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Kultur Als die Byrds die Country-Musik neu prägten
Mehr Welt Kultur Als die Byrds die Country-Musik neu prägten
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00:15 11.04.2015
Von Mathias Begalke
Foto: Gram Parsons prägte den Country Rock.
Gram Parsons prägte den Country Rock.  Quelle: Bear Family (Archiv)
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Hannover

Die abfälligen Zwischenrufe, der Spott, die Feindseligkeit, die ihnen entgegenschlug, waren abzusehen. Schließlich kollidierten am 15. März 1968 in Nashville zwei Welten. Die Byrds, vier langhaarige Rocktypen aus Kalifornien, traten in der „Grand Ole Opry“ auf - als erste Musiker mit Mähne. Die Radiosendung ist bis heute eine Country-Institution. Damals wurde sie jeden Sonnabend aus dem Ryman Auditorium, einer ehemaligen Kirche, gesendet. Es erklang eine Art „Wort zum Sonntag“ für die Country-Gemeinde.

Die Byrds waren experimentierfreudig und gierig nach Veränderung. Sie waren zuvor maßgeblich daran beteiligt gewesen, Folk Rock und Psychedelic Rock zu erfinden. In Nashville stellten sie ihre neue Vision vor: Country Rock. Mit „Hickory Wind“ spielten sie in der Show einen Song von ihrem in der Music City aufgenommenen Album „Sweetheart of the Rodeo“. Das konservative Live-Publikum buhte. Die Zuhörer empfanden die Byrds als Provokation.

Country Rock als Gegenkultur

Country Rock war Gegenkultur. Wenn man die wohl erfolgreichsten Vertreter diese Genres, die Eagles, und ihren sanften, schimmernden „Peaceful Easy Feeling“-Sound hört, ist das kaum vorstellbar. Die Eagles werden heute als „AOR“ eingeordnet, als Adult Oriented Rock. Erwachsenenzeug.

Doch am Anfang störten Rockbands wie die Byrds nicht nur den laufenden Betrieb in Nashville, sie stießen auch ihre eigenen Fans vor den Kopf, als sie mit Country eine Liebesbeziehung eingingen. In der Hippie-Welt wähnte man sich in der „Fifth Dimension“, so der Titel des dritten Byrds-Albums. Man war dabei, sich zu „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles zuzudröhnen, als man ein Instrument vernahm, das eigentlich gar nicht in diesen Kosmos passte: eine Pedal-Steel-Gitarre, das typische Country-Instrument aus dem verachteten, als fortschrittsfeindlich empfundenen Nashville.

Eigentlich „unhörbar“

„Ich denke, diese Musik war die direkte Folge von Psychedelic Rock, dieses chaotischen Krachs. Die Menschen wollten zurückkehren zur Unkompliziertheit, die Country repräsentierte. Drei-Akkord-Songs, Melodien und Geschichten“, sagt Byrds-Frontmann Roger McGuinn. Ein gutes Beispiel für den anstrengenden psychedelischen Sound lieferte Iron Butterfly mit dem Album „In-a-Gadda-da-Vida“ aus dem Jahr 1968. „Der Titelsong vereinnahmte eine komplette LP-Seite und war - ohne Drogen zu konsumieren - unhörbar“, schreibt der Musikjournalist Colin Escott im Begleitheft der neuen CD-Reihe „Truckers, Kickers, Cowboy Angels“.

Das niedersächsische Label Bear Family Records, Weltmarktführer in Sachen Wiederveröffentlichungen, erinnert mit einer siebenteiligen Serie daran, wie Country Rock entstanden ist. Die ersten beiden Teile sind bereits erschienen. Teil drei und vier über die Jahre 1970 und 1971 kommen morgen heraus. Bear-Family-Macher Richard Weize und sein Team zeigen sich erneut als leidenschaftliche, akribische Erinnerer, wie schon mit ihren hervorragenden Serien „Blowing the Fuse“ über den Rhythm and Blues ab Kriegsende bis 1960 und „Sweet Soul Music“ über die Zeit danach bis zur Disco-Ära. Man kann erahnen, wie viel Geduld und Hartnäckigkeit sie aufbringen mussten, um an alle Rechte und Bänder zu kommen. Viele wichtige Protagonisten wie The Band und Linda Ronstadt sind zu hören, aber auch heute weniger bekannte wie The Beau Brummels.

Gram Parsons, der Held des Genres

Bob Dylan ist auch dabei. Für die Aufnahmen dreier Alben - „Blonde on Blonde“ (1966), „John Wesley Harding“ (1967) und „Nashville Skyline“ (1969) - zog er nach Nashville um, um mit den dort lebenden Top-Studiomusikern zu arbeiten. Dylan war auf Inspirationssuche. Er sehnte sich in dem ganzen Getöse um seine Person nach Ruhe und Schlichtheit, als er „I’ll Be Your Baby Tonight“ sang, begleitet von Peter Drake an der Pedal-Steel-Guitar. Dylan gebe sein politisches Songwriting auf, um lieber mit Johnny Cash abzuhängen, lästerten nicht wenige.

Doch kein anderer prägte den Country Rock so wie Gram Parsons. Allein auf den ersten beiden „Truckers“-Samplern ist er mit zwölf Songs vertreten, aufgenommen mit drei Formationen, der International Submarine Band, den Byrds und den Flying Burrito Brothers. Parsons kiffte einst mit den Stones und zeigte Keith, wie man die „Wild Horses“-Gitarre spielt. Die Reihe der Musiker, die er beeinflusste, reicht bis ins Jetzt: 16 Horsepower, Steve Earle, Ryan Adams, Lucinda Williams, Calexico, Wilco, Kings of Leon. „Cosmic American Music“ nannte Parsons seine Fusion von Country und Rock. Heute werden Musiker, die sich mehr der Tradition verpflichtet fühlen als dem Kommerz, unter den Sammelbegriffen Alternative Country, Roots Rock oder Americana geführt.

Parsons war erst 26, als er 1973 an einer Überdosis starb. Die Country-Gemeinde hat sich inzwischen mit ihm angefreundet. In Nashville wird ihm zwar nicht in der Country Music Hall of Fame gedacht, aber im dazugehörenden Museum ist ihm zusammen mit seiner Duettpartnerin Emmylou Harris eine Vitrine gewidmet. Zu sehen sind die Westerngitarre und der weiße, mit bunten Pillen, roten Mohnblumen und grünen Marihuana-Blättern bestickte Cowboy-Dress des ersten Nashville-Hippies.

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