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Kultur Angst um Theaterwerkstatt
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19:19 04.12.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Welche Perspektive hat das freie Theater in Hannover? Und wie viel Weitblick haben die Entscheider? Szene aus „Kleiner Mann Gras“, das die Theaterwerkstatt im Sommer 2010 spielte. Quelle: Finster
Hannover

Der alte Theatermann wollte den großen Auftritt - und er verschaffte sich ihn. Nachdem bei der Diskussionsrunde zum Thema „Ein Zentrum für freies Theater im Pavillon“ das Schlusswort längst gesprochen war, erhob sich Peter Henze, der vor fast vierzig Jahren in Hannover die Theaterwerkstatt mitgegründet hatte, und setzte zu einer leidenschaftlichen Rede an. Er beschwor die Anwesenden, den „Rest von anarchischem Charakter“, der von dem Kulturzentrum ausgeht, für die Stadt zu erhalten und sich nicht für ein Modell des freien Theaters im Pavillon zu entscheiden, bei dem die Theaterwerkstatt möglicherweise aus dem Haus gedrängt werden würde.

Diese Gefahr besteht. Das Kulturzentrum Pavillon am hannoverschen Raschplatz verändert sich. Im Januar schon wird das Zentrum geschlossen, dann beginnen die Umbauarbeiten, an deren Ende das Kulturzentrum nicht nur energetisch saniert sein soll, sondern auch Raum für noch mehr Theater bietet. Nur für welches?

Über vier Bühnen (und insgesamt 4000 Quadratmeter Fläche für die Kultur) wird der Pavillon nach der Sanierung verfügen. Auf allen könnte Theater gespielt werden. Sogar zeitgleich, denn auch die Akustik des Hauses soll verbessert werden. Man will Theaterfestivals im Pavillon veranstalten, vielleicht könnte auch das Festival „Theaterformen“ das neue Kulturzentrum nutzen. Das Gastspielangebot soll auch erweitert werden. Und die Theaterwerkstatt, die man bisher nur über einen Hintereingang des Pavillongebäudes besuchen konnte, wird mit der Sanierung ins Zentrum des Hauses rücken. Aber wird sie dort auch ihren Platz haben? Und wird der sicher sein? Diese Fragen sind nicht geklärt - und die Sorgen des Theatergründers Peter Henze scheinen berechtigt.

Der Pavillon hatte zu einer Gesprächsrunde geladen, in der über die Zukunft des freien Theaters beratschlagt werden sollte. Thomas Lang moderierte sachkundig und klug, Sabine Trötschel stellte die Arbeit der Theaterwerkstatt vor, und Wanja van Suntum berichtete von seiner Gruppe „Cobratheater Cobra“, bei der nicht nur der Name ungewöhnlich ist, sondern auch das Konzept. Die Theaterwerkstatt arbeitet fest im Pavillon, die Leute von „Cobratheater Cobra“ würden gern - und andere freie Theatergruppen auch. Und genau das ist das Problem. Wird die Theaterwerkstatt das Recht behalten, die einzige freie Gruppe zu sein, die das neue Kulturzentrum nicht nur als Auftritts-, sondern auch als Probenort nutzt? Gibt es ein Erbrecht auf Theaterräume?

Gibt es nicht - meint Hans-Christoph Zimmermann. Der Kulturjournalist („taz“, „Neue Zürcher Zeitung“) gehörte der „Perspektivkommission“ an, die im Auftrag des Kulturamtes der Stadt Frankfurt am Main eine Evaluierung der freien Theaterszene der Stadt vorgenommen hat. Der Abschlussbericht, der im März veröffentlicht wurde, wurde sehr kontrovers diskutiert. Zimmermann und seine Kollegen empfehlen eine veränderte Förderpolitik und sprechen Themen an, mit denen sich die freie Szene ungern auseinandersetzt: das fortgeschrittene Alter der Theatermacher, die gesicherten und abgegrenzten Spielbezirke, die Verteidigung des Erreichten. „Ältere Theatermacher binden Fördermittel“, sagt der Theaterexperte, „jüngere Künstler haben kaum Chancen, ein Haus zu übernehmen.“

Für das neue Kulturzentrum Pavillon stellt sich die Frage, wie der Theaterbetrieb in Zukunft organisiert werden soll. Ein Produktionsort für freie Gruppen soll der neue Pavillon wohl nicht werden, dafür fehlen die Probenräume. Die einzige Gruppe, die hier produziert, ist die Theaterwerkstatt. Dabei wäre ein Haus, in dem Produktionen der freien Szene entstehen könnten, für Hannover wichtig; darin waren sich die meisten Teilnehmer der Diskussionsrunde einig. Und es gab drängende Nachfragen, ob das Kulturzentrum nicht auch anderen Theatergruppen offenstehen sollte - und zwar jenseits von gelegentlichen Gastspielen. Dass der Pavillon zurzeit noch kein Produktionsort fürs freie Theater sein will, empfindet auch Wanja van Suntum vom „Cobratheater Cobra“. Er drückte das so aus: „Wir haben nicht das Gefühl, hier eingeladen zu sein.“

Ein Modell für das künftige Kulturzentrum Pavillon wäre das Intendantenmodell: Ein Kulturmanager organisiert den gesamten Theaterbetrieb im Pavillon. Dann hätten junge freie Gruppen die Chance, hier längerfristig Produktionen zu erarbeiten - aber die Theaterwerkstatt hätte dann kein ständiges Hausrecht mehr. Die Gruppe wäre eine unter vielen.

Das alte Nebeneinander von Theaterwerkstatt und Gastspielbetrieb im Pavillonprogramm scheint die Kulturpolitik(er) zunehmend zu langweilen. Lothar Schlieckau (Grüne), der Vorsitzende des Kulturausschusses der Stadt, fragte nachdrücklich nach der neuen Qualität des Theaterangebots im Pavillon nach dem Umbau. „Es kann doch nicht sein, dass wir hier 12,6 Millionen Euro investieren, und am Ende wird sich im Wesentlichen nichts ändern.“

Verblüffenderweise scheint die Theaterwerkstatt, die einmal für ein anderes Theater eingetreten ist, den gewünschten Veränderungen eher im Weg zu stehen. Und noch etwas verblüfft: Früher kam der Wunsch nach Innovation von den Künstlern. Sie mussten das Neue oftmals gegen die Kulturpolitik durchsetzen. Heute sind es die Kulturpolitiker, die den Kulturschaffenden Innovationen verordnen.

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