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Alexander Lorz (CDU) ist Kultusminister von Hessen.
Alexander Lorz (CDU) ist Kultusminister von Hessen. Quelle: Silas Stein/dpaArchiv
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Niederwalgern

Unsere Schüler-Reporterin hat mit Minister Alexander Lorz (CDU) über die Lage an den Schulen gesprochen, vor den Osterferien und zu einem Zeitpunkt, als der Großteil der Klassen noch im Fernunterricht bleiben musste:

Herr Lorz, die momentane Situation des Homeschoolings ist für mich und auch – was ich so höre – für meine Freunde eine große Herausforderung, da man sich täglich aufs Neue motivieren muss, dem Unterricht online zu folgen und sich selbständig den Stoff beizubringen.

Auch einen geregelten Tagesablauf einzuhalten, ist nicht immer einfach. Zurzeit gibt es nur noch den virtuellen Raum, über den man unterrichtet wird. Selbst der Konfirmandenunterricht findet darüber statt.

Will man sich mit Freundinnen austauschen oder Geburtstag feiern, findet dies auch nur noch über Zoom, Webex oder diverse andere Medien statt. Dabei sollte man eigentlich nicht so viel Zeit mit den digitalen Medien verbringen (Zitat meiner Mutter vor der Pandemie).

Greta Scherer: Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären in meinem Alter: Könnten Sie problemlos damit umgehen? Würden Sie täglich die Motivation aufbringen und regelmäßig zum virtuellen Unterricht erscheinen? Immer vor dem Hintergrund, dass Sie keine Möglichkeit eines freizeitlichen Ausgleichs haben und dass Ihre Bemühungen eventuell nicht ausreichen, um im Distanzunterricht gute Noten zu bekommen?

Alexander Lorz: Die Corona-Pandemie ist für die Gesellschaft eine große Belastung, und nur die wenigsten haben damit gerechnet, dass sie uns so lange beschäftigen wird. Für junge Menschen ist die Situation besonders schwierig – sie wollen Freunde treffen, Sport machen und die Welt entdecken. All das geht im Moment fast gar nicht, und das bedauere ich sehr. Und auch der Unterricht ist ein anderer als noch vor der Pandemie: Einige Schülerinnen und Schüler müssen seit Weihnachten von zu Hause aus lernen. Das stelle ich mir unglaublich frustrierend vor. Deshalb finde ich es auch so beeindruckend, dass sie nach Monaten des Distanzlernens weiterhin Tag für Tag mit Motivation am digitalen Unterricht teilnehmen. Trotzdem hoffe ich sehr, dass schon bald wieder alle Kinder und Jugendlichen regelmäßig in die Schule gehen können.

Langsames Internet mindert Motivation

Die Motivationsschwierigkeiten kamen auch durch die ungenügende Ausstattung mit digitaler Hard- und Software beziehungsweise durch WLAN-Probleme zustande. Teilweise wurde auch vorausgesetzt, dass man Office-Programme beherrscht, die aber in keinem regulären Schulfach vermittelt werden. Meine Schule hat daher eine IT-Lernstunde eingeführt. Aber auf die Schnelle ist der Umgang mit den ganzen Programmen nicht so einfach.

Ist für die Zukunft als Lehre aus der Pandemie vorgesehen, dass sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Schulen grundsätzlich besser digital ausgestattet werden und dass eventuell auch ein neues Schulfach ab der Mittelstufe eingeführt wird, das den Umgang mit den verschiedenen Programmen vermittelt?

Der Unterricht nach der Pandemie wird in jedem Fall ein anderer sein, und das liegt vor allem an den Fortschritten, die wir in den zurückliegenden Monaten bei der Digitalisierung unserer Schulen und bei der Ausstattung der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte mit digitalen Endgeräten erzielt haben. Während am Anfang bei vielen die Videokonferenz immer wieder geruckelt hat oder Lernmaterialien und Hausaufgaben nur umständlich bei den Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften ankamen, läuft der Distanzunterricht mittlerweile deutlich besser, nicht zuletzt, weil ein Großteil der Schulen mit unserem landesweiten Schulportal arbeitet. Trotz aller Fortschritte liegt für mich die Zukunft des Unterrichts aber weiterhin im Klassenzimmer, denn digitale Hilfsmittel dienen nicht dazu, den unmittelbaren Austausch zwischen Schülern und Lehrkräften zu ersetzen, sondern ihn sinnvoll zu ergänzen. Wir haben deshalb für Lehrkräfte eine große Fortbildungsoffensive gestartet, die ihnen digitale Kompetenzen vermitteln soll. Und für Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen erarbeiten wir derzeit ein Konzept, wie mehr digitale Kompetenzen im Unterricht vermittelt werden können. Eine wesentliche Rolle wird dabei der Informatikunterricht spielen.

Hauptfächer alleine reichen nicht aus

Zudem macht man sich im Homeschooling wesentlich mehr Druck bei der Bearbeitung des Stoffes, da man weiß, dieser wird voll benotet und nach jeder Stunde steht eine Abgabe für die zu bearbeitenden Aufgaben in einem vorgegebenen Zeitfenster an. Die Lehrkräfte stehen zwar für die Beantwortung von Fragen zur Verfügung, aber man will sie natürlich nicht unbedingt so oft fragen, wie man es im Präsenzunterricht tun würde.

Wäre es nicht möglich, die Benotung auf die Hauptfächer zu beschränken, nur dort Ersatzarbeiten anfertigen zu lassen und in den Nebenfächern weniger Unterrichtsmaterial zu behandeln?

Schon im vergangenen Jahr mussten wir den Unterricht in einigen Fächern aussetzen und eine Fokussierung auf die Hauptfächer vornehmen. Das ist uns außerordentlich schwergefallen, denn unsere Schulen sollen eben nicht nur Mathe, Deutsch oder Englisch vermitteln, sondern junge Menschen möglichst breit und umfassend ausbilden. Eine Schülerin, die jetzt schon weiß, dass sie später einmal Chemikerin werden will, wäre sicherlich nicht allzu begeistert, wenn sie ihr Können nicht mehr unter Beweis stellen könnte und nur noch halb so viel Unterrichtsstoff vermittelt bekäme. Auch wenn Schülerinnen und Schüler immer wieder den Eindruck bekommen, dass sie im Distanzunterricht mehr leisten müssen als im Präsenzunterricht, glaube ich trotzdem, dass unsere Lehrkräfte ein gutes Gespür dafür haben, wie viel sie von ihnen verlangen können. Das gilt sowohl für die Hausaufgaben als auch für die Klausuren und Ersatzleistungen.

Verpasster Stoff soll kompensiert werden

Dann stellt sich mir die Frage, ob ich im Homeschooling tatsächlich genügend gelernt und verstanden habe oder ob ich auf der weiterführenden Schule nicht doch große Lücken aufweisen werde.

Planen Sie den Schulstoff dahingehend anzupassen oder sind Sie der Meinung, dass jeder Schüler das noch aufholen kann?

Nicht jedes Kind wird mit Defiziten aus der Corona-Pandemie hervorgehen. Einige werden ihre Lernziele erreicht und ihre Kompetenzen im selbständigen Lernen gesteigert haben. Dann gibt es diejenigen, die mehr oder weniger solide durch die Zeit der Schulschließungen kommen werden, bei denen unsere Schulen nur punktuell im Nacharbeiten helfen müssen. Und dann gibt es eben auch eine dritte Gruppe, die wir besonders in den Blick nehmen müssen: Mehrere Bildungsstudien zeigen, dass gerade Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten besonders unter der Corona-Pandemie leiden. Die Unterstützung der Eltern ist kaum gegeben, sie leben häufiger in beengten Verhältnissen und die technische Ausstattung beschränkt sich oftmals auf die Smartphones ihrer Eltern. Mittel- und langfristig wird es darum gehen, die zum Teil erheblichen Lerndefizite dieser Kinder und Jugendlichen auszugleichen. Für alle Schülerinnen und Schüler gilt: In Hessen arbeiten wir aktuell an einem groß angelegten Kompensationsprogramm, mit dem der verpasste Unterrichtsstoff bis zu den Sommerferien und in den nächsten Jahren nachgeholt werden soll.

Sorge um Corona-Stigma

Es war auch einmal zu hören, dass die 8. Klasse wiederholt werden soll. Ich fände das nicht so gut, da später keiner mehr an Corona denkt, sondern jeder nur sieht, dass die Klasse wiederholt wurde und man dadurch Nachteile im späteren Leben beziehungsweise bei den Bewerbungen hat. Vielleicht gibt es gegen unsere Generation aber jetzt auch grundsätzlich Vorurteile und jeder denkt: „Die haben nichts gelernt“. Das würde mich sehr stören, da ich mich trotz Corona anstrenge, dem Unterricht zu folgen und zu lernen.

Denken Sie, dass jetzt alle Schülerinnen und Schüler die 8. Klasse wiederholen sollten?

Niemand wiederholt gerne eine Klasse – das ist doch klar. Schließlich sind Kinder und Jugendliche in ihren Klassenstrukturen verankert und haben auch in der Pandemiezeit so gut es geht eine enge Bindung zu ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden aufrechterhalten. Einige gesellschaftliche Akteure fordern deshalb, Schülerinnen und Schüler nicht für etwas zu bestrafen, das sie nicht zu verantworten haben. Uns erreichen gleichzeitig immer wieder Briefe von weiterführenden Schulen, die befürchten, dass sie Schülerinnen und Schüler aus den Grundschulen aufnehmen müssen, die ganz einfach noch nicht auf dem Stand sind, dem Unterricht zu folgen. In etwa dasselbe hören wir von den Universitäten, die die Sorge haben, Absolventinnen und Absolventen aufnehmen zu müssen, denen grundlegende Kompetenzen und Fähigkeiten für ein Studium fehlen. Als Staat ist es unsere Aufgabe, in dieser Situation für Klarheit zu sorgen. Wir stehen deshalb bei uns in Hessen im Austausch mit Schulpraktikerinnen und Schulpraktikern und erörtern verschiedene Möglichkeiten für die Versetzung im Sommer. Derzeit ist aber noch nicht ganz klar, wie der Unterricht nach den Osterferien bis zum Schuljahresende weitergehen wird. Erst wenn wir das wissen, können wir auch verbindliche Aussagen zum Sitzenbleiben treffen – das gilt für die 8. Jahrgangsstufe genauso wie für alle übrigen.

Von Greta Scherer, Gesamtschule Niederwalgern, Klasse 8.1