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Kultur Auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart
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14:16 12.06.2009
Von Andreas Schinkel
Der Regisseur Dries Verhoeven macht bei seinem Freilufttheaterstück "Niemandsland" die Zuschauer zu Akteuren. Quelle: Patrice Kunte

Verloren stehen wir unter der ratternden Anzeigetafel des Hauptbahnhofs. Jeder hält ein Schild hoch, auf dem in schwarzen Lettern ein Name steht – etwa Ali, Soheila oder Hossein. Neugierige bleiben stehen, gaffen uns an. In unseren Kopfhörern rauschen die üblichen Bahnhofsgeräusche, das Quietschen von Gummisohlen auf Steintreppen, das Schnarren der Rollkoffer, entfernte Lautsprecherdurchsagen. Dann formt sich aus dem Klangbrei eine sphärische Musik, ein getragener Gesang in einer fremden Sprache hebt an. Nach ein paar Minuten stellen wir fest, dass einige der Gaffenden ihren Mund bewegen, so als sängen sie mit. Erleichterung macht sich breit, Ali, Soheila und die anderen 20 „Guides“ holen uns endlich ab. Sie nehmen uns mit auf eine Tour durch die Stadt – und durch den Dschungel unserer Vorurteile.

„Niemandsland“ heißt das Theaterstück von Dries Verhoeven, das von heute an dreimal täglich bis zum 21. Juni aufgeführt wird. Die Worte „Theaterstück“ und „Aufführung“ werden der Sache jedoch nicht gerecht. Der junge Regisseur aus den Niederlanden hat für das hannoversche Festival Theaterformen eine Art Reise konzipiert, die unterschiedliche Ziele verfolgt. Zunächst ist es ein Spaziergang durch Hannovers City bis hinein in die Nordstadt. Jeder „Zuschauer“, auch der Begriff ist eigentlich unangemessen, bekommt einen persönlichen Reiseführer, einen „Guide“ zugeteilt. Die „Guides“ sind Laienschauspieler, die Verhoeven für dieses Stück ausgewählt hat, „ganz normale Hannoveraner mit einem sogenannten Migrationshintergrund“, wie der Regisseur sagt. Während des Spaziergangs erzählen uns die Reiseführer Geschichten. Aber es sind keine Geschichten über die Sehenswürdigkeiten der Stadt, und es ist auch nicht die Stimme unseres persönlichen „Guides“, die aus den Kopfhörern dringt und uns mitnimmt zum eigentlichen Ziel unserer Reise. Es sind Geschichten von Schicksalen und Lebenswegen, von Lügen und Rechtfertigungen, von Gründen und Vorurteilen, von all den möglichen und unmöglichen Umständen, die dazu geführt haben, dass Ali, Hossein und die anderen uns jetzt in unserer Stadt herumführen.

„Das ist nicht meine Sprache. Das ist die Stimme eines Schauspielers“, höre ich die wohlklingende Stimme in meinem Kopfhörer sagen. Dabei blickt mir Hossein fest ins Gesicht, geradezu starr. Nachdem wir die Bahnhofshalle verlassen und den Ernst-August-Platz in zügigen Schritten überquert haben, sind wir an der Ecke Schillerstraße/Andreaestraße stehen geblieben. Wir mustern uns, ich taste sein Gesicht ab: markante Stirnfalten, geschwungene, fast weibliche Lippen, tiefbraune Augen – und wende mich verschämt ab. Derweil höre ich die Sätze: „Ich könnte versuchen, näher zu kommen. Ich könnte die Spannung aus der Luft nehmen. So schwierig das auch ist.“ Dann schließt Hossein die Augen, so als ob er überlegt, was er denn mit mir anfangen solle, und ich komme mir für einen Moment verloren vor, wie ein Kind, das zwar von der Schule abgeholt wurde, aber auf halbem Weg stehen gelassen wird. Dann öffnet er die Augen. „Ich nehm dich mit. Du kannst mir folgen, mit ein bisschen Abstand.“ Fröhliche, folkloristische Musik setzt ein, Hossein bewegt seine Hände im Takt, und beschwingt gehen wir die schmutzig-graue Mehlstraße entlang.

Wir biegen in die Georgstraße ein, Hosseins Bewegungen werden immer ekstatischer, fast dirigiert er die Musik. Einige junge Mädchen mit ausgebeulten Einkaufstaschen werden auf uns aufmerksam, sie kichern, ein Mann mit rasiertem Schädel tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Vorbei geht es an den Ständen der fahrenden Händler mit ihren kitschig-bunten Schmuckauslagen. Währenddessen strömt eine Geschichte nach der anderen in mein Ohr. „Ich könnte dir erzählen, dass ich verheiratet bin, zwei Kinder habe, dass ich nach Hannover gekommen bin, um Hochdeutsch zu lernen, dass ich Mechaniker oder Taxifahrer bin. Das wäre normal und beruhigend“. Unwillkürlich muss ich nicken.

Nachdem wir die lärmende U-BahnStation Steintor durchquert haben, setzten die Musik und das wohltuende Wortgeplätscher aus. Wir bleiben vor einer grauen Steinmauer am Ausgang des U-Bahn-Schachts stehen. „Ich kann dir vom Gefängnis im Iran erzählen, vom Gefängnis in Eritrea, von der JVA Hannover. Dass ich im Knast ein besseres Leben hatte.“ Hossein hat sich wieder umgedreht, der kleine, drahtige Mann sieht mich herausfordernd an. Schweißperlen sammeln sich in meinem Nacken, die Wände rücken bedrohlich nahe. „Ich kann dir erzählen, dass ich keine ,9 Millimeter‘ habe, dass ich keine Drogen habe“, tönt es aus den Kopfhörern. Dann dreht er sich abrupt um, und eine sanfte Musik trägt uns bis zum Klagesmarkt.

Dort, wo jeden Sonnabend die türkischen Markthändler um die Wette schreien und die Gemüsepreise nach unten purzeln lassen, bleibt mein Führer wieder stehen. Ich starre auf seinen Rücken, auf das graue, etwas abgetragene Jacket. „Ich kann eine andere Geschichte erzählen. Dass meine Tochter vergewaltigt wurde, vor meinen Augen.“ Was dann folgt, ist ein grausamer Albtraum. Minutiös zeichnet die Stimme in meinem Kopf die Szene nach, die Schreie, die Angst, die Gewalt. Ein paar Meter entfernt wischt sich eine andere Zuschauerin über die Augen, auch ihr „Guide“ ist stehen geblieben, blickt zu Boden. Langsam setzt sich Hossein wieder in Bewegung, überquert die Arndtstraße. „Nun denkst du: Jetzt verstehe ich. Wenn du so etwas erlebt hast, dann bleibt es in dir drin. Dann suchst du nach einem Ventil für deine Wut. Du wirst hart.“

Wir spazieren den Engelbosteler Damm entlang, jene Einkaufs- und Cafémeile, die die Nordstädter nur E-Damm nennen. Orchestrale, dramatische Musik setzt ein. „Vielleicht sollte ich einfach über etwas ganz Alltägliches sprechen“, höre ich. Und dann denkt der flinke, kleine Mann vor mir mit der Stimme eines anderen laut darüber nach, wie er mich zum Essen einlädt, wie er Couscous zubereitet, laute Musik auflegt, wie wir zusammen Wein trinken, uns sinnlose Geschichten erzählen, wie er aus den Werken Feuerbachs vorliest und ich einfach über Nacht bei ihm bleibe, weil ich für die letzte Bahn zu müde bin. Tänzelnd gehen wir vorbei an Döner-Buden und Eisdielen, Hossein dirigiert das sinfonische Werk in unseren Ohren. Ein Bettler wedelt mit den Armen und grinst uns an. Ich lächele zurück und habe das Gefühl, am Ziel der Reise angekommen zu sein. Doch am Schluss erwartet uns eine Überraschung.

„Niemandsland“ wird seit Mittwoch, 10. Juni, bis zum 21. Juni dreimal täglich aufgeführt. Treffpunkt ist immer die Eingangshalle vom Hauptbahnhof Hannover, jeweils um 15, 18 und 20 Uhr. Montag, 15. Juni, ist Ruhetag. Karten kosten 16 Euro, ermäßigt sechs Euro. Nur noch wenige Karten sind noch vorrätig und können unter der Telefonnummer (0511) 99991111 bestellt werden.

Kann Kunst demokratisch sein? Und gelingt es ihr, den Geschmack der Menschen zu spiegeln? Timm Ulrichs, seit 50 Jahren in Hannover beheimateter Konzeptkünstler, hat die Probe aufs Exempel gemacht. Für das Foyer des neuen VGH-Baus am Schiffgraben schuf er ein 90 Meter langes farbenfrohes Mosaik.

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