Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Welt Was bedeutet es heute, konservativ zu sein?
Mehr Welt Was bedeutet es heute, konservativ zu sein?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:20 19.11.2018
Wer ist wirklich konservativ? Friedrich Merz (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn wollen die CDU führen. Quelle: Foto: Michael Kappeler/dpa


Herr Rödder, was ist heute noch konservativ?

Konservativ bedeutet heute wie vor 200 Jahren eine bestimmte Haltung zum Wandel. Der Konservative will keine neue Welt erschaffen, weil er den Preis des Fortschritts kennt. Aber er will den Wandel verträglich gestalten, Bewährtes bewahren und Reformbedürftiges verbessern. Das unterscheidet ihn vom Traditionalisten, der alles lassen will, wie es ist. Und vom Reaktionär, der die Zeit zurückdrehen will.


Wie muss ein politischer Wettbewerber den Konservatismus ausgestalten, um damit erfolgreich zu sein? Wie lässt sich eine konservative Haltung zeitgemäß ausbuchstabieren?

Indem der Konservative die großen Themen, die großen Herausforderungen unserer Zeit adressiert, um den Wandel behutsam zu gestalten, beispielsweise die Digitalisierung oder die europäische Integration, die Veränderung von Familienformen oder die Klimaveränderung. Der Ansatz muss sein, den Wandel in solche Bahnen zu lenken, dass die Menschen mitgenommen werden.


Wer von den bekannten Bewerbern um den Vorsitz in der CDU kann das am besten: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn?

Zunächst einmal sind alle drei besser in der Lage, die Partei zu integrieren, als es Angela Merkel zuletzt vermocht hat. Annegret Kramp-Karrenbauer wird von der Frauen-Union, der Arbeitnehmerbewegung und dem Merkel-Flügel unterstützt, aber sie hat zugleich das Problem, dass sie in der Flüchtlingspolitik eng an Merkels Seite stand – also in der Frage, die stark zur Spaltung der Union beigetragen hat.


Anders als Merz und Spahn…

Ja. Und Friedrich Merz steht für eine konservative und zugleich wirtschaftspolitisch liberale CDU. Jens Spahn wiederum ist ein offener, moderner Konservativer, der große Fragen unserer Zeit offensiv adressiert. Merz und Spahn würden dazu beitragen, dass die Union wieder ein deutlicher christdemokratisches Profil gewinnt und sich erkennbar von der SPD unterscheidet. Das wäre auch gut für die SPD, das Parteiensystem und die gesamte deutsche Demokratie.


Wer von den beiden ist also Ihr Favorit?

Meine Lieblingslösung wäre: der moderne Konservative Jens Spahn als Parteivorsitzender, der charismatische, international versierte Friedrich Merz als Bundeskanzler und Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihrem Schneid und ihren offensiven Fähigkeiten als Generalsekretärin, die den Programmprozess weitertreibt.

„Der Fortschritt braucht den Konservativen“


Hat Angela Merkel mit ihrer flexiblen, teilweise sozialdemokratischen Politik den Konservatismus gerettet oder beerdigt?

Beides. Über gewisse Strecken hat Merkels Politik Züge eines pragmatischen Wandels gehabt. Das war konservativ, auch wenn sie das selbst nie programmatisch reflektiert hat. Dann aber kamen die vielen sprunghaften Wenden, die sie den Bürgern und der Partei nie ausreichend erklärt hat und die Vertrauen gekostet haben – ob nun die Aussetzung der Wehrpflicht, die Energiewende oder auch der Kurs in der Flüchtlingspolitik. Merkel hat bei diesen Wenden zugleich einen Zug zur Unbedingtheit gewonnen. Da fehlte es an jeder Behutsamkeit.


Ist Merkels Haltung in der Flüchtlingspolitik eine Frage von konservativ oder nicht konservativ?

Es ist insofern eine Frage von konservativ oder nicht konservativ, als sich in diesem Fall – ganz grundsätzlich gesprochen – platonisches und aristotelisches Denken gegenüber stehen. Das platonische Denken huldigt der abstrakten Idee. Das aristotelische Denken – dem der Konservative anhängt – sagt: Eine Idee gibt es nicht ohne die Realität. Das hat Merkel aus meiner Sicht in der Flüchtlingspolitik mindestens phasenweise verweigert. Sie hat „Wir schaffen das“ gesagt – ohne zu sagen, wie es gehen soll. Damit hat sie die Pflicht des Konservativen zur Realpolitik verletzt.


Die SPD hat zwei Jahre für Ihren Erneuerungsprozess eingeplant – mit Arbeitsgruppen und Debattencamps. Bei der CDU soll die Erneuerung jetzt innerhalb weniger Wochen erfolgen. Sind Konservative einfach unkomplizierter?

In einer gewissen Weise ja. Da Konservative es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Wandel behutsam zu gestalten, gibt es für sie keine ewigen Werte. Konservative verteidigen heute das, was sie gestern bekämpft haben. Manche nennen das beliebig – ich finde es pragmatisch und menschenfreundlich. Denn diese Haltung bewahrt den Konservativen vor der Unbedingtheit des Absoluten. Die Sozialdemokraten sind sehr viel stärker an einem festen Leitbild orientiert. Klar ist aber auch: Die Erneuerung der CDU ist mit der Wahl eines neuen Vorsitzenden noch lange nicht abgeschlossen.


Die FDP behauptet ja gern, Sie sei in die einzig verbliebene Partei, die nicht (struktur-)konservativ ist…

Da ist etwas dran. Die Liberalen glauben immer an die positive Kraft des Fortschritts. Der Konservative sieht dagegen immer auch das Preisschild daran. Er weiß, dass die Veränderung auch mit gesellschaftlichen Kosten verbunden ist.


Würde ein echter Konservativer jetzt die Wehrpflicht wieder einführen?

Auch die Wehrpflicht ist kein unverrückbarer konservativer Inhalt. Der Konservative weiß auch, dass nichts zurückkommt. Das Bewahrenswerte ist ja nicht die Wehrpflicht an sich, sondern das Konzept des Bürgers in Uniform und damit die enge Verbindung von Militär und Gesellschaft. Zugleich lässt sich eine moderne Interventionsarmee nicht mehr wie ehedem mit Wehrpflichtigen betreiben. Hier lag also durchaus ein Problem mit Handlungsbedarf. Da Problem war aber, dass die Veränderung exekutiert, aber nicht diskutiert wurde.


Macht der Fortschritt den Konservativen irgendwann überflüssig?

Im Gegenteil: der Fortschritt braucht den Konservativen mit seiner entschleunigenden Kraft, damit die Menschen ihn akzeptieren. Zugleich würde es den Konservativen ohne den Fortschritt gar nicht geben, er ist ein Kind des Wandels. Kluge Konservative und kluge Fortschrittliche wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Von Tobias Peter/RND

Johanna verschwand von einem Radweg, erst Monate später wurde ihre Leiche entdeckt. Die Suche nach dem Täter dauerte fast zwei Jahrzehnte – nun hat ihn ein Gericht zur Höchststrafe verurteilt.

19.11.2018

Polizisten haben den mutmaßlichen Mörder eines Rentners in Wittenburg wegen Unterkühlung ins Krankenhaus gebracht – ohne zu wissen, dass er per Haftbefehl gesucht wird. Nur der Klinikleitung ist es zu verdanken, dass der Mann jetzt in Haft sitzt.

19.11.2018

Unbekannte haben in der Nacht zum Montag einen Brand am Carport eines Mehrfamilienhauses in Uchte (Kreis Nienburg) gelegt. Das Feuer griff auf das Haus über, zwei Menschen mussten ins Krankenhaus.

19.11.2018