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Kultur „Alles ist jetzt“: So kämpft Bosse gegen die Mutlosigkeit
Mehr Welt Kultur „Alles ist jetzt“: So kämpft Bosse gegen die Mutlosigkeit
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10:00 23.03.2019
Licht an, alle Fenster auf: Axel „Aki“ Bosse gilt manchen als der deutsche Bruce Springsteen. Ein Gespräch über die Jugend auf dem Dorf, Widerstand gegen Nazis und Zuversicht. Quelle: Plattenlabel
Hamburg

Axel „Aki“ Bosse wird hin und wieder mit Bruce Springsteen verglichen. Warum eigentlich? Bosse hat drei Vermutungen: 1. Weil er auf der Bühne ähnlich stark schwitzt. 2. Weil seine Songtexte ähnlich „straßig“ klingen. 3. Weil „The Boss“ und „Bosse“ ähnlich geschrieben werden.

Das Gespräch mit dem Indie-Pop-Sänger findet in einem Café in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs statt. Der Sänger blickt durch eine große, runde, freundliche Brille. Es ist ein optimistisches Modell. Es passt gut zu seiner Musik.

Bosses aktuelles Album „Alles ist jetzt“ ist seine zweite Nummer eins in Folge. Der Titelsong ist ein Radiohit. „All die besten, super Sachen, einfach machen, einfach machen“, singt er da. Der Tonfall erinnert an den „Carpe diem“-rufenden Robin Williams in „Der Club der toten Dichter“.

Alltagstaugliche Tipps gegen die Traurigkeit

Bosse weiß, dass der Song ein schlagersüßes Aroma hat. Er hat absichtlich jegliche Sorgen, den ganzen Stress oder die Möglichkeit des Scheiterns ausgeblendet. Das Leben erscheint hier leicht, ganz unkompliziert. „Wer sich gerade genauso fühlt, der kann dazu tanzen“, sagt er. „Wenn es dir gerade nicht so gut geht, denkst du: Was für ein Spinner! So einfach ist das nicht.“

In vielen anderen Liedern besingt der 39-Jährige seelische Schwärze, als wisse er genau Bescheid. Seine Stimme klingt dabei immer, als sortiere sie etwas. „Und dann sitz ich auf dem Bett und esse Steine: deine, meine, große, kleine“, reimt er in „Steine“ von 2016. „Licht an, alle Fenster auf“, eine Zeile aus „Kraniche“ von 2013, ist nicht nur ein alltagstauglicher Tipp gegen die Traurigkeit, sie beschreibt auch gut Bosses Grundhaltung, seine Zuversicht.

In seinen Musikvideos lässt Axel Bosse gern Schauspielprofis wie „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel mitspielen. Quelle: Plattenlabel

In seinen Musikvideos bricht er die Ernsthaftigkeit der Lieder gern mit Humor, auch mit Selbstironie. In „Dein Hurra“ sitzt er am Steuer eines Citroën 2CV, einer Ente – mit einem Pinguin als Beifahrer. „So oder so“ zeigt ihn beim Formationstanz mit einer Riege Supergirls im Parkhaus.

In „Ich warte auf dich“ wirft „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel einsam einen Flummi gegen ein Garagentor. Kommt er sich vielleicht manchmal zu ernsthaft vor? „Das Wichtige wird durch Jokes wichtiger“, antwortet Bosse. „Lustig-verzweifelt“ findet er gut.

Eine Jugend in der niedersächsischen Provinz

Lustig-verzweifelt war wohl auch seine Jugend in der niedersächsischen Provinz. Bosse wuchs in Hemkenrode auf, einem 376-Seelen-Dorf bei Wolfenbüttel. Mit 13, 14 trug er die Haare so lang, dass ihn die anderen als „Mozart“ oder „Mädchen“ verspotteten. Er habe nicht viele Freunde gehabt, erinnert er sich, außer ein paar Ältere, die dieselbe Musik hörten.

Sein zwölf Jahre älterer Bruder hatte ihm Nirvana vorgespielt. Kurt Cobain, der vor Schmerz schreiende Punk mit Strickjacke aus Seattle, war das Idol des jungen Bosse. „Ich wollte so sein wie er.“ Er begann, selbst Songs zu schreiben, „über das totale Kaputtsein, obwohl ich aus einem super Elternhaus kam und am Wald wohnte“. Er sei „nur knapp an der Freiwilligen Feuerwehr vorbeigeschrammt“. Bosse fuhr damals Mofa.

