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Weihnachtliches So schmeckt Weihnachten in Polen
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Weihnachten in Marburg und Umgebung
19:00 22.12.2019
Das Weihnachtsfest in Polen unterscheidet sich sehr von dem bei uns in Deutschland. Quelle: Tobias Hirsch
Cölbe

Glühwein, Plätzchen und gebrannte Mandeln, Adventskalender – das sollte man schnell alles vergessen, wenn man in der Adventszeit in Polen ist. Dort sind die vier Adventswochen nicht so magenfüllend und schon gar nicht so laut wie auf einem Weihnachtsmarkt. Es wird nicht getanzt und auch nicht geheiratet. Verlässlich wie hierzulande kommt in der Vorweihnachtszeit in Polen nur der Nikolaus. Dafür stehen werktägliche Gottesdienste vor der Arbeit und Schule an.

Agnieszka „Aga“ Sauerwald, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Cölbe-Koscierzyna, lebt mit ihrer Familie in Cölbe. Sie ist Polin, ihr Mann Frank ist Deutscher. Wenn sie aus ihrer Kindheit berichtet, insbesondere von der Weihnachtszeit, kommt man schnell in ungläubiges ­Staunen. „Das ist umgekehrt genauso“, sagt sie. Polen können sich nicht vorstellen, die Zeit vor Weihnachten so zu gestalten, wie es hier in Deutschland normal ist. Wobei sich das langsam wandelt.

Polen mögen die Weihnachtsmärkte in Deutschland mittlerweile auch sehr gerne. In Polen jedoch hält sich noch die Tradition. So muss einem Weihnachten schon ein bisschen wie eine Erlösung vorkommen. Und ja, am 1. Weihnachtsfeiertag bevölkert die junge Generation auch die Diskotheken.

Der 24. ist ein Tag voller Rituale

Dann liegt der Tag, auf den so hart hingearbeitet wird, hinter ihnen. Der 24. Dezember. Das ist ein Tag voller Rituale. Am 24. steht man einfach früh auf und isst ein fleischloses Frühstück, erzählt Aga Sauerwald. Es laufen die letzten Vorbereitungen für den Abend. Denn dann gibt es ein Zwölf-Gänge-Essen. Zwar erneut wieder ohne Fleisch, aber mit reichlich Fisch.

Sauerwald schätzt, dass in nahezu 99 Prozent der polnischen Haushalte Karpfen dabei ist. Entweder gebraten oder in Aspik. Dazu gibt es unter anderem ­eine Rote-Beete-Suppe mit kleinen Teigtaschen, Pilzsuppe, Hering, Dorsch, Brot und Gemüse, Klöße mit Mohn und Honig, Kraut mit Erbsen, Kompott aus getrocknetem Obst, Pfefferkuchen, dazu verschiedene Salate. „Man sollte wenigstens von jeder Speise probieren, denn das soll für ein Jahr Glück bringen“, sagt sie.

Wer sich dann wundert, dass ein Gedeck gar nicht benutzt wird, darf sich sicher sein, dass auch so etwas in 99 Prozent aller Haushalte vorkommt. Das ist ein Brauch. Das Gedeck erfüllt dabei verschiedene Funktionen. Es soll einfach schon bereit stehen für einen verspäteten Gast oder an eine Person erinnern, die einst zur Familie gehörte, aber mittlerweile verstorben ist.

Heu unter der Tischdecke erinnert an Stall

Die Tischdecke ist meist weiß, liegt aber öfter nicht glatt auf dem Tisch, weil darunter noch ein bisschen Heu ist, das an den Stall erinnern soll, in dem Jesus geboren wurde. Übrigens, gegessen wird erst, wenn der erste Stern am Himmel erkennbar ist. Hier denkt man an den Stern von Bethlehem. Mit dem Wissen kommt man auch so langsam hinter das Geheimnis der Zwölf Gänge. Bibelfeste unter uns ahnen es schon: Ja, die zwölf Apostel haben damit zu tun. 

Nach dem Essen wird gesungen. „Sehr textsicher bis in die hinteren Strophen“, weiß Aga Sauerwald auch aus eigener Erfahrung zu berichten. Dann endlich kommt … nein, auf keinen Fall das Christkind, sondern ausschließlich der Weihnachtsmann.

Tja, und dann kommt unweigerlich der nächste Tag, der erste Weihnachtsfeiertag. An diesem Tag gehen junge Leute nicht nur in die Disco. An diesem Tag wir auch oft geheiratet. Oder es werden Kinder getauft. Und auf dem Tisch kommt – ja, endlich Fleisch. Ente oder Gans.

Und dann kommen andere Erinnerungen, die den unsrigen gleich sind. Früher gab es oft weiße Weihnachten, heute so gut wie gar nicht mehr. „Das war für uns Kinder immer schön. Dann ging es mit dem Schlitten raus oder wir haben einen Spaziergang durch den Wald gemacht“, berichtet Sauerwald.

Karpenschuppe soll Glück bringen

Wer schlau war, hat sich übrigens beim Essen an Heiligabend eine Karpfenschuppe aufgehoben. Wer die trocknet, hat Reichtum zu erwarten. Wer hingegen an diesem Tag Wäsche aufhängt, wird mit Pech im nächsten Jahr bestraft. Hingegen sollten die Betten schon frisch bezogen sein. Der wichtigste Brauch in Polen ist übrigens weltweit einzigartig: das Oblaten­brechen. Beim Oblatenbrechen bricht man sich ein Stück von der Oblate eines anderen ab, isst es und wünscht demjenigen das Beste. In der Regel beginnt das Familienoberhaupt mit dieser Tradition.

von Götz Schaub