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Kultur André Glucksmann ist tot
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13:54 10.11.2015
André Glucksmann, einer der beutendsten französischen Philosophen der Gegenwart, ist tot. Quelle: dpa
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Paris

Glucksmann war überzeugter Marxist und militanter Maoist, bevor er in seinen Streitschriften gegen Diktatoren und totalitäre Regime kämpfte. Mit André Glucksmann hat Frankreich einen seiner bedeutendsten und umstrittensten Philosophen verloren.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande würdigte Glucksmann als Verteidiger der Unterdrückten. Er habe immer das Leiden der Völker angeprangert, teilte er über Twitter mit.
Sein erster und bester Freund sei nicht mehr, teilte sein Sohn Raphaël auf Facebook mit. Er habe das unglaubliche Glück gehabt, mit einem ebenso guten wie genialen Mann zu lachen, zu diskutieren, zu spielen und zu reisen, schrieb der Journalist und Filmregisseur über seinen Vater. Der 36-Jährige hatte den Tod Gluckmanns bekanntgegeben.

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Buch „Discours der la guerre“

Bereits in seinem ersten Buch „Discours der la guerre“ (etwa: Diskurs über den Krieg) aus dem Jahr 1968 geißelte er den Krieg und die Politik der nuklearen Abschreckung. Als Antimilitarist und überzeugter Kommunist nahm er im selben Jahr an den großen Demonstrationen im Mai teil, die sich auch gegen den Vietnamkrieg richteten.

Seite an Seite mit Jean-Paul Sartre ging er damals als überzeugter Marxist auf die Straße, bevor er sich Mitte der 70er Jahre den „Neuen Philosophen“ anschloss. Unter ihrem Einfluss kehrte er dem Kommunismus radikal den Rücken. Auslöse sei Solschenizyn mit seinem Buch „Archipel Gulag“ gewesen, das ihm die Augen geöffnet habe, wie er damals gestand. In seinem 1976 erschienenen Buch „Köchin und Menschenfresser“ rechnet er mit stalinistischen und marxistischen Systemen ab.

Von nun an kämpfte Glucksmann in seinen Werken gegen jegliche Form des Totalitarismus. Er machte sich zum Verteidiger der Menschenrechte und der Demokratie. Er kritisierte Europas Politik der Nichteinmischung. Mit Deutschland ging er dabei besonders hart ins Gericht. Er warf der Regierung vor, die Macht von Menschenschlächtern zu akzeptieren, weil sich Deutschland aus dem Libyen-Einsatz gegen Muammar al-Gaddafi herausgehalten hatte.

In Deutschland wurden zahlreiche seiner Werke publiziert, darunter „Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager“, „Philosophie der Abschreckung“ und „Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“.

Glucksmann unterstützte den Krieg im Irak, die Unabhängigkeit Tschechiens und 2007 auch den konservativen Politiker Nicolas Sarkozy als Präsidentschaftskandidaten. Ein Fehler, zu dem er sich jedoch knapp vier Jahre später in seinem Buch „La République, la pantoufle et les petits lapins“ (etwa: Republik, Pantoffel und kleine Hasen) bekannte. Seinen Gesinnungswechsel vom überzeugten Linken zum Anhänger des Ex-Präsidenten erklärte er damit, dass er seit Jahren schon bei den Linken die internationale Solidarität vermisse.

Glucksmann stammte aus einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Osteuropa, die nach Frankreich emigrierte. Geboren wurde er am 19. Juni 1937 bei Paris, kurz nach der Flucht seiner Eltern aus Deutschland. Sein Vater kam nach dem Einmarsch deutscher Truppen ums Leben. André und seine Mutter wurden in ein Lager bei Vichy gebracht, das sie jedoch wieder verlassen durften.  

dpa

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