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04:57 07.01.2021
Zwerge in einem Fenster in Lohr - die Märchenwelt ist hier auch ein Geschäft.
Zwerge in einem Fenster in Lohr - die Märchenwelt ist hier auch ein Geschäft. Quelle: Andreas Drouve/dpa-tmn
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Lohr am Main

Derzeit ist zwar auch im Spessart keine Beherbergung möglich. Doch wer es nicht allzu weit hat und nicht gerade aus einem Corona-Hotspot kommt, kann sich dort von der märchenhaften Winterstimmung verzaubern lassen.

Der Weg "über die sieben Berge zu den sieben Zwergen", wie man ihn aus Grimms Märchen Schneewittchen kennt, führt durch Mischwald. Fichten, Eichen und Buchen säumen den markierten Schneewittchenweg von Lohr am Main nach Bieber.

Hier also floh Schneewittchen vor der niederträchtigen Königin, die ihre Stiefmutter war, bis sie das rettende Zwergenhaus erreichte und sich in Sicherheit wähnte. Doch die Monarchin stellte ihr nach und wollte sie auslöschen, da das sprechende "Spieglein, Spieglein an der Wand" nicht sie selber als "Schönste im ganzen Land" erachtete, sondern das "tausendmal" hübschere Schneewittchen.

Legt man heute die Route zurück, bleibt festzuhalten: Das von den Gebrüdern Grimm skizzierte "böse Weib" muss nicht nur wahnsinnig, sondern auch wahnsinnig fit gewesen sein. Zwischen Lohr und Bieber liegen 35 Kilometer, die sie dreimal bewältigte, hin und zurück, um die Stieftochter mit einem Schnürriemen, einem toxischen Kamm und einem vergifteten Apfel ins Jenseits zu befördern.

Drei neue Väter für Schneewittchen

Märchen sind nicht zu verorten, die Schauplätze können überall sein - eigentlich. Das Panorama änderte sich 1986, als Schneewittchen in Lohr drei neue Väter bekam. Ein Trio aus sogenannten Fabulogen fand in einer Weinstube unter Zufluss von reichlich Rebsaft heraus, dass die Märchengestalt die auf dem Lohrer Schloss geborene Adelige Maria Sophia Katharina Margaretha Freyin von Erthal (1725-1796) und der Wald demzufolge der Spessart gewesen sein muss.

Seither herrscht ein Hype, und Stadtführerin Bettina Merz spannt den Bogen von der Fiktion zur Wirklichkeit. Eine eitle, eingebildete Stiefmutter habe es gegeben, einen wertvollen Spiegel aus der örtlichen Manufaktur, ebenso die Berge und die Zwerge.

"Das waren Bergarbeiter", sagt Merz. "Denn es gab früher Bergbau im Spessart. Die Stollen waren sehr niedrig, da arbeiteten kleinwüchsige Menschen und Kinder. Zum Schutz gegen herabfallenden Schmutz trugen sie Zipfelmützen, das sieht man auf alten Holzstichen."

Was fehlt, ist der Prinz. Im Märchen erlöste er Schneewittchen vom üblen Zauber und führte sie vor den Altar, während sich im wahren Leben die fromme, fast erblindete Maria Sophia dem Institut der Englischen Fräulein zu Bamberg anschloss.

Schneewittchen weckt das Interesse

Diese Hintergründe erhellt die Biografie im Lohrer Schloss, wo das Spessart-Museum untergebracht und das "Schneewittchen-Kabinett" als Zugeständnis an die Neugier der Besucher zu interpretieren ist.

Was hält Museumsleiterin Barbara Grimm davon, deren Nachname ein skurriler Zufall ist? "Das Thema macht uns natürlich bekannt", sagt die 58-Jährige. "Aber Schneewittchen ist nur ein winziger Bruchteil der Schlossgeschichte und des Museums. Deswegen ist es für uns wichtig, das Ganze mit einem zwinkernden Auge zu betrachten. Märchen wurden ja gerne erzählt, aber niemals geglaubt."

Trotzdem führt kein Weg an dem von Frau Grimm konzipierten Märchenklangraum, in dem sich das Prunkstück unter all den Exponaten befindet: der Schneewittchen-Spiegel mit zwei Sinnsprüchen auf Französisch, die in kunstvolle Medaillons gefasst sind und so mit dem Betrachter kommunizieren, also gewissermaßen sprechen.

Längst hat die Märchen-Beauty die Spessart-Räuber in den Schatten gestellt, die als "Wirtshaus im Spessart" ebenfalls ihren Platz im Museum haben. Die Novelle von Wilhelm Hauff (1802-1827) diente als Vorlage zum gleichnamigen Erfolgsfilm von 1958.

Schneewittchen wird in Lohr als Leitmotiv wunderbar strapaziert. Führerin Merz zeigt Zwergskulpturen, sinniert über das polemische Horrorwittchen-Denkmal vor der Stadthalle, erklärt die Schneewittchen-Rallye für Kinder. Und weiß sogar, wo die böse Stiefmutter das Gift für den Apfel besorgte.

Geister mit wilden Bärten

Zurück auf dem Schneewittchenweg. Plötzlich tauchen echte Märchenkulissen auf dem Schlussstück nach Bieber auf, am Lochborner Teich. Geisterhaft steigen tote Stämme aus dem Wasser und beflügeln in der Dämmerung die Fantasie. Sind es nicht Gesichter, denen Haarbüschel aufsitzen, an denen wilde Bärte hängen, in denen Augenhöhlen stecken? Nur schnell weg hier.

Das Endziel im Talgrund fällt ab: Bieber schlummert vor sich hin. Dort, wo Schneewittchen bei den Zwergen Unterschlupf fand, bleibt im Gegensatz zu Lohr die Vermarktungsoffensive aus.

Rotkäppchen im erotischen Dress

Märchen lassen Burkhard Kling seit seiner Kindheit nicht los. Früher, erinnert er sich, legte er wie Hänsel Spuren im Wald, um später wieder herauszufinden - allerdings aus Kiefernzapfen. In Steinau leitet er das museale Brüder-Grimm-Haus, wo Vater Grimm einige Jahre als Amtmann tätig war und zwei seiner Söhne durch die Stube tollten: Jacob und Wilhelm, die Begründer der Germanistik und Herausgeber der weltberühmten "Kinder- und Hausmärchen".

Die Säle sind mit Liebe zum Detail aufgezogen – und voller Kuriosa. So scheute sich Kling nicht, für die Rotkäppchen-Sektion ein Outfit aus dem Erotikshop zu bestellen.

Unterwegs im märchenhaften Naturpark

Die Märchen sind eine Sache, die Zauberwelten im Naturpark Spessart eine andere. Nebel umhüllt jahrhundertalte Baumriesen, Mooskissen leuchten, Spechte hämmern, das Rauschen eines Baches strömt heran.

Das perfekte Erlebnis zum Ausklang ist eine Nacht im Baumhaushotel bei Gräfendorf. Sobald sich der Abend über den Forst senkt und in der Ferne das letzte Motorengeräusch erstirbt, lauscht man im Baumhaus in die schwarze Stille hinein und spürt Gelassenheit. Morgens liegt Dunst im Waizenbachtal, bis die Sonne durch die Bäume bricht und eine Frühstücksfee mit ihrem Korb auftaucht. Märchenhaft.

© dpa-infocom, dpa:210106-99-919165/3

dpa