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Welt Barbara Ludwig: „Wir haben auch Angst voreinander“
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05:00 16.11.2018
Barbara Ludwig (SPD), Oberbürgermeisterin von Chemnitz, führt eine Stadt, die derzeit sehr gespalten ist – und erlebt auch Anfeindungen. Quelle: Jan Woitas/Dpa

Knapp ein Vierteljahr nach dem tödlichen Zwischenfall auf dem Chemnitzer Stadtfest kommt die Bundeskanzlerin heute in die Stadt. Ist das ein lang ersehnter Besuch oder werden alte Wunden wieder aufgerissen?

Es ist offen, ob dieser Besuch hilft, ob er etwas bringt und ob er eine nachhaltige Wirkung haben wird. Offen, weil es darauf ankommt, was die Kanzlerin hier möchte.

Kommt der Besuch zu spät?

Angesichts der Tragweite der Ereignisse im August und der medialen Ausleuchtung, aber auch angesichts der Tatsache, dass die Bundesregierung an deren Interpretation fast zerbrochen wäre, hätte ich mir gewünscht, dass der Besuch eher stattgefunden und die Kanzlerin sich ein Bild vor Ort gemacht hätte. Nicht zuletzt, um in der Beurteilung der Ereignisse sicherer zu sein und das Gespräch mit den Bürgern zu suchen. Das war auch der Hintergrund meiner Einladung Anfang September.

War die mediale Ausleuchtung, wie Sie es nennen, für Chemnitz ein Fluch?

Wir haben den Zustand, das Chemnitz plötzlich weltbekannt ist, aber auf eine Art und Weise, die schlimm ist. Die Stadt hat, davon bin ich überzeugt, aufgrund ihres Potenzials und ihrer Entwicklung eine andere Aufmerksamkeit verdient. Es ist in der Tat so, dass einige Journalisten – insbesondere, wenn sie von weiter her kommen - immer die gleichen Bilder, immer die gleichen Zitate, immer die gleichen Geschichten suchen. Selten wird differenziert. Aber wenn man das tragische Ereignis und die Demonstrationen danach wirklich verstehen will, muss man eben genau das tun: differenzieren.

In Chemnitz hat danach ein großes Rockkonzert mit Bands wie Feine Sahne Fischfilet stattgefunden – ohne dass sich jemand wie in Dessau darüber mokiert hat. Woher kommt die veränderte Wahrnehmung?

Sie ist ein Ausdruck der Polarisierung in unserer Gesellschaft. Das führt dazu, dass Bands, die sich mit ihrem künstlerischen Anspruch reiben wollen, und die Freiheit der Kunst plötzlich infrage stehen. Ich war sehr froh, dass sich 65 000 Menschen jeden Alters versammelt haben, um ein friedliches Zeichen zu setzen. Auch mit dem Lebensgefühl in den Texten, das die jungen Menschen haben. Es war ja schon immer so, dass Texte einiger Rockgruppen besonders von Älteren nicht so gemocht wurden. Aber plötzlich wird das zum hitzigen Politikum. Das ist eine neue Situation.

Chemnitz ist keine andere Stadt geworden

Kurz nach dem tödlichen Zwischenfall sind Sie mit Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Chemnitzer FC aufgetreten und wurden von einer wütenden Menge niedergebrüllt. Warum richtete sich die Wut vor allem gegen Sie?

Ich führe seit mittlerweile zwölf Jahren verschiedenste Gesprächsrunden mit Bürgern in der Stadt. Da war es immer möglich, Regeln für den Austausch zu vereinbaren, weil alle einsahen, dass es anders nicht geht. Bei der Veranstaltung im Stadion waren zwei Dinge anders: Zum einen war da eine große Aufgewühltheit. Zum anderen war es ein Format der Staatsregierung. Es hätte geholfen, am Beginn Regeln für das Gespräch zu vereinbaren. Manche der Lauten dort fühlen sich von mir nicht vertreten, und die hatten endlich ihre Bühne.

Ist Chemnitz durch all das eine andere Stadt geworden?

Nein, Chemnitz ist keine andere Stadt geworden. Aber es ist einiges anders. Es gibt mehr und offenere Gespräche. Weil am Ende nur hilft, ehrlich zu sein. Ängste werden deutlicher besprochen. Da geht es vor allem um Sicherheit und fehlendes Sicherheitsgefühl. Das Gefühl ist oft stärker als die Wirklichkeit. Aber: Es gibt eben auch Situationen, wo Mädchen berichten, dass Migranten mit ihnen in die Straßenbahn einsteigen, sie anmachen und verfolgen. Umgekehrt schildern Migrantinnen, dass sie angepöbelt wurden oder dass man vor ihnen ausspuckt. Da wird klar, dass wir auch voreinander Angst haben. Lösen lässt sich das Problem nicht von heute auf morgen. Es gibt einen Sieben-Punkte-Plan, in dem ich Maßnahmen für die nächsten Monate zusammengefasst habe.

Fühlt sich die Stadt bei ihrem Kampf im Stich gelassen?

Wir sind gewohnt, uns selbst zu helfen. Es gibt ja kaum Wohltaten von außen oder von Mäzenen. Wertschöpfung findet in Chemnitz seit Jahrhunderten tatsächlich in der Stadt selbst statt.

Wie schätzen sie die Chance von Chemnitz ein, Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu werden?

Ich sehe nach den tragischen Ereignissen eine große Geschlossenheit derer, die die Bewerbung als Kulturhauptstadt für wichtig halten. Das ist eine breite entschlossene Bürgerschaft. Außerdem werden wir gemeinsam mit 25 Bürgermeistern aus Orten, die zum Chemnitzer Modell gehören, eine Kulturregion entwickeln. Die Chancen selbst sind weder gestiegen noch gesunken. Weil all das, was wir erzählen werden, europäische Themen sind. Einschließlich der Polarisierung der Gesellschaft und eines gewissen Auftriebs von rechten Kräften. Chemnitz ist in vielen Facetten eine typisch europäische Stadt. Unser Motto „Aufbrüche“ ist treffend.

Von Roland Herold/RND

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