Den 4. April 1994, den Tag, an dem sich der Nirvana-Sänger erschoss, besingt er in dem autobiografischen Lied „Schönste Zeit“ von 2013. Die Einsamkeit des Sonderlings endete klischeehaft schön: Eine Retterin tauchte auf. „Sie war an derselben Stelle gepierct wie ich. An der Nase“, erzählt Bosse. „Sie wurde meine erste Verbündete.“ Mit ihr konnte er die Traurigkeit über Cobains Tod teilen. „Der erste Kuss“, singt er, „war Erdbeerbowle und Spucke.“

„Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“: In Bosses Liedern geht es immer wieder um die Vergänglichkeit. Quelle: Plattenlabel

Immer wieder geht es in seinen Liedern um Vergänglichkeit. „Das Leben ist zu kurz und viel mehr als in Ordnung“, heißt es in „Kraniche“, „Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“ in „Alles ist jetzt“.

Mit dem Thema Tod wird er tagtäglich konfrontiert. Seine Frau Ayse ist Schauspielerin, und sie kümmert sich um sterbenskranke oder trauernde Kinder und Jugendliche. Wer sich bewusst mache, dass das Leben nicht unendlich ist, der nutze seine Zeit vielleicht besser, der genieße mehr, der warte weniger, meint Bosse, als sei dies sein eigener Trick gegen Mutlosigkeit und die ganzen Bedenken, die einen Menschen ausbremsen können.

Ein paar Tage vor dem Interview hatte sich der Musiker die „NSU-Monologe“ im Hamburger Schauspielhaus angesehen, ein dokumentarisches Theaterstück, das den Opfern der Neonazi-Bande eine Stimme gibt.

„Die Zeit von McFit, Sofa und Wohlfühl ist vorbei“

Bosse selbst protestiert schon lange, seit der ersten Pegida-Demo, gegen die, die neue Mauern bauen wollen, gegen die Unmenschen und Demokratiefeinde. Er empfindet dies als seine Pflicht, weil er ein „Nutznießer“ der Demokratie sei, wie er es formuliert. Weil er in einem Land lebe, wo man sich frei äußern könne.

Vielleicht hat er durch einen Appell beim #Wirsindmehr-Konzert in Chemnitz sogar bewirkt, dass sich Helene Fischer öffentlich gegen Rassismus ausspricht. Er stand dort zwar nicht auf der Bühne, gab aber Backstage ein viel beachtetes Interview, in dem er giftige Gleichgültigkeit anprangerte. Zunächst wandte er sich an junge Leute: „Die Zeit von McFit, Sofa und Wohlfühl ist vorbei“, sagte er.

Dann forderte er die Künstlerkollegen mit der größten medialen Reichweite auf, diejenigen, die häufig im Radio gespielt werden, sich gegen den Hass zu positionieren. „Es gibt ganz, ganz viele, die mehr bewegen könnten.“ Der Moderator fügte Bosses Worten noch „Schöne Grüße an Helene Fischer!“ hinzu. Kurz nach Chemnitz, bei einem Auftritt in Berlin, brach die für ihre unpolitische Haltung oft kritisierte Sängerin ihr Schweigen.

Die zweite Nummer eins in Folge: Bosses aktuelles Album „Alles ist jetzt“. Quelle: Plattenlabel

Mit „Robert De Niro“ hat Bosse nun erstmals ein politisches Lied auf dem neuen Album platziert. „Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit, vielleicht von fehlendem IQ“, singt er. „Aber das da ist einfach nur Nazi-Scheiß.“ Bisher hätten es seine Protestsongversuche nie auf seine Platten geschafft, weil sie stets wie „Störenfriede“ wirkten, sagt er.

„Ich bin nicht Feine Sahne Fischfilet, und ich kann nicht so gut texten wie Marcus Wiebusch von Kettcar.“ Doch diesmal ist er mit seiner Arbeit zufrieden, weil „Robert De Niro“ kein Parolenlied ist, sondern das Porträt einer Abgehängten. Für solche sozialkritischen Songs ist auch Springsteen bekannt.

Von Mathias Begalke

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