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00:15 20.12.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Am Freitag soll die Welt untergehen – wieder einmal. Quelle: dpa
Hannover

Die Erde wird untergehen – da haben die Astronomen keinen Zweifel. In gut drei Milliarden Jahren wird die immer heißer werdende Sonne alles Leben ausgelöscht haben, einige Milliarden Jahre später wird die Erde in Flammen aufgehen. Der Menschheit raten einige Physiker, in etwa einer Milliarde Jahren auf den Mars umzuziehen.

Sicher ist auch, dass der von manchen für Freitag, den 21. Dezember 2012, erwartete Weltuntergang ausfällt - wie alle bisher prophezeiten Apokalypsen in den vergangenen drei, vier Jahrtausenden. Dass die Trefferquote der Weltuntergangspropheten so blamabel ist, hat der Faszination für das apokalyptische Szenario aber nichts anhaben können.

Warum das so ist, erörtert der Publizist Christian Schüle in seinem gerade erschienenen Buch „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“ (Pattloch, 347 Seiten, 24,99 Euro). Er hat in seiner gut lesbaren, detailliert beschreibenden und nachvollziehbar argumentierenden Abhandlung Experten aus allen Wissenschaftsgebieten befragt und dabei theologische, psychologische, kulturelle und gegenwartskritische Aspekte zusammengetragen. Das reicht von den psychologischen Voraussetzungen der Religiosität, kosmologischen bis geschichtsphilosophischen Spekulationen, den Gründen für die in vielen Kulturen vorhandenen Sintflutmythen bis zum Spiel mit der Angst als Geschäftsgrundlage von Verlagen und Filmproduzenten.

Die Chronik der angekündigten Weltuntergänge reicht weit zurück. Schon Zarathustra (etwa 2000 v. Chr.), dessen Lehre die Staatsreligion des persischen Großreichs wurde (etwa 600 v. Chr.), hatte diese Vorstellung vom Ende der damaligen Welt durch einen Entscheidungskampf zwischen den Kräften der Wahrheit und jenen der Lüge. Er endet, das gehört zu den Gesetzen des Genres, mit der Rettung der Ersteren und Bestrafung der Letzteren. Das apokalyptische Denken gelangte dann von den Persern über das Judentum ins Christentum.

Dort findet es seinen deutlichsten Ausdruck im letzten Buch des Neuen Testaments, in der 100 Jahre nach dem Tod Jesu geschriebenen Offenbarung des Johannes. Muster und Stil dieser furios formulierten Vision haben Modellcharakter für viele folgende Weltuntergangsankündigungen.

Der Anlass war ein aktueller, ein realer Schrecken, die Verfolgung der Christen im Römischen Reich. Die prophetischen Worte von Johannes können als Durchhalteparolen verstanden werden, sie wollten den Verfolgten Trost und Hoffnung spenden. Mit der Apokalypse, so lautet die Botschaft, naht Rettung, die Wiederkunft Jesu. Das Schlachtfeld zwischen den Frommen und den Bösen ist das allen Kinobesuchern geläufige Armageddon.

Das Ergebnis dieses Ringens steht allerdings fest: Die von Sittenverfall und Ungerechtigkeit gezeichnete Welt wird von allem und allen Bösen befreit, es folgt ein Strafgericht, das die Frommen und Gerechten belohnt. Man erkennt das Muster von Ostern: durch den Kreuzigungstod zur Wiederauferstehung, durch Leid zur Erlösung, durch Tod zum Leben.

Johannes gelangen starke poetische Bilder von einer recht nützlichen Vagheit - sie ermöglichten, wenn das Ereignis mal wieder nicht eingetreten war, immer eine Uminterpretation. So konnte die spirituelle Wahrheit nicht widerlegt werden, schon gar nicht durch die Erfahrung. Im Bann dieser Vision standen auch die Kirchenväter, Augustinus eingeschlossen, ebenfalls Luther, der den Weltuntergang laut Schüle dreimal prophezeite, für 1532, 1538 und 1541.

Menschen müssen Unsicherheit bearbeiten, um diffuse Ängste einhegen zu können, sie wollen wissen, was auf sie zukommt. Bis heute wird die Bibel nach versteckten Zeichen durchsucht, apokalyptisch Gesinnte stellen mit den dort aufgefundenen Zahlen Rechenübungen an. Der Blick richtete sich aber schon immer auch nach oben - die Beobachtung der Sterne und ihrer Bewegungen gehört zu den ersten großen wissenschaftlichen Leistungen der frühen Hochkulturen.

Schüle geht in seinem Buch so weit, die Geburt der modernen Naturwissenschaft aus dem Geist der Apokalypse zu erklären. Auch Newton spornte der Glaube an das Jüngste Gericht an, die Natur systematisch zu beobachten. Dass damit Gott aus der Naturbeobachtung sukzessive vertrieben wurde, ist nicht verwunderlich. Die eigentliche Pointe ist aber, dass die zunehmende Berechenbarkeit der Welt, ihre Durchdringung mit den Gesetzen der Logik, nur brüchige Sicherheit schuf und das Problem des Sinns nicht lösen konnte.

