Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Ausstellung „Less Art“ von Elke Krystufek abgesagt
Mehr Welt Kultur Ausstellung „Less Art“ von Elke Krystufek abgesagt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:47 03.12.2009
Kennt keine Kompromisse: Die Aktionistin und Malerin Elke Krystufek.
Kennt keine Kompromisse: Die Aktionistin und Malerin Elke Krystufek. Quelle: Krystufek
Anzeige

Auf eines Ihrer Selbstporträts haben Sie geschrieben, die Atmosphäre in der Kunstwelt erinnere Sie an ein Leichenschauhaus. Ist das so?

Das Zitat stammt von Bruce Chatwin, der sicher erfahren hat, was die sogenannte „heterosexuelle Matrix“ im Kunstbetrieb bedeutet.

Bei Ihrer Auseinandersetzung mit der Kestnergesellschaft hat es Blessuren auf beiden Seiten gegeben. Wie sehen Sie den Fall?

Ende vergangener Woche wurde ich von der Kestnergesellschaft davon in Kenntnis gesetzt, dass fast alle meine Arbeiten nicht rechtzeitig zur Eröffnung meiner Ausstellung am 3. Dezember nach Hannover transportiert werden würden. Aus diesem Grund sah ich mich am 28. November gezwungen, die Ausstellung abzusagen. Unrichtig ist, dass ich zusätzliche Forderungen für die Realisierung der Ausstellung gestellt habe.

Sie wollen in Ihrer Kunst Machostrukturen entlarven. Haben Sie das Gefühl, das sei Ihnen bei der Kestnergesellschaft gelungen? Fühlen Sie sich jetzt als Siegerin oder als Unterlegene?

Meine Kunst ist eine Form von Geschichtsschreibung, die langfristig mithilft, Strukturen zu verändern, ähnlich wie das Virginia Woolf in England gemacht hat oder Luise F. Pusch in Hannover. Feministinnen sind immer dann Siegerinnen, wenn ihre Arbeiten weiterkommuniziert werden, wenn sie Denkweisen zum Positiven hin verändern. Und Künstlerinnen sind dann Siegerinnen, wenn ihre Arbeiten auch rechtzeitig angekauft werden.

Muss man als Frau in der Kunstwelt immer noch stärker kämpfen als Männer?

Meine Politik ist eine Form von Kommunikation, die abseits des Kampfes stattfindet.

Da letztlich Sie die Schau abgesagt haben, könnten Entschädigungsforderungen auf Sie zukommen. Schreckt Sie das?

Die Kestnergesellschaft ist in erster Linie an einer Verschiebung der Ausstellung interessiert. Tatsächlich wurden keine Werke von mir kofinanziert, es gab lediglich ein Darlehen zur Unterstützung des Filmprojekts, das im Verkaufsfall der Arbeit zurückzuerstatten ist.

Von den Künstlern wird oft erwartet, Ausstellungen mitzufinanzieren, zum Beispiel über Editionen. Außerdem erfährt man es als Ausstellungsbesucher in der Regel nicht, wenn manche Schau von Galeristen getragen wird. Halten Sie das für anstößig?

Mir persönlich war es immer ein Anliegen, meine Ausstellungen in Institutionen mit den von den Institutionen zur Verfügung gestellten Budgets zu realisieren. Geld ist ohnehin nicht immer der bestimmende Faktor für erfolgreiche Kunstproduktionen. Einige meiner gelungensten Ausstellungen sind zu einem hohen Anteil dem großen persönlichen Engagement der Veranstalter zu verdanken, wie zum Beispiel bei Camera Austria in Graz, dem Museum Dhondt-Dhaenens in Deurle oder dem Museum für angewandte Kunst in Wien. Was Editionen angeht, habe ich für einige deutsche Kunstvereine unabhängig von Ausstellungen Editionen hergestellt, zum Beispiel für den Kölnischen Kunstverein, den Neuen Berliner Kunstverein oder den Ulmer Kunstverein. Für mich war es nie abwegig, eine Edition für die Kestnergesellschaft herzustellen, lediglich die unübliche Abrechnung der Edition von hundert Prozent zugunsten eines Kunstvereins erschien mir unangemessen.

Die Institution profitiert vom Glanz des prominenten Künstlers und umgekehrt. Der Künstler ist Gast der Institution – von ihm wird ein gewisser Grad an Anpassung erwartet. Hatten Sie das Gefühl, sich als Künstlerin in der Kestnergesellschaft exhibitionieren zu sollen – und wieso haben Sie sich quergestellt?

Der eingangs erwähnte zu späte Transport hätte die geplante Ausstellung unmöglich gemacht.

Werden Sie die Erfahrung in ein Kunstwerk einfließen lassen – oder betrachten Sie womöglich den Prozess der Eska-
lation bereits als Kunstwerk?

Meine Kunstwerke entstehen in erster Linie aus kunsthistorischen Zusammenhängen. Die Inspirationen laufen daher sehr langfristig und sind oft historische.

Inwieweit gehen Sie strategisch vor?

Meine Strategien gehen nur in die Richtung, wo positive Kontakte für einen künstlerischen Austausch möglich sind.

Wieso sollte die Ausstellung
in Hannover „Less Art“, also 
„weniger Kunst“ heißen?

Für die Ausstellung gab es viele mögliche Titel. Ein anderer ist „Less Male Art“. Mich interessiert, wie mit Sprache im Kunstkontext umgegangen wird. Daher war es mir auch wichtig, für den möglichen Katalog beziehungsweise das Künstlerbuch Autoren einzuladen, die ein sehr hoch entwickeltes Sprachgefühl haben wie die Schriftstellerin Chris Kraus und Karl-Josef Pazzini, der Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Didaktik der Bildenden Kunst an der Universität Hamburg ist. Beide kennen meine Arbeit schon lange, und es war eine besondere Freude, mit ihnen wieder zusammenzuarbeiten.

Sie interessieren sich für Rollenspiele
 und wie man Beziehungen
manipulieren oder dominieren kann. Welche Rolle haben Sie für die Medien
in Ihrem künstlerischen Konzept
vorgesehen?

Rollenspiele sind Teil jeden menschlichen Lebens. Das fängt schon mit der Trennung von Beruf und Privatheit an. Mich interessieren nur nicht hierarchische Beziehungen ohne Machtspiele. Die Medien spielen eine Vermittlerrolle, wobei sich die Komplexität eines künstlerischen Werks nicht leicht in der Tagespresse kommunizieren lässt.

Hätten Sie Lust, die Ausstellung in Hannover doch noch zu machen?

Vonseiten der Kestnergesellschaft gab es vom Anfang der Absage an das Bemühen, die Ausstellung zu verschieben. Dem steht von meiner Seite her nichts entgegen.

Interview: Johanna Di Blasi