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Kultur Armin Mueller-Stahl singt und geigt
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18:32 03.10.2012
Von Rainer Wagner
Ein Herr mit Hut und Instrument: Armin Mueller-Stahl, gelernter Geiger, verzaubert mit leisen Tönen sein Publikum im Sendesaal. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Es gibt Tage, da wundert man sich sehr. Beispielsweise, wenn ein Star wie Armin Mueller-Stahl in die Stadt kommt, ein Benefizkonzert gibt und sich dann zehn Minuten vor Konzertbeginn nur wenige Menschen im Foyer des Kleinen NDR-Sendesaals sehen lassen. Da kann einem angst und bange werden. Schließlich geht es um einen ehrenwerten guten Zweck (den Verein „Löwenzahn-Zentrum für trauernde Kinder e.V.“) und um ehrbare Künstler.

Und dann geht man in den Saal - und der ist rappelvoll. Die saßen da alle schon, erwartungsvoll und vielleicht auch ein bisschen ehrfurchtsvoll. Schließlich ist Armin Mueller-Stahl nicht nur einer der ganz großen Schauspielstars, der im Osten, im Westen und international erfolgreich war, er ist auch einer der großen Alten. Was man sagen kann bei einem Multitalent, das im Dezember 82 Jahre alt wird. Er ist Schauspieler, Musiker, Maler und Schriftsteller. Als singender Schauspieler mit eigenen Texten präsentierte er sich jetzt in Hannover mit seinem Programm „Es gibt Tage…“.

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Ganz unspektakulär kommen sie auf die Bühne: Four Man in Black - und den schwarzen Hut nehmen Armin Mueller-Stahl, Kontrabassist Tom Götze, Akkordeonist Tobias Morgenstern und der Pianist, Komponist und Saxofonist Günther Fischer auch nicht ab. Wer nicht gerade zu Wort und Ton kommt, bleibt etwas im Halbschatten. Das will keine Show sein und ist gerade deshalb auf stille Weise spektakulär.

Gelegentlich greift Armin Mueller-Stahl zur Geige und das ist keine Koketterie. Immerhin ist er gelernter Geiger und examinierter Musiklehrer. Er spielt Melodien an, er umspielt sie, nutzt sein Instrument schon mal mehr als Fiedel denn als Geige. Sein „Bauchladenmann“ kann eben auch mit Geige und Bogen umgehen.

Mueller-Stahl singt und erzählt auf unvergleichliche Weise. Manchmal trotz Mikrofonunterstützung so leise, dass man ganz genau hinhören muss - und dann selbst in der letzten Reihe noch alles ganz genau versteht: alter Schauspielertrick. Seine Musikpartner illuminieren diese versponnenen, versonnenen und manchmal auch sehr verspielten Texte angemessen spielerisch. Wenn Pianist Günther Fischer zum Saxofon greift, dann übernimmt der Mann vom Schifferklavier eben den Flügel. Das ist Kammerjazz aus der Maßschneiderei. Fischer gibt den passenden Ton an und darf zum Schluss ja auch noch sein Solo auf „Solo Sunny“ anstimmen: Der Mann war immerhin einer der Größen der DDR-Filmmusik (aber später auch im Westen erfolgreich) und ein anerkannter Jazzer obendrein.

Diese Lieder stammen aus einer vergangenen Zeit und wirken doch zeitlos. Man muss nicht wissen, dass die Geschichte von der blauen Kuh, die sich selbst austrank, weil ihr das Gras zu kitzelig war, in DDR-Zeiten als politische Anspielung verstanden wurde, weil die Kuh nicht nur mager, sondern auch hager wurde (und so der damalige DDR-Kultur-Chefideologe hieß). Dass der Song „Marie hat eine Nase“ die Stasi meinte, lag auf der Hand. Aber in der Tierfabel von der Spinne und dem Floh ein Gleichnis auf die Rolle der Partei zu sehen (wie Armin Mueller-Stahl in einem Interview über einen SED-Genossen berichtete), darauf muss man erst einmal kommen.

Einmal klang instrumental das Lied vom armen Augustin an, denn Mueller-Stahl sieht sich selbst als „Gaukler, über 60 Jahr‘“. Seine ältesten Texte sind rund 45 Jahre alt, der „Brief an den toten Geliebten“ etwa wurde vom Vietnamkrieg inspiriert und ist dennoch nicht zeitgebunden.

„Poetische Momentsaufnahmen“ nennt Mueller-Stahl diese Lieder, sie präsentieren ein Kammerspiel der Gefühle. Der Schauspieler und Dichter entführt sein gefesseltes Publikum in die Geschichte und in die Geschichten: das ist skurril und abgeklärt. Der Texter liebt Wortspiele und Anspielungen, die dann auch musikalisch aufgegriffen werden. Das ist mal wunderlich und mal weise und meist wunderbar.

„Es gibt Tage…“, an denen man den Abend loben kann.

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