Der Stachel des Todes plagt den Menschen, er weiß, dass dem Leben von Beginn an der Tod eingeschrieben ist. Die düstere, von Angst grundierte Faszination für das fatale Lebensziel eröffnet ein ergiebiges Geschäftsfeld für die Unterhaltungsindustrie, die vom Spiel mit den Ängsten - sie werden hervorgerufen, um vertrieben zu werden - profitiert. Unzählige aufwendig inszenierte Weltuntergangsszenarien (erinnert sei nur an Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ von 2004 oder „Waterworld“ von 1995) bedienen diese Angstlust. Sie behandeln vor allem den „sozialen Tod“, das Ende der Zivilisation, an deren Stelle ein nach sozialdarwinistischen Gesetzen funktionierender Naturzustand tritt, in dem der Mensch des Menschen Wolf ist. Dass damit solche Ängste zusätzlich geschürt und bestärkt werden, zumal die Nachrichtenmedien sich auch am Katastrophischen, an Überschwemmungen, Unfällen und Kriegen, orientieren, darf man annehmen.

Die existenzielle Unsicherheit wird durch wissenschaftliche Durchdringung der Welt allenfalls gemildert, ihre Entzauberung hat zu einer Art metaphysischer Heimatlosigkeit des Menschen geführt. Der aber hält es nur schwer aus, sich als Produkt eines kosmischen Zufalls zu sehen.

Das erklärt vielleicht, dass der in der westlichen Welt zu beobachtende Prozess der Individualisierung zwar die organisierten, theologisch durchdeklinierten Religionen geschwächt hat, aber das diffus Religiöse nicht verschwunden ist. Es gibt jede Menge konkurrierender esoterischer Mixturen, in denen die christliche, aber auch „germanische“, vor allem jedoch fernöstliche Mythen zusammengerührt sind.

Dabei sind ferne Kulturen für die Menschen aus den westlichen Gesellschaften deshalb so interessant, weil man ihnen eine größere Nähe zur Natur oder zum Göttlichen unterstellt als der eigenen. So kam denn auch der Kalender der Maya ins Spiel, der angeblich am kommenden Freitag abbricht. Altamerikanisten versichern, dass solches Denken den Maya fremd gewesen sei, dass der Kalender auf dem Kalkstein nur deshalb abbricht, weil die anderen Teile des Tempels zuvor abgerissen worden waren. Die Maya seien sehr wohl von weiteren Epochen ausgegangen.

Die Weltuntergangsmythen können sich aus vielen Quellen speisen, und die Rolle der Bösewichter kann mit den unterschiedlichsten Figuren besetzt werden. Selbst der Papst tritt in manch protestantischer Vision in satanischer Gestalt auf.

Das Apokalyptische ist darüber hinaus ein Denkmuster, das leicht politisiert werden kann. Das zeigt die Ideologiegeschichte vor allem des 20. Jahrhunderts. Man findet es im linken utopischen Denken, das nach der Revolution, einer robusten Reinigungskur, den Aufbau einer gerechten Welt verspricht. Das Denkmuster klingt auch an im Begriff der „Endlösung“, deren „Durchführung“ (das bezeichnet die bürokratische Dimension des Wahnsinnsunternehmens) der Errichtung eines reinrassigen germanischen tausendjährigen Reiches vorausgeht.

Beide Konzepte haben letztlich den Endkampf vor Augen. Das Denken ist bestimmt durch ein Entweder-Oder, ein absolutes Freund-Feind-Verhältnis, das keine Vermittlung, keinen politischen Kompromiss zwischen beiden mehr zulässt. Hier erteilen sich totalitäre Bewegungen selbst einen geschichtsphilosophischen Auftrag, der als Selbstermächtigung zum Terror taugt. Heute folgt der islamistische Fundamentalismus diesem Muster.

Die Sehnsucht, der Komplexität der Welt zu entfliehen und sich im Eindeutigen einzurichten, ist allerdings auch in den europäischen Gesellschaften weit verbreitet, selbst wenn die großen Erlösungserzählungen kaum noch eine Rolle spielen.

Untergangsängste können jedoch ebenso außerhalb eines geschlossenen Weltbildes wachsen und dabei echte Gefahren im Blick haben, etwa einen von Terroristen initiierten Atombombenangriff.

Der Klimawandel gehört zu den aktuellen Stimulanzien apokalyptischer Ängste. Eine Klimaerwärmung von zwei Grad, berechneten Wissenschaftler, könnten zu Überflutungen führen (etwa 120 Millionen Bewohner von Küstenstädten müssten umgesiedelt werden) oder zu Dürren, die riesige Landmassen unfruchtbar machen. Der Kampf um knappe Ressourcen (Nahrung, Wasser und Erdöl) könnte in Kriegen enden. Eine massenhafte Migration würde die besser davongekommenen Gebiete, Europa etwa, in Panik versetzen - eine Entwicklung, die die Demokratie, unsere Zivilisation kaum überleben könnte.

Von einer Apokalypse zu sprechen wäre aber selbst bei diesem Worst-Case-Szenario nicht gerechtfertigt. Es gibt keine Hoffnung auf himmlische Errettung, weil hier keine metaphysischen Mächte im Spiel sind. Hier geht es um die Drohung einer Selbstzerstörung, auf die nur praktisch reagiert werden kann. Das apokalyptische Denkmuster kann allenfalls als Moralgenerator eingesetzt werden, um die Motivation zu steigern, sich situationsgemäß zu verhalten.

Nein, hier brechen nicht die vier apokalyptischen Reiter der Bibel mit Getöse über die Welt herein. Die heutigen apokalyptischen Reiter - sie heißen Profitgier, Ignoranz, Bequemlichkeit und Zynismus - sind schon seit Längerem unterwegs, der kommende Schrecken verbirgt sich in der Routine des Weiter-so, sie behaupten, einen Ausweg zu suchen, sie traben jedoch weiter auf den bekannten Pfaden. Ein grandioses Bild geben sie nicht ab: Sie reiten auf Eseln.

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