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Kultur „Aida“-Premiere auf der Bregenzer Seebühne
Mehr Welt Kultur „Aida“-Premiere auf der Bregenzer Seebühne
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14:20 23.07.2009
Das Bühnenbild der Verdi-Oper „Aida“ auf der Seebühne in Bregenz (Oesterreich).
Das Bühnenbild der Verdi-Oper „Aida“ auf der Seebühne in Bregenz (Oesterreich). Quelle: Lennart Preiss/ddp
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Obenauf Radames, der ägyptische Feldherr, der soeben die Äthiopier niedergemetzelt hat und im Triumph heimkehrt ins Reich der Pharaonen. Sehnsüchtig erwartet von der Pharaonentochter Amneris, die seine Frau werden soll. Und Aida, der äthiopischen Sklavin am pharaonischen Hofe, der heimlichen Geliebten des Recken.

Ein ganz großer Opernstoff um Leben und Tod, Macht und Ohnmacht, Liebe, Hass und Eifersucht, wie geschaffen für die weltgrößte Seebühne, auf der „Aida“ in diesem Jahr das erste Mal überhaupt zu sehen war. Für seine Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Opern-Flaggschiff zur Eröffnung der 64. Bregenzer Festspiele 2009 am Mittwochabend hatte der britische Regisseur Graham Vick aus der (zur Eröffnung des Suezkanals komponierten) Wüstenoper eine Wasseroper gemacht.

Der Bodensee war diesmal nicht nur beschaulicher Hintergrund und Kulisse, sondern plätschernder Bestandteil der Inszenierung. So ließ Vick seine Protagonisten mal knöcheltief, mal bis zur Hüfte im Wasser waten oder gleich ganz im See untertauchen und von Choreograf Ron Howell sogar ein Wasserballett entwerfen.

Bühnenbildner Paul Brown hatte für dieses Spektakel die Trümmer einer gigantischen Skulptur malerisch auf der Seebühne und im Wasser verteilt, die an die New Yorker Freiheitsstatue erinnerte. Zwei bis zu 60 Meter hohe Baukräne zogen Teile davon aus dem Wasser und setzten sie in schwindelnder Höhe wieder zusammen, Präzisionsarbeit, für die ein Team von sechs Kranführern monatelang geprobt hatte. Schwebende Auftritte 20 Meter über dem Wasserspiegel und gefährliche Tauchszenen wurden von einer Gruppe von Stuntmännern und -frauen gedoubelt.

Und sogar ein bisschen Gesellschaftskritik durfte auf der populären Seebühne gewagt werden. Obwohl Brown seine zerborstene Freiheitsstatue in einem Interview im Programmheft nicht als plattes US-Bashing verstanden wissen wollte, konnte er sich doch einen Seitenhieb auf die Bush-Ära nicht verkneifen. Die äthiopischen Gefangenen der ägyptischen Eroberer trugen orangene Sträflingskleidung, wie man sie aus Guantanamo kennt. Und Amneris, die eifersüchtige Pharaonentochter, führte zwei Gefangene mit schwarzen Kapuzen an der Hundeleine hinter sich her. Dieses Herrenmenschen-Gehabe hatten US-Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib gezeigt.

Manchmal drohte das Gewusel und Gewese zu Wasser, zu Lande und in der Luft die von dem italienischen Dirigenten Carlo Rizzi unpathetisch dirigierte Musik und die Handlung der Oper in den Hintergrund zu drängen. Zumal die Kräne bei ihrer Arbeit ein ständiges, hochfrequentes Pfeifen erzeugten. Und fast den gesamten Premierenabend nervte vom Bodenseestrand her Disko-Gewummere.

Trotzdem gelangen sehr innige Momente, etwa die Herz zerreißende Klage der Aida über ihr für immer verlorenes Vaterland, in der die russische Sopranistin Tatiana Serjan, einsam auf einem Steg über dem Wasser singend, zur Hochform auflief. Poetischer Höhepunkt des Abends war das Sterbeduett von Aida und Radames. In Verdis Libretto werden der des (angeblichen) Verrats überführte Feldherr und seine äthiopische Geliebte bei lebendigem Leib eingemauert. In Bregenz entschweben beide am Haken eines Krans in einem ägyptischen Totenboot in die laue Sommernacht.

Die rund 7000 Premierengäste geizten nicht mit Beifall, vor allem Tatiana Serjans Aida, die georgische Mezzosopranistin Iona Tamar als Amneris und der italienischen Tenor Rubens Pelizzari als Radames wurden umjubelt. Und auch beim Auftritt des Regieteams war kein einziges Buh zu vernehmen. „Aida“ wird bis zum 23. August an insgesamt 28 Abenden auf der Seebühne gezeigt. 85 Prozent der Karten waren am Premierenabend bereits verkauft.

ddp