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Kultur Arno Lustiger ist tot
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06:16 19.05.2012
Von Simon Benne
Der Historiker Arno Lustiger ist gestorben. Quelle: dpa
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Hannover

Wenn er in kleiner Runde von seinem eigenen Schicksal erzählte, konnte das sehr nüchtern klingen. Als lege er Wert auf Distanz zur eigenen Biografie. Der Sohn eines Industriellen aus Oberschlesien hatte eigentlich Ingenieur werden sollen, doch mit 15 Jahren wurde Arno Lustigers Familie deportiert. Sein Vater wurde in Auschwitz ermordet, er selbst überlebte verschiedene Konzentrationslager und Todesmärsche. Nach einem Fluchtversuch im April 1945 spürten Volkssturmmänner ihn mit Hunden auf. Auf dem Weg zur Exekution floh er erneut: „Sie schossen, und ich werde nie erfahren, ob sie schlechte Schützen waren oder gute Menschen“, sagte er einmal.

Vom eigenen Leid und darüber, dass auch er selbst im KZ Langenstein bei Halberstadt für die „Verschrottung durch Arbeit“ vorgesehen war, sprach er eher im akademischen Ton des Geschichtswissenschaftlers. Dafür sprach er vom Leid anderer Verfolgter mit der Empathie des Betroffenen. So wurde der Historiker Arno Lustiger, der nie Abitur gemacht und nie eine Hochschule besucht hatte, zu einem der wirkmächtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren in Frankfurt gestorben, wo er eine Heimat gefunden hatte. Hier hatte er nach dem Krieg eine Textilfirma eröffnet und, obgleich Atheist, die jüdische Gemeinde mit aufgebaut. Den Stadtteil Sachsenhausen nannte er einmal halb im Scherz sein „Schtetl“.

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Erst spät, mit 60 Jahren, nach einem Herzinfarkt, hatte er zu seiner Berufung gefunden: „Da habe ich mir geschworen: Wenn du nicht abkratzt, schreibst du auf, was du weißt“, sagte er einmal mit der schnodderigen Nonchalance eines Mannes, der die Hölle überlebt und vor nichts mehr Angst hat. Die NS-Zeit blieb sein Lebensthema, doch er brach die Allmacht Hitlers zugleich, indem er begann, Geschichte(n) zu erzählen: Lustiger wurde der wohl wichtigste Chronist des jüdischen Widerstands. „Juden galten lange als passive Feiglinge, die sich willenlos zur Schlachtbank führen ließen und an ihrem Unglück im Grunde selbst schuld waren“, sagte er.

In Werken wie „Zum Kampf auf Leben und Tod - das Buch vom Widerstand der Juden 1933-1945“ korrigierte er dieses Zerrbild. Er schrieb über jüdische Partisanen, die im Osten zu Tausenden gegen die Nazis kämpften. Und er schrieb - wie zuletzt in seinem 2011 beim Göttinger Wallstein Verlag erschienenen Buch „Rettungswiderstand“ - über die vielen Menschen, die Juden halfen: „Es ist viel zu wenig bekannt, dass es auch in Deutschland Tausende gab, die dafür ihr eigenes Leben riskierten“, sagte er.

Da schwang in den Worten des weltoffenen Denkers viel Versöhnungsbereitschaft mit, eine tiefe Skepsis gegenüber schnellen Urteilen - und viel von seinem Anliegen, der Freiheit zu ihrem Recht zu verhelfen: „Jeder hat Tapferkeit und Feigheit in seiner Brust“, sagte er. Es war sein Credo, dass jeder Mensch sein eigener Herr ist; dass jeder - wenigstens in gewissen Grenzen - darüber entscheiden kann, wie er seine Spielräume nutzt. Dieser Haltung entsprang auch sein eigenes Engagement: Mit Verve focht der streitbare Lustiger Scharmützel mit seinem Lieblingsfeind aus, dem US-Historiker Raul Hilberg. Offen kritisierte er auch Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck oder Günter Grass, wenn diese sich kritisch über Israel oder die NS-Vergangenheit äußerten.

Wie sein berühmter Cousin Jean-Marie Lustiger, der zum Katholizismus konvertierte und Kardinal von Paris wurde, lebte auch Arno Lustigers Tochter Gila in Frankreich. In ihrem Roman „So sind wir“, einer jüdischen Familiensaga, hat sie auch ihrem Vater ein Denkmal gesetzt. Lustiger selbst hatte seine Werke jenen gewidmet, die mehr als nur Opfer sein wollten: „Meine Bücher“, sagte er bei seiner Rede im Bundestag zum 60. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, „sind auch Epitaphe auf den nicht vorhandenen Grabsteinen der jüdischen Widerstandskämpfer.“

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