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Kultur 2100 Verleger - und von Krise keine Spur
Mehr Welt Kultur 2100 Verleger - und von Krise keine Spur
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20:04 15.03.2010
Bis nach ganz oben: Auf 65 000 Quadratmetern stellen Verleger in Leipzig aus.
Bis nach ganz oben: Auf 65 000 Quadratmetern stellen Verleger in Leipzig aus. Quelle: dpa
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Jedes Jahr lädt die Leipziger Buchmesse sechs Autoren aus sechs Ländern ein, einen Essay auf der Frühjahrsbücherschau vorzustellen. Diesmal lautet das Thema: „Krise! Welche Krise?“, mit dem sich der Berliner Autor Friedrich Christian Delius und fünf Kollegen beschäftigt haben. Um welche Krise wird es in den Texten gehen? Um das Weltwirtschaftsdesaster? Das zumindest legt die Einladung an Andri Snaer Magnason nahe, der aus Island stammt. Oder ist die Notlage gemeint, in der sich zahlreiche kritische Autoren und Journalisten befinden? Immerhin sind auch Autoren aus Russland und Bulgarien eingeladen. Oder fabulieren die Schriftsteller munter drauflos – ungeachtet aller weltpolitischen Probleme?

Letzteres wäre eine große Überraschung, denn die Leipziger Buchmesse, die Mittwochabend eröffnet wird und bis Sonntag dauert, ist ein Ort, an dem es nicht nur ums Geschäft mit Büchern geht. Die Rolle der Literatur als Brückenbauerin und Medium der Verständigung wird ernst genommen. Das zeigt sich schon bei der feierlichen Eröffnung im Gewandhaus, bei der der Buchpreis zur Europäischen Verständigung überreicht wird. In diesem Jahr geht die mit 15 000 Euro dotierte Auszeichnung an den Autor und Historiker György Dalos, der sie für sein jüngstes Buch über das Ende der Diktaturen in Osteuropa, „Der Vorhang geht auf“, erhält. Der 66-Jährige ist in Ungarn geboren und aufgewachsen, lebt in Berlin – und ist ein wichtiger Vermittler zwischen Ost und West.

In solch einer Vermittlerposition sieht sich auch die Buchmesse. Verglichen mit der Frankfurter Messe im Oktober, dem mit gut 7000 Ausstellern weltweit größten Branchentreff, geht es in Sachsen eher beschaulich zu: Rund 2100 Verleger aus 38 Ländern zeigen bis Sonntag ihre Neuerscheinungen – von Büchern über Comics zu elektronischen Medien.

Schon zu DDR-Zeiten galt die Messe als Brücke nach Ost- und Südosteuropa, und so versteht sie sich noch heute. Als Gastland ist in diesem Jahr Serbien eingeladen. Aus dem Land werden bislang höchstens zehn Neuerscheinungen pro Jahr ins Deutsche übersetzt. Kontakte nach Deutschland sind für serbische Verleger also extrem interessant. Erstmals auf der Messe vertreten ist zudem Bosnien-Herzegowina.

Seit Jahren hat Leipzig vor allem junge Leser fest im Blick. Rund ein Viertel der Ausstellungsfläche ist für Kinder- und Jugendbücher reserviert. Außerdem stellen in den gläsernen Messehallen zahlreiche Verlage sogenannte Bildungsmedien wie Schulbücher und digitale Lernhilfen aus. Neu in Leipzig ist in diesem Jahr der Bereich für Musik. Dort stellen Musikverlage aus, aber vor allem können sich Besucher zum Thema musikalische Früherziehung informieren.

Nahezu jedes Jahr präsentiert Buchmessendirektor Oliver Zille solche Novitäten; in diesem Jahr ist auch noch ein Lateinamerika-Gemeinschaftsstand neu im Programm. Diese Suche nach immer neuen Themen ist der Situation der Messe, die um Aussteller und Besucher kämpft, und der des Buchhandels geschuldet. Bislang hat sich die Buchbranche – trotz der Wirtschaftskrise und der wachsenden Macht des Internets – einigermaßen gut behaupten können. Doch muss sich die Branche immer wieder neu positionieren und Ideen entwickeln – und um junge Leser werben. Gerade das macht Leipzig vorbildlich. Rund 1000 Schulklassen werden in den kommenden Tagen aufs Messegelände strömen; und zahlreiche Veranstaltungen drehen sich um die Fragen der Leseförderung.
Und oft sind es auch die Autoren, die Lust aufs Lesen machen. Rund 1500 Schriftsteller beteiligen sich am Festival „Leipzig liest“, das überall in der Stadt präsent ist. Zu Gast sind die Nobelpreisträger Herta Müller und Günter Grass, die Schriftsteller Ingo Schulze, Christoph Hein, Jana Hensel und Ulrike Draesner sowie Bestsellerautoren wie Martin Suter und Tanja Kinkel.

Die Buchbranche hat zu kämpfen, kein Zweifel. Doch auch hier gilt die Frage: Krise? Welche Krise?

Martina Sulner

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