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12:17 19.03.2018
„Panikherz“ heißt der so rasende wie gnadenlose und dennoch eitle Lebensbericht Stuckrad-Barres. Quelle: Peter Striebeck und Sebastian Zimmler
Hamburg

Udo ist schon da. Hut in die Stirn gezogen, latscht das Lindenberg-Double über die Bühne. Nebeldampf verschleiert die Sicht, ein Scheinwerfer blendet das Publikum, und jetzt beginnt die Geschichte von einem, der wie Lucky Luke lebt, jener Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten. Aber dies ist die Geschichte eines realen Lebens, das von Benjamin von Stuckrad-Barre.

Aufgewachsen im niederen Niedersachsen, aufgestiegen in den Pop-Himmel, niedergestürzt in die Drogenhölle, auferstanden aus seelischem Ruin. „Keine Panik“, sagt Udo. „Panikherz“ heißt der so rasende wie gnadenlose und dennoch eitle Lebensbericht Stuckrad-Barres. 2016 war das ein Bestseller, er reißt auch auf der Bühne mit, gut drei Stunden im Thalia Theater.

Mit 23 war er plötzlich der Star der Popliteraten

„Panikherz“ scheint das Stück der Stunde. Oliver Reese hat den Poproman fürs Berliner Ensemble eingedampft, Christopher Rüping gibt ihm in Hamburg mehr Raum, mehr Text, mehr Wahnsinn. Stuckrad-Barre spiegelt in dem Buch wie nun auf der Bühne das eigene Leben, Zwölf Jahre war er, als ihm die Musik von Udo Lindenberg die Tür zu einer Welt jenseits des Pfarrhauses in Rotenburg/Wümme aufschloss. Er sprang so schnell wie möglich hindurch, schrieb für ein Stadtmagazin, für den „Rolling Stone“, und als 1998 sein Roman „Soloalbum“ erschien, da war er 23 und plötzlich der Star der Popliteraten.

Mit 27 zerlegt er sich schon öffentlich im Fernsehen. Bilder aus der WDR-Sendung „Zimmer frei“ wabern auf einer Nebelwolke und Götz Alsmanns Prognose für Stuckrad-Barres Perspektive: „Entweder Weltstar oder drogenabhängig.“ Bei letzterem war der Autor und Entertainer schon weit vorgeschritten. Aber es kommt nicht zum Absprung in den „Club 27“ mit Jimi Hendrix und Janis Joplin und all denen, die sich mit 27 in den Tod kickten.

In chronologischem Galopp geht es durch den Parcours eines Narzissten

Stuckrad-Barre, das transportieren Christopher Rüping und acht Akteure, kann stellvertretend gesehen werden für eine Zeit, in der Tempo, Pointe und der schöne Schein der Oberfläche regieren – und vor allem der Egotrip. Keiner macht sich dabei so nackig wie der heute 42-Jährige Stuckrad-Barre. Er seziert sich und seine Welt messerscharf, verschanzt sich hinter Ironie und Sarkasmus und lebt im Vollgas-Modus. Alk, Koks, Angstattacken und Bulimie heißen seine Dämonen in „Panikherz“ – „koksen, kotzen, koksen, kotzen“. Stuckrad-Barre füttert seine Dämonen mit besessener Akribie.

Rüping legt seinen Abend als literarische Collage und zugleich als Revue mit Disocblitzen an. Er stülpt dem Text keine Bedeutungsebene über. Reflexionen finden nicht statt, der Text entlarvt genug. Das Egozentrische wird unterstrichen, indem so gut wie keine Dialoge stattfinden. Rüping spaltet den Ich-Erzähler auf. Die Darsteller, unter ihnen der nun 80-jährige Peter Striebeck, monologisieren in schnellem Wechsel den Text. In chronologischem Galopp geht es durch den Parcours eines Narzissten, Selbstzerstörers und Vorzeige-ADSlers.

Mal baumeln auf der weitgehend leeren Bühne Mikrofone herab, mal hocken Erzähler auf einer Turnbank, mal zappeln sie zur Musik oder in – völlig überzogenem – Partytaumel. Christoph Hart frickelt im Hintergrund Elektrosounds dazu, eingespielt wird Musik von den Bates. von Oasis und natürlich von Lindenberg.

Lügen werden in Satzeskürze geschreddert

Es gibt Leerlauf-Momente, Striche hätten nicht geschadet. Am besten ist die Inszenierung, wenn sie dem Text ganz nah rückt. Sebastian Zimmler gewaltig ratterndes Staccato über das Klassentreffen, das Stuckrad-Barre natürlich nicht besucht, ist grandios. Da werden Lebensentwürfe einer ganzen Generation samt ihrer Lügen in Satzeskürze geschreddert.

Der zweite Teil ist kurz und wenig zwingend. Er führt in eine grotesk künstliche, in Goldregen gekleidete Plastikwelt. So karikiert Bühnenbildner Jonathan Mertz das Chateau Marmont Hotel in Los Angeles. Udo hatte seinen Stuckiman hingebracht, auf dass er zu sich finde. Im Stück ist Udo raus, der Erzähler trinkt nun Tee, lebt seine Hyperaktivität in Gedankenkaskaden aus. Aus Reihe eins werden junge Frauen in den Plastiksessel gebeten, und dann trudelt der Abend bald aus. Gut so, es gibt nichts mehr zu sagen. Der Beifall für diesen rauschenden, über weite Strecken berauschenden Abend fällt kräftig bis begeistert aus.

Von Hans-Martin Koch/RND

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