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20:10 18.07.2022
Das „Queer & Friends Café“ im Jugendhaus Compass in Marburg.
Das „Queer & Friends Café“ im Jugendhaus Compass in Marburg. Quelle: Georgina Koberg
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Marburg

Der Raum, den wir betreten, ist geschmückt mit bunten Flaggen. Überall stehen Sofas um Tische herum, Leute sitzen dort und unterhalten sich. An der Theke kann man etwas trinken, aus Lautsprechern hört man Musik. Wir befinden uns im „Queer & friends-Café“, das im Jugendhaus Compass in der Deutschhausstraße regelmäßig einen Treffpunkt für queere Jugendliche und junge Erwachsene anbietet. Dort treffen wir uns zu einem Interview mit dem Leiter des Cafés, Markus Klonk vom team der Evangelischen Jugend Marburg.

Sie arbeiten also hier in diesem Jugendcafé. Was zeichnet denn ein queeres Jugendcafé aus?

Markus Klonk: Das sind ja drei Begriffe: Queer, Jugend und Café. Café ist ein Ort, wo man in kleineren Gruppen zusammensitzen kann. Wir wollen einen möglichst gemütlichen Ort schaffen. Jugendcafé heißt, wir statten das extra so aus, dass Jugendliche es nutzen können. Also im weitesten Sinne Menschen im Alter zwischen 10 und 24 Jahren.

Und dann der Begriff Queer: Was macht ein queeres Jugendcafé aus? Wir hängen bewusst Fahnen auf und signalisieren, dass diese Zeit am Mittwoch von 16 bis 20 Uhr die Zeit ist, wo sich speziell ein Jugendcafé für queere Menschen oder der queeren Szene positiv zugewandte Menschen öffnet. Das alles macht ein queeres Jugendcafé aus.

Ein offener Ort, wo jeder kommen und gehen kann

Was tut man denn hier in diesem Café zum Beispiel?

Klonk: Es geht erstmal darum, dass man sich trifft und voneinander hört. Also dass Menschen hierherkommen, die miteinander in Kontakt treten, die was darüber erfahren, wie es den anderen geht, was sie brauchen, ob sie Hilfe wollen. Das ist das allerwichtigste. Wir versuchen immer wieder auch Impulse zu geben, wir fragen: „Habt ihr Lust, heute mal besonders das oder jenes zu machen?“ Oder: „Das Wetter ist schön, wir könnten mal raus gehen und Wikingerschach spielen.“

Dann ist das ein Angebot für die Leute, die daran Spaß haben. Wir sagen nicht: „So, wir sind eine Gruppe und das machen wir alle zusammen.“ Wir sind ein Jugendcafé, das heißt, es ist ein offener Ort, wo jeder kommen und gehen kann. Und die Personen, die sagen: „Ja, wir haben jetzt Lust rauszugehen“, die gehen halt raus und andere Personen bleiben dann hier. So machen wir das mit allem.

Wir machen auch manchmal solche „Talk-About-Runden“. Das bedeutet, wir reden geordnet über ein bestimmtes Thema. Dann ziehen wir uns mit den Leuten, die Lust haben, in irgendeinen anderen Raum zurück. Dieser Raum hier bleibt für den Café-Charakter frei.

Okay. Und seit wann gibt es das hier schon?

Klonk: Seit Februar 2018. Also vier Jahre jetzt.

Wie viele Leute kommen normalerweise hierher?

Klonk: Ungefähr zwischen 10 und 20 Gäst*innen. Im Moment eher weniger. Das kann sich wieder verändern, das ist durch Corona einfach auch ein bisschen eingebrochen. Außerdem haben viele Leute neue Termine und machen Abi und so wird das dann schwieriger, hierher zu kommen.

Die evangelische Kirche bezahlt (fast) alles

Kostet es Geld, hierher zu gehen?

Klonk: Es kostet kein Geld, hierher zu gehen. Selbst der Café-Charakter heißt nicht, dass man hierherkommt und was kaufen muss. Leitungswasser ist umsonst und man muss nichts essen, nichts trinken und nichts kaufen. Auch für Spiele muss man kein Geld bezahlen. Es gibt manchmal Specials, wo Materialkosten anfallen, dann bitten wir mal um eine kleine Zugabe. Aber eigentlich kostet es kein Geld.

Und wie wird das Ganze dann finanziert?

Klonk: Die evangelische Kirche ist Träger dieses Jugendhauses, bezahlt mein Gehalt und stellt das Gebäude zur Verfügung. Damit ist im Prinzip die Grundstruktur da. Dann zahlt uns die Stadt Marburg noch einen Zuschuss für offene Jugendarbeit. Aus diesem pauschalen Zuschuss finanzieren wir das Gehalt mit und versuchen auch einen Teil der Unterhaltskosten des Hauses zu finanzieren.

Und das ist sehr mühsam. Wir würden gerne unseren ehrenamtlichen Mitarbeitenden auch Geld geben. Das haben wir eine Zeit lang als Kirche machen können, aber jetzt wird das Geld knapp, also bekommen die erstmal nichts mehr. Insofern ist das immer eine heikle Geschichte mit der Finanzierung.

Wie würden Sie die allgemeine Atmosphäre hier beschreiben?

Klonk: Freundlich, zugewandt, an den Menschen interessiert. Außerdem nicht unbedingt aufgeregt, sondern eher ruhig.

Und was gefällt Ihnen an dem Café besonders?

Klonk: Mir als leitender Person in der Jugendarbeit gefällt besonders, dass ich über dieses „Queer & friends-Café“ sehr viele interessante, nette Menschen mit ganz besonderen Persönlichkeiten kennengelernt habe. Und ich habe immer wieder das Gefühl, dass Menschen diesen Ort nutzen, weil sie ihn wirklich wertschätzen. Das finde ich gut. Es ist uns gelungen, einen wertvollen Ort zu eröffnen.

„Es ist richtig, richtig schön“

Können Sie denn von einem besonderen Erlebnis hier erzählen?

Klonk: Ein besonderes Erlebnis – das ist sehr schwierig. Die besonderen Erlebnisