zeit zwischen 1799 und 1815 alles passiert ist. Man kann wohl sagen, dass keine Persönlichkeit das moderne Europa mehr geprägt hat als Napoleon. Im Guten wie im Schlechten. Schon unter den Zeitgenossen hatte er ein zwiespältiges Image: Er galt den einen als kriegslüsterner Eroberer, der die Massen in den Tod treibt. Den anderen als visionärer Neuerer, der die Errungenschaften der Französischen Revolution in die Welt trägt.

Anzeige

Mit der großen Napoleon-Schau will die Bonner Bundeskunsthalle nun beides nachzeichnen – Schatten und Licht, den „Traum“ wie das „Trauma“. Und zwar im umfassenden, transnationalen Rahmen: „Napoleon und Europa“. Es ist die erste Ausstellung überhaupt, die das Thema gesamteuropäisch angeht. Die Bundeskunsthalle holte sich für dieses große Unternehmen eine junge Wissenschaftlerin ins Haus, die in Paris studiert hat, in Berlin lehrt und sich auskennt in der neueren Forschung.

Bénédicte Savoy konzipiert ihren Parcours nicht chronologisch. Nicht als biografische Lebenswanderung, von einer Schlacht zur nächsten. In zwölf klugen Kapiteln greift sie stattdessen großzügig und ohne den Anspruch auf Vollständigkeit wesentliche Aspekte der Ära heraus. Immer wieder kreist Savoy dabei auch um Napoleons Image, analysiert Emotionen, die seine Herrschaft überall in Europa auslöste. Sie verzettelt sich nicht in historischen Kleinigkeiten, sondern hebt auf große Zusammenhänge ab. Und auf Voraussetzungen, die das Phänomen Napoleon in Aufklärung und Revolution findet.

Schon zum Start, wo sich das kleine Porträt des 27-Jährigen im Kreise gleichaltriger Größen wiederfindet: Humboldt, Hölderlin, Beethoven  ... Sie alle erlebten als junge Männer entscheidende Jahre. Nicht nur in Frankreich elektrisierte der Zusammenbruch der absoluten Monarchie, der Triumph von „Gleichheit und Freiheit“ die Geister. Die Schau führt Napoleon Bonaparte als typischen Vertreter der „novi homines“ ein, jener „neuen Männer“, deren rasanter Aufstieg erst durch die Revolution und die zunehmende Durchlässigkeit und Dynamisierung der Gesellschaft möglich wurde.

Der Sohn eines korsischen Anwalts und Richters arbeitete sich in der Armee Schritt für Schritt nach oben. Bald getrieben vom Traum des Imperiums. Seit Jahrzehnten schon kursierte das Streben nach einer international gültigen Ordnung unter aufgeklärten Geistern – untrennbar verbunden mit der Utopie eines „ewigen Friedens“. Solche Gedanken haben Napoleon sicher mitgeprägt. Auch wenn es wenig mit „ewigem Frieden“ zu tun hatte, was er in Europa anrichtete. Mindestens zwei, wahrscheinlich drei Millionen Soldaten ließen bei seinen Eroberungszügen ihr Leben, unzählige wurden verwundet.

Ein Faktum, dessen Folgen die Wissenschaft bisher kaum beschäftigt haben. In Bonn wird ihm nun einige Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders eindrücklich wirkt eine Serie von Aquarellen, die der Chirurg Charles Bell 1815 nach der Schlacht bei Waterloo anfertigte: abgetrennte Arme, durchlöcherte Köpfe, schockstarre Blicke.

Binnen rund 20 Jahren unterwarf Napoleon fast ganz Kontinentaleuropa. Ins Zentrum seiner imperialen Vision rückte Paris, wo der Herrscher mit aller Macht das geistige und kulturelle Gedächtnis Europas zu bündeln suchte. Komplette Kunstsammlungen und Archive aus Holland, Belgien, Italien, Polen und aus dem deutschsprachigen Raum wanderten damals in die französische Hauptstadt.

Interessant ist es zu sehen, wie Napoleon bei all den Aktivitäten, bei seinem unaufhaltsamen Aufstieg Künstler für sich einzuspannen verstand. Alle Register wurden gezogen, alle möglichen Herrscher-Ikonografien bemüht und vermischt, wenn es um die eigene Verherrlichung ging.

Bezeichnend ist Jean-Auguste-Dominique Ingres’ 1806 gemaltes Monumentalbildnis des Kaisers – ein herausragendes Stück der Schau. Stocksteif, mit kaltem Blick und Purpurmantel sitzt er auf dem Thron. Gleich einer Ikone in Frontalansicht zeigt der Maler Napoleon und bedient sich dabei kräftig aus byzantinischen wie antiken Quellen. Nichts erinnert mehr an den nachdenklichen jungen Mann, der uns auf dem kleinen Porträt zu Beginn des Rundgangs entgegentritt. Kaum zu glauben, dass gerade mal zehn Jahre zwischen diesen beiden Napoleon-Bildern liegen.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, bis 25. April. Katalog 39,95 Euro.

Stefanie Stadel