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Kultur Ausstellung "Purer Zufall" im Sprengel Musem
Mehr Welt Kultur Ausstellung "Purer Zufall" im Sprengel Musem
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17:58 03.02.2014
Spachteln, kleben, schießen: Der Zufall regiert bei Gerhard Richters „Firenze“ mit. Bis zum 15. September im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Quelle: www.sprengel-museum.de (Ausschnitt)
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Hannover

Im Anfang war das Experiment: Was passiert, wenn man drei Fäden von je einem Meter Länge aus einem Meter Höhe auf eine ebene, schwarze Leinwand fallen lässt? Marcel Duchamp, der Wegbereiter des Dadaismus, hat es 1913 ausprobiert und das auf der Leinwand fixierte Resultat „Die 3 Musterfäden“ genannt. Und damit der Ausstellung „Purer Zufall. Unvorhersehbares von Marcel Duchamp bis Gerhard Richter“, die am Mittwoch im Sprengel Museum in Hannover startet, pünktlich 100 Jahre später den Jubiläumsanlass geliefert.

Gutes Timing, Monsieur Duchamp? Oder einfach Zufall? Sicher ist: Streng nach dem Zufallsprinzip hat Annerose Rist, Kuratorin im Sprengel Museum, dessen Bestände für diese Ausstellung durchforstet. Sie hat dabei so viele Kunstwerke gefunden, bei deren Gestaltung der Zufall eine Rolle spielt, dass für die insgesamt 70 Exponate umfassende Ausstellung nur zwölf externe Leihgaben erforderlich waren.

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Das ist bei einem Museum, das so stark der Avantgarde, der klassischen Moderne und den Zeitgenossen verpflichtet ist, kein Zufall. Denn in den vergangenen 100 Jahren ist der Glaube an die Souveränität des Künstlers und die Autonomie des Kunstwerks wie nie zuvor in die Krise geraten. Und die Antwort der Avantgardisten auf diese Krise war es, die Grenzen von Kunst und Leben aufheben zu wollen, Kunst in Leben zu überführen. Wenn aber die Kunst Teil des Lebens sein soll, dann muss der Zufall wie zum Leben auch zur Kunst gehören.

Die Ausstellung selbst ist nicht nach dem Zufallsprinzip gegliedert, sondern nach den Techniken der Zufallssimulation. Nicht immer drückt sich der Zufall einfach im Fallen aus wie bei Duchamps Fäden - auch wenn es dafür gleich mehrere Beispiele gibt. Etwa die Tropfbilder von Jackson Pollock oder Niki de Saint Phalle. Oder die Zettelfetzen, die Kurt Schwitters 1922 und 1923 auf eine Unterlage rieseln lässt und „Elite“ oder einfach „Irgendwas“ nennt. Vor allem im Umgang mit Farbe unternahmen Künstler einige Anstrengungen, um dem Zufall zum Ausdruck zu verhelfen. Gerhard Richter hat 1982 den Spachtel auf seinem „Abstrakten Bild“ erst waagerecht, dann senkrecht angesetzt, um hinter dem düsteren obersten Anstrich grüne, gelbe, blaue und rote Schichten eher zufällig als regelmäßig hervorleuchten zu lassen. Und zur Jahrtausendwende hat er mit derselben Technik, doch anderen Farben auch dem Gegenständlichen gehuldigt - indem er ein Foto aus Florenz übermalt und teilweise per Spachtel wieder freigelegt hat („Firenze“, 2000). Max Ernst hat Farbverläufe zu Baumstrukturen durch Pressen und Abziehen erzeugt („Die faszinierende Zypresse“, 1940). Niki de Saint Phalle hat Farbbeutel („Alter Meister“, 1961) von anderen beschießen lassen - und so das Auslösen ästhetischer Effekte abgetreten.

Überhaupt, die Delegation an äußere Instanzen ist bei den Apologeten des Zufalls beliebt: Dieter Roth hat 1971 fünf „Gewürzfenster“ tischlern und vom Tischler auch gleich mit Gewürzen befüllen lassen - und damit die Autorschaft für deren farbige Schichtung abgetreten. Seine „Große Landschaft“ (1969) zeigt den Zersetzungsprozess von Käse, sein „Großer Sonnenuntergang“ (1968) den von Wurst. Und er lässt den Betrachter selbst zum Schöpfer werden, der sein „Kugelbild“ (1962) drehen und darauf Holzkugeln in klackernde Bewegung und Neuordnung versetzen darf.

Außer auf externe Einflüsse wie bei derlei „Eat Art“ oder Mitmachkunst setzen Künstler auch auf anonyme Kräfte oder Regeln, um dem Zufall aufzuhelfen. Duchamp hat 1913 für sein „Erratum Musical“ Noten zerschnipselt, aus einem Hut gezogen und so neu kombiniert. Richter hat über die Farbabfolge für sein Bild „1260 Farben“ per Los entschieden. Andere Künstler haben sich Entscheidungen von Zufallsgeneratoren in Computern abnehmen lassen.

Entfesselt das die ungeahnte Kreativität der Technik? Der treffendste Ausdruck für jene Einflüsse, die der Künstler aus der Hand zu geben vermeint, ist „Zufall“ wahrlich nicht. Was in der Natur als Zufall wahrgenommen wird, ist in Wahrheit ja nur Resultat des Zusammenwirkens naturgesetzlicher Prozesse, deren wechselseitige Beeinflussung sie als schöpferische, subjektive Kraft allenfalls erscheinen lässt. Der „Gott Zufall“ erweist sich da bei näherem Hinsehen als der Maschinist, der dem Wirken seiner Gesetze im mal in Gang gesetzten Weltgetriebe bloß noch zuschauen kann.

Das wusste wohl auch Marcel Duchamp. „Es war eine große Erfahrung“, notiert er nach seinem Faden-Experiment 1913 fast andächtig. „Wichtig war es, die zufällige Anregung aufzunehmen - viele meiner höchst durchorganisierten Kunstwerke wurden mir anfänglich durch solche Zufallsbegegnungen eingegeben.“ Duchamp hat also den Zufall nur als Impuls verstanden, die Regie seiner Kunstproduktion aber nie an diesen undurchschauten Schöpfer abgetreten - von Leugnung des künstlerischen Genius keine Spur.

Stefan Stosch 11.05.2013
Kristian Teetz 11.05.2013