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Welt „Höllenzone“ von Paradise: Luftaufnahmen zeigen das katastrophale Ausmaß
Mehr Welt „Höllenzone“ von Paradise: Luftaufnahmen zeigen das katastrophale Ausmaß
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12:18 20.11.2018
Vorher-Nachher-Bilder zeigen die Folgen der Waldbrände in Kalifornien Quelle: Screenshot AP
Paradise

Brad Weldons Zuhause wurde ein Raub von Flammen, als er ein Junge war. Jetzt fraß sich ein Waldbrand auf das Haus vor, in das er als längst Erwachsener mit seiner blinden Mutter eingezogen ist. Brad Weldon war klar: Noch einmal würde er sein Zuhause nicht an ein Feuer verlieren.

Gemeinsam mit dem Pfleger seiner 89 Jahre alten Mutter stellte sich der Kalifornier den Flammen in Paradise entgegen. Rund 24 Stunden lang kämpften sie mit Gartenschlauch und Wassereimern gegen das Feuer. Wenn der Wind den Brand mit bis zu 100 Stundenkilometern starken Böen antrieb, warfen sie sich auf den Boden, um nicht Feuer zu fangen.

Wie verheerend die Folgen der Feuerwalze sind, zeigen neue Satelliten-Aufnahmen. Von zahlreichen Häusern sind nur noch die Grenzmauern übrig geblieben.

Zehntausende Betroffene verloren all ihr Hab und Gut. Auch in Malibu und Umgebung wurden Hunderte Gebäude zerstört, darunter die Villa von TV-Moderator Thomas Gottschalk. Das Feuer vernichtete Häuser und Wälder auf 611 Quadratkilometern – einer Fläche etwa so groß wie Hamburg.

Inmitten unglaublicher Verwüstung hatte Weldon ebenso unglaubliches Glück. Sein Haus wurde gerettet. Jetzt weigert er sich, den Ort zu verlassen, den er selbst als „Höllenzone“ beschreibt. „Wenn sie mich von hier wegholen, muss das mit vorgehaltener Waffe sein“, sagt er. Auch seine Mutter werde nicht weichen. „Sie wird nicht kampflos gehen.“

Brad Weldon gibt seiner 89 Jahre alten Mutter etwas zu trinken. Quelle: AP Photo/John Locher

Mindestens 77 Menschen kamen rund um Paradise ums Leben, 10.500 Häuser wurden zerstört

Die Buschbrände haben Paradise, 225 Kilometer nördlich von San Francisco gelegen, praktisch dem Erdboden gleich gemacht. Auch das Umland ist niedergebrannt. Mindestens 77 Menschen kamen ums Leben, mehr als 10.500 Häuser wurden zerstört.

Weldon gehört zu einer kleinen Gruppe von Einwohnern, die sich den Anweisungen widersetzen, die Region zu verlassen. Er wisse nicht, wo er mit seiner alten Mutter sicher unterkommen könnte, sagt er - vor allem, nachdem in einigen Notunterkünften der Norovirus grassiere.

Wie viele Menschen noch im Evakuierungsgebiet sind, weiß Sheriff Kory Honea nicht. Wenn jemand dort angetroffen wird, werde er registriert, mehr aber nicht. „Wir zerren keinen heraus“, sagt Honea. „Wenn jemand in seinem Haus bleibt, nehme ich ihn nicht fest, wenn er sonst keine Schwierigkeiten macht. Ich versuche, die Leute mit Respekt und Mitgefühl zu behandeln.“

Herumsprechen solle sich das aber nicht. Sonst könnte das dazu ermutigen, die Evakuierungsanweisungen zu ignorieren, betont Honea. Denn selbst wenn die akute Gefahr vorüber sei, tauchten doch große Probleme auf: So hätten seine Mitarbeiter schon Bewohner aufgefunden, die keine Lebensmittel mehr gehabt hätten.

Flammen wüten noch immer in Paradise

In den schwarzen Ruinen gibt es keinen Strom, keine Wasserversorgung und keine Lebensmittel. Wer die Zone verlässt, um sich mit Wasser, Brot und Gemüse zu vorsorgen, darf nicht mehr ins Sperrgebiet zurückfahren.

Noch immer wüten die Flammen. Und die Zerstörung habe ein bislang unbekanntes Ausmaß erreicht, erklärt Sheriff Honea. Daher sei noch überhaupt nicht absehbar, wann die Einwohner zurückkommen dürfen. Er habe ausreichend Lebensmittel und Brennstoff, um über die Runden zu kommen, sagt Patrick Knuthson. Wasser pumpt er aus einem Brunnen. Knuthson hat seinen kleinen Metallbetrieb retten können und ist entschlossen, das Haus nicht zu verlassen.

Patrick Knuthson geht mit seinem Hund auf seinem niedergebrannten Besitz in Paradise. Quelle: AP Photo/John Locher

Es ist eines von zweien, die in der Straße geblieben sind. Ursprünglich waren es 22. Knuthson hat sich zum Wächter der Umgebung erklärt. „Auf Plünderer wird geschossen!!“ hat er auf ein Schild geschrieben.

Auch Brad Weldon fürchtet Plünderer. „Es ist eine Geisterstadt“, sagt er. „Es ist stockdunkel. Wenn man etwas hört, sollte man besser auf Zack sein, weil dann ist jemand vor dem Haus.“

„Ich habe großes Vertrauen in Gott. Ich denke, dass alles wieder gut wird“

Eine Zeit lang harrten Knuthsons Cousin und Familie auf seinem großen Grundstück aus: in einem Wohnmobil. Als jemand angeboten habe, ihnen Nachschub zu besorgen, habe eine der drei jugendlichen Töchter lediglich um Schulbücher gebeten: Sie habe den Anschluss nicht verpassen wollen.

Schließlich gab die Familie auf und zog zu Freunden nach Oroville. „Sie mussten weg vom Rauch“, sagt Knuthson. Er weiß aber von etwa 40 Personen, die rund herum in den Hügeln geblieben sind. Manche wissen einfach nicht, wohin sie gehen sollen.

Troy Miller hatte versucht, sich vor den Bränden in Concow bei Paradise in Sicherheit zu bringen. Als er aus seinem Haus floh, versperrten Flammen seine Route. Er lebt jetzt in einem Lastwagen neben den Trümmern seines Hauses. Geld für den Wiederaufbau hat er ebenso wenig wie eine Versicherung.

„Ich lebe und ich bin immer noch hier oben“, sagt Miller dennoch dankbar. „Es gibt viele andere, denen es schlechter geht“, betont er. „Ich habe großes Vertrauen in Gott. Ich denke, dass alles wieder gut wird.“

Von John Locher und Brian Melley/RND/AP