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Umwelt & Gesellschaft Tierschützer oder Tierquäler?
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19:39 18.07.2022
Dackelhündin Mathilda vom Soisberg, Jagdhündin von Katja F., schaut aus der Luke eines Hochsitzes.
Dackelhündin Mathilda vom Soisberg, Jagdhündin von Katja F., schaut aus der Luke eines Hochsitzes. Quelle: Anjali Ajimal
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Marburg

Die Jagd. Bei diesem Thema ist die Gesellschaft sehr geteilter Meinung und Artikel zu Übergriffen durch Wölfe oder den Abschuss eines Pferdes anstelle eines Ebers heizen die Diskussion weiter an.

Aber wie viel Wissen haben die Jagdgegner eigentlich? Ich möchte auch nicht, dass mein Hund oder Pferd von einem Wolf angegriffen wird, aber was weiß ich eigentlich über das Jagen? Um Klarheit in dieses Thema zu bringen und den Menschen nahe zu bringen, was es mit der Jagd auf sich hat, habe ich einen Jungjäger und zwei erfahrene Jäger interviewt.

Jungjäger Paul ist 15 Jahre alt und hat vor kurzem sein grünes Abitur abgelegt. So wird die Jagdprüfung genannt, die einen theoretischen, praktischen und mündlichen Teil beinhaltet. Bis zu seiner Volljährigkeit darf Paul nur mit einem erwachsenen Jäger – der ebenfalls einen Jagdschein besitzen muss – auf die Jagd gehen. Die erfahrenen Jäger Burkhard und Katja sind über 60 Jahre alt und gehen mit ihren Dackeln schon mehrere Jahre auf die Jagd.

Es gibt überall Schattenseiten

Wie kamst du auf die Idee, den Jagdschein zu machen?

Paul: Durch Bekannte, die davon begeistert waren.

Katja: Ich habe mich schon immer für die Natur und die Flora und Fauna interessiert. Und dann gab es einen Kurs, bei dem ich angemeldet wurde.

Was ist das Schönste am Jägersein?

Paul: Die Verbindung mit der Natur und die Erlebnisse in der Natur.

Katja: Dass man in der Natur, mit der Natur arbeitet. Dass man viel für die Flora und Fauna tun kann, indem man zum Beispiel Gehölze oder Schutzstreifen anlegt und man Wild rausnimmt, welches zum Beispiel Bodenbrüter vernichtet.

Hat die Jagd Schattenseiten?

Paul: Da ich den Jagdschein erst seit kurzem besitze, fallen mir im Moment keine Schattenseiten ein.

Katja: Ja, es gibt überall Schattenseiten, auch bei der Jagd. Das neue Jagdgesetz gefällt mir nicht in allen Aspekten, denn ich denke nicht, dass Rehe die Ratten des Waldes sind, und deshalb lasse ich den Tieren mehr Zeit.

Jäger müssen Gesetze ganz genau kennen

Was meinst du genau mit „Ratten des Waldes“?

Burkhard: Rehwild ist ein Selektionsfresser, daher fressen sie bei jungen Bäumen gerne die frischen Triebe an den Baumspitzen. Aus der wirtschaftlichen Perspektive der Waldbauern ist dies – in Anbetracht der aktuellen Situation des Waldes insgesamt – eher schlecht und ein Hochsetzen der Bejagungsrate wird positiv aufgenommen. Der hohe Aufwand für die Errichtung von Gattern, um das Wild zurückzuhalten, ist bei so viel Neupflanzungen schwer umzusetzen. Die Schonzeit für die Tiere wird daher immer kürzer. Diese intensive Bejagung ist eine Schattenseite.

Können Jäger in ihrem Revier tun und lassen, was sie wollen?

Paul: Sie können alles tun, solange sie sich an das Bundesjagdgesetz und Tierschutzgesetz halten. Zum Beispiel darf man während der Schonzeiten (keine Jagdzeit) keine Tiere erlegen.

Katja: Nein! Jäger sind an Recht und Gesetz gebunden und dies wird von der unteren Jagdbehörde ausgeschrieben. Man muss dieses ganz genau kennen, damit man nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Jungjäger Paul H. während einer Jagd. Privatfoto Quelle: Privatfoto

Weil ansonsten was passiert?

Burkhard: Hohe Strafzahlungen und/oder der Verlust des Jagdscheins sind mögliche Konsequenzen.

Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass du ein Tierleben beenden kannst?

Paul: Man tötet nicht um des Tötens willen, sondern es hat immer einen Zweck.

Katja: Ich betrachte das Ganze immer mit Respekt, das ist mein Maßstab! Es wird mehrmals angesessen und das Tier, welches erlegt werden soll, länger beobachtet. Man muss genau sehen können, ob es erlegt werden kann oder nicht. Die Schwachen und Verletzten sollen rausgenommen werden und diese Beurteilung erfolgt durch das Ansprechen (genaue Betrachtung, zum Beispiel durch das Fernglas oder Zielrohr) des Tieres.

Wie stehst du zu den Menschen, die sagen, das ist Tierquälerei?

Paul: Es ist keine Quälerei, weil es notwendig ist.

Warum ist es notwendig?

Burkhard: Der Mensch greift nicht immer positiv in die Natur ein. Dies kann man am Beispiel der Waschbären deutlich sehen. Die hohe Population dieser nicht heimischen Tierart bedroht zum Beispiel heimische Tierarten wie Vögel, deren Nester sie gerne plündern. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt im Hinblick auf Artenschutz ist somit die Hege.

Katja: Ich lasse mich natürlich gerne auf Diskussionen ein, aber wenn ich merke, dass es niemanden erreicht, dann lass ich die Diskussion auch mal stehen. So wie ich die Jagd betreibe, kann ich nur sagen, dass dies notwendig ist, denn die Natur ist nicht nur lieb und süß.

Kein Tier soll leiden

Was lernt man über das Sterben, wenn man Tiere tötet?

Paul: Es sollte nie ohne einen zu erfüllenden Zweck geschehen.

Was wäre so ein Zweck?

Burkhard: Bestands- und Stückzahlregulierung, Tierschutz (Erlösen von Tieren, die durch Krankheiten Schmerzen erleiden) und Naturschutz (Schutz der Flora und Fauna).

Katja: Gewissenhaftes Handeln. Ich schieße nur, wenn ich mir absolut sicher bin, dass das Tier im Knall liegt. Dies bedeutet, dass das Tier keine Qualen erleidet und sofort tot ist.

Ist Jagen notwendig?

Paul: Ja, um unter anderem Wildschäden und Verbissschäden zu mindern.

Katja: Ja, das ist sie! Man muss eingreifen, aber immer mit Vernunft und Bedacht. Man darf zum Beispiel in einer Rotte nicht die führende Bache erlegen, weil ansonsten das komplette Sozialgefüge durcheinandergebracht wird. Man muss wirklich wissen, was man tut, und das geht nur unter genauster Beobachtung der Situation.

Was passiert denn, wenn das soziale Gefüge durcheinandergerät?

Burkhard: Die Population der Tiere könnte unkontrolliert ansteigen – und je mehr Tiere, desto größer die Gefahr, dass sich Krankheiten, wie zum Beispiel die Schweinegrippe, schneller ausbreiten und auf Haus- und Nutztiere übertragen werden.

Natur, Frische und Abschalten

Nenne drei Wörter über das Jägersein.

Paul: Natur, Tiere und Erlebnisse.

Welche Erlebnisse meinst du?

Paul: Besondere Momente, wie zum Beispiel ein Sonnenaufgang.

Katja: Oh, mit drei Worten komme ich nicht hin. „Es ist das Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild. Waidmänisch jagt wie sichs gehört. Den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.” Man muss das Tier auch nach dem Tod ehren und es respektvoll mit Dank verabschieden! Aber doch noch zu den drei Worten: Natur, Frische und Abschalten.

Fazit: Aus diesem Interview kann ich zumindest für mich ableiten, dass die Jäger der Natur und den Tieren nicht schaden wollen. Im Gegenteil – alle meine interviewten Jäger wirken sehr naturverbunden und am Wohl der Tiere interessiert. Jagen ist also weniger ein Ego-Hobby von Tierquälern, sondern viel mehr eine sehr komplexe, an der Natur und ihren Bewohnern ausgerichtete Freizeitbeschäftigung mit hoher Verantwortung.

Und seien wir mal ehrlich, schwarze Schafe gibt es doch überall.

Von Anjali Ajimal, 8a, Gymnasium Philippinum