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15:22 20.06.2018
Carlo Chatrian. Quelle: dpa
Berlin

Bestätigt ist der Name noch nicht. Das soll erst am morgigen Freitag in Berlin geschehen, wenn der KKB-Aufsichtsrat (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin) tagt. Aber widersprochen hat die Kulturstaatsministerin und Aufsichtsratsvorsitzende Monika Grütters auch nicht, als gleich mehrere Zeitungen Locarnos Festivalleiter Carlo Chatrian als künftigen Berlinale-Chef ausriefen.

Dieter Kosslicks Vertrag läuft nach seiner letzten Berlinale 2019 aus, eine 2001 begonnene Ära geht zu Ende. Die Nachfolgesuche gewann an Dringlichkeit, nachdem 79 deutsche Filmemacher im vorigen Herbst eine Neuausrichtung für das Festival gefordert hatten. Eine Findungskommission hatte sich um Grütters geschart und den Rat von Branchenexperten eingeholt.

Carlo Chatrian passt perfekt ins Beuteschema. Er ist auch kein Quereinsteiger – mit denen hat die Hauptstadt jüngst weniger gute Erfahrungen gemacht. Noch so ein Debakel wie mit dem mittlerweile wieder entfleuchten Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon wollte wohl niemand riskieren. Chatrian ist festivalgestählt: Seit 2012 leitet der gelernte Filmpublizist Locarno, kein Festival aus der A-Liga wie Berlin, Venedig, Toronto (dessen Chef Cameron Bailey war ebenfalls im Gespräch) oder gar Cannes, aber eines mit exzellentem Ruf und vielgerühmten Publikumsvorstellungen auf der Piazza Grande.

Beobachter bescheinigen dem 46-Jährigen, den Wettbewerb in der Stadt am Lago Maggiore auf Niveau gebracht zu haben. Er entdeckte etwa den philippinischen Wunderregisseur Lav Diaz, um den sich die Platzhirsche inzwischen balgen. Chatrian gilt als Freund von durchaus sperriger - oder sagen wir: anspruchsvoller - Filmkunst. Ebenso holte er die junge US-Schauspielerin Brie Larson ins Rampenlicht, die wenig später mit „Room“ den Oscar gewann.

Umstrittener Berlinalechef: Dieter Kosslicks Vertrag endet 2019. Quelle: dpa

Schon jetzt sichtet Chatrian bis zu zwölf Festivals jährlich auf der Suche nach Entdeckungen, verriet er 2017 „Zeit Online“. Er dürfte also gut vernetzt sein, eine der wichtigsten Voraussetzungen im immer härter werdenden Festivalzirkus. Dem zuletzt über Gebühr gescholtenen Kosslick war auch noch vorgeworfen worden, die Kontakte zu Hollywood verkümmert lassen zu haben.

Allerdings: Chatrian hatte auch zu Protokoll gegeben, dass er sich nicht unbedingt als den richtigen Mann für den schwierigen Job sieht: „Die Berlinale ist ein großartiges Festival mit viel Potenzial, aber ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche.“ Das gelang Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln aber auch nicht so richtig.

Problematischer könnte es sein, dass sich Chatrian selbst als introvertiert bezeichnet. Menschenscheu darf er am Potsdamer Platz aber nicht sein, und die Fußstapfen sind groß: Als „Mr. Berlinale“ mit rotem Schal und schwarzem Hut zauberte Kosslick nicht nur den Stars ein Lächeln ins Gesicht.

Allein dürfte Chatrian jedoch gar nicht auf dem roten Teppich auflaufen: Bundeskulturministerin Monika Grütters hatte im April gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gesagt, dass sie eine Doppelspitze nach dem Vorbild anderer europäischer Festspiele befürworte. Zum künstlerischen Leiter dürfte sich ein Geschäftsführer - eher wohl eine Geschäftsführerin - gesellen, zuständig fürs Finanzielle und auch fürs Hätscheln der Sponsoren. Andere Festivals halten dies schon lange so, auch Locarno. Die Berlinale verfügt über einen stattlichen Etat von rund 23 Millionen Euro.

Für diesen zweiten Posten ist noch kein Name durchgesickert. Als Kandidaten gehandelt werden Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg und Petra Müller, ihre Kollegin in Nordrhein-Westfalen.

Lesen Sie hier ein Interview mit Dieter Kosslick. Er kann nun befreit auf seine letzte Berlinale vom 7. bis 17. Februar 2019 zusteuern. Seine Autobiografie „Schön auf dem Teppich bleiben“ soll Anfang November erscheinen. Der Verlag verspricht „Einblicke in das Innenleben einer Branche, die durch Harvey Weinstein und die #MeToo-Skandale schwer erschüttert wird“. Einen ersten Leitfaden fürs neue Amt hätte Chatrian also schon mal zur Hand.

Die Berlinale lockt jährlich rund eine halbe Million Besucher an. Quelle: dpa

Von Stefan Stosch/RND

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