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Welt Electric Light Orchestra erleuchtet mit Auftritt Hamburg
Mehr Welt Electric Light Orchestra erleuchtet mit Auftritt Hamburg
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09:04 19.09.2018
Leuchtet wieder: Jeff Lynne (mitte) hat sein Electric Light Orchestra mit neuen Mitstreitern wiederbelebt und ist auf Welttour. Das Bild zeigt einen ELO-Auftritt im norwegischen Oslo. Quelle: picture alliance / Photoshot
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Hamburg

Schlechtes Wetter ist gutes Wetter in diesem Glutjahr 2018, in dem selbst der September noch ermattende 30-Grad-Tage hat. Ein Wolkenbruch geht auf den riesigen Bühnenleinwänden nieder. Keyboardsounds sind zu hören, eine zarte, kinderliedhafte Melodie hebt an, Töne, die klingen wie aus hauchzartem Glas. Celli und Violine fallen ein, dann auch das Schlagzeug, schließlich ein Klavier. „Standing in the Rain“ zum Auftakt – ein wonniger Rücksturz ins Jahr 1977, als man in der Tanzschule zu „Livin‘ Thing“ Foxtrott und zu „Turn to Stone“ Jive lernte. Als das Electric Light Orchestra gefühlt immer in den Charts war.

Imposantestes Raumschiff der Rockgeschichte

Dass er müde sei und durchweicht, und niemand ihn aufnehmen wolle, behauptet Jeff Lynne und wirkt denn auch irgendwie allein im zentralen Lichtkegel auf der großen Bühne inmitten seiner 11 Mitstreiter (keiner davon aus der Ur-ELO-Besetzung). Hinter Kraushaar, Bart und Sonnenbrille hat er annähernd sein gesamtes Gesicht versteckt, verharrt am Mikrofon, so als stünde jeder Schritt zur Seite unter Strafe. Definitiv kein Entertainer, der 70-Jährige aus Birmingham, aber dennoch der stolze Käpt‘n eines der imposantesten Raumschiffe der Rockgeschichte, auf dessen Wiederkehr Hamburg mehr als drei Jahrzehnte warten musste. Bei „Evil Woman“ steigt Lynne ins Falsett, böse Mädchen waren ja schon immer die einzig guten für Rock’n’Roller. Und bei „Do Ya“ machen die E-Gitarren dann richtig Hardrock. Überwältigungsmusik – Song für Song.

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Wunderlampe der Popmusik

Das britische Electric Light Orchestra alias ELO war eine Wunderlampe der Popmusik. Es mischte ab 1970 Sinfonisches, Rock’n’Roll und beatlesken Pop, und was immer dem Beatlesfan Lynne nach 1973 bei dieser Band einfiel, wurde (zumindest bis Mitte 1983) ein Hit oder hatte das Zeug dazu. Später wurde Lynne Produzent und Freund aller drei noch lebenden Beatles und war neben George Harrison, Bob Dylan, Tom Petty und Roy Orbison Mitglied der Traveling Wilburys. Der Ritterschlag. Mit „Handle with Care“ erinnert er in der Barclaycard-Arena denn auch an „meine andere Band“. Lynnes Leute liefern jetzt fünf Minuten deftige Americana. Eine Mundharmonika jubiliert. Die 11.000 in der Barclaycard-Arena stehen, tanzen, singen mit.

ELOs Ufo-Signet am Bühnenhimmel sieht bei alldem nicht von ungefähr aus wie eine der bunten magischen Wurlitzer-Jukeboxen aus den Vierzigern. Denn in Hamburg gibt es nur Yesterhits, ein Wunschkonzert – wenn man von dem einzigen neuen Song, „When I Was A Boy“ absieht, in dem Großvater Lynne erzählt, wie er schon als Knirps vom Popstarleben träumte. „Showdown“, „Rockaria!“, „Wild West Hero“, „Sweet Talkin‘ Woman“, „Telephone Line“ werden bejubelt. Erst recht die schnaufende, krachende Discolokomotive „Don’t Bring Me Down“.

Perfektion ist oberstes Gebot

Wären hier freilich nicht Musiker zu sehen gewesen, hätte man meinen können, ein Diskjockey lege ELO-Platten auf. Perfektion ist das oberste Gebot dieser Liveshow. Und so sind wir auch in erster Line betört von den ohrgängigen Stücken, die in crispem Sound, in Lichteffekten und Projektionen schweben – und üben einige Nachsicht bezüglich der Kategorien Spontaneität und Charisma. „Mr. Blue Sky“ beendet das Konzert mit mächtigem, musikalischem Gutwetter. Dass jetzt nur noch „Confusion“ fehle, um ihn froh zu machen, verrät vor den Zugaben ein beleibter Bremer, der optisch ein wenig an Elton John erinnert. Er geht leer aus.

Stattdessen wird Chuck Berrys „Roll Over Beethoven“ gereicht, die wahnwitzige ELO-Version, in der Beethovens Fünfte mit Rock’n‘Roll verschmilzt, sich die schwirrenden Celli sich mit den singenden E-Gitarren vermählen. Berrys Credo freilich, wonach „solange man eine Münze hat, die Musik nie zu spielen aufhört“, gilt freilich nur für Jukeboxen. Das Saallicht blinzelt auf, das Ufo hat die Halle verlassen, aber die Musik leuchtet noch lange in den Augen der Fans. Auf die anderen 20 ELO-Hits müssen wir bis zur nächsten Tour warten.

Jeff Lynne’s ELO live: heute, 19. September – Berlin, Mercedes-Benz-Arena; 21. September – München, Olympiahalle; 25. September – Mannheim, SAP-Arena.

Von Matthias Halbig / RND

Der Artikel "Electric Light Orchestra erleuchtet mit Auftritt Hamburg" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.