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Kultur 1500 Gemälde lagen jahrzehntelang in Wohnung
Mehr Welt Kultur 1500 Gemälde lagen jahrzehntelang in Wohnung
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00:15 06.11.2013
Auch seine Werke sind unter den entdeckten Gemälden: Pablo Picasso.
Auch seine Werke sind unter den entdeckten Gemälden: Pablo Picasso. Quelle: dpa
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München

Schon länger ist in kunstinformierten Kreisen gemunkelt worden, dass bayrische Zollfahnder im Raum München auf eine heiße Spur gestoßen sein sollen: auf ein gigantisches Konvolut verschollen geglaubter Kunstwerke. Die involvierten Fahnder und die eingeweihten Kunsthistoriker bewahrten jedoch eisernes Stillschweigen. Nun ist es öffentlich: Nach Angaben des Magazins „Focus“ haben die Fahnder bereits im Frühjahr 2011 in einer Münchner Wohnung 1500 Bilder mit einem geschätzten Wert von einer Milliarde Euro beschlagnahmt. Es soll sich bei dem Sensationsfund um Bilder von Picasso, Matisse, Chagall, Nolde, Klee, Kirchner und anderen heute hoch gehandelten Meistern der Moderne handeln. Etwa 300 der aufgetauchten Bilder sollen zu den verschollenen Exponaten der Aktion „Entartete Kunst“ gehören.

Im Jahr 1937 hatten die Nationalsozialisten in deutschen Museen Kunstwerke beschlagnahmt (Aktion „Entartete Kunst“). Diese und von jüdischen Kunstsammlern geraubte Werke wurden zum Teil devisenbringend ins Ausland verkauft, vor allem über die Kunstmarktdrehscheibe Schweiz. Bei einem großen Teil der Werke verlor sich nach den Beschlagnahmungen aber jede Spur. Deshalb kam der Verdacht auf, die Nationalsozialisten hätten größere Mengen von Bildern schlicht verbrannt und vernichtet.

Im nun aufgedeckten Fall – von der Anzahl der Werke und vom Schätzwert her sprengt er alles Bisherige – soll es sich um Bilder handeln, die der berühmt-berüchtigte Kunsthändler Hildebrandt Gurlitt (1895-1956), der mit den NS-Behörden kooperierte, in den 1930er und 40er Jahren ankaufte. Offenbar vermachte der Hamburger Händler einen Teil davon einfach seinem Sohn Cornelius. In dessen Schwabinger Wohnung stießen die Fahnder jedenfalls auf den Schatz. Der heute 80-Jährige hat die Gemälde offenbar mehr als ein halbes Jahrhundert lang gehortet. Er soll mit dem gelegentlichen Verkauf von musealen Meisterwerken, die er bei namhaften Auktionshäusern wie Lempertz in Köln einlieferte, seine Existenz bestritten haben.

Nach „Focus“-Angaben geriet der Mann, der bis dato als unbescholten gegolten hatte, bei einer zufälligen Bargeldkontrolle im September 2010 ins Netz der Fahnder. Er soll bei einer Zugreise von der Schweiz nach München aufgefallen sein. Schließlich wurde bei ihm eine Hausdurchsuchung angeordnet. Nach der Razzia soll er noch ein Bild für 864 000 Euro bei Lempertz in Köln versteigern lassen haben, ein Werk des Expressionisten Max Beckmann. Unter den bei ihm entdeckten Werken soll auch ein Bild von Henri Matisse sein, dass der jüdische Sammler Paul Rosenberg auf seiner Flucht zurücklassen hatte müssen. Seine Enkeltochter, Anne Sinclair, die Frau des ehemaligen Topbankers Dominique Strauss-Kahn, kämpft seit Jahren für die Rückgabe der von den Nationalsozialisten gestohlenen Familienkunst.

Erstaunlich ist, dass nicht schon früher der Verdacht auf Gurlitts Sohn gefallen ist. Sein Vater war einer der wenigen Händler, die von den Nationalsozialisten beauftragt wurden, den Verkauf von Werken aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ ins Ausland zu organisieren. Es war bekannt, dass sich unschätzbare Werte in seiner Obhut befanden. Namhafte Sammler wie der hannoversche Museumsgründer Bernhard Sprengel zählten zu seinen Kunden. Obwohl der Handel mit „entarteter“ Kunst in Deutschland offiziell verboten war, sicherte sich Sprengel bei Gurlitt nachweislich zahlreiche für das Ausland bestimmte Werke, nachzulesen unter anderem bei Evelyn Zschächner. Sprengel gab später an, mit seinen Ankäufen verpönte Kunst "gerettet" zu haben, die sonst vielleicht zerstört worden wäre.

Der jetzige Fahndungserfolg weckt Spekulationen über weitere Privatwohnungen und Banksafes, die vollgestopft sind mit Raubkunst. Erst vor sechs Jahren waren in einem Züricher Banksafe eine Reihe von Nazi-Raubgemälden entdeckt worden, darunter Bilder von Monet, Renoir und Pissarro. Der NS-Kunsträuber Bruno Lohse hatte sie in dem Schließfach aufbewahrt. Sein Münchner Kunsthändler hatte zu dem Safe Zugang. Nach dem Tod Lohses stiess die Zürcher Staatsanwaltschaft dank der Mithilfe der Lichtensteiner Behörden auf den Schatz. Die Lichtensteiner hatten wegen Geldwäscheverdachts ermittelt.

Beim jetzt publik gewordenen Fund sollen die zuständigen Behörden und Ministerien in München Geheimhaltung beschlossen haben, weil sie Sorge hatten, ein etwaiger Streit um Eigentumsrechte könne zu juristischen und diplomatischen Verwicklungen führen. Darüberhinaus jedoch sind bei derartigen Fällen eine Reihe von Hürden zu überwinden. Die Zollfahnder können Funde nicht einfach öffentlich machen, sondern es bedarf komplizierter  Prüfungsverfahren. Der hochbetagte Verdächtige soll den Abtransport der Kunst aus verdunkelten und vermüllten Zimmern widerstandslos hingenommen haben.

 

Von Johanna Di Blasi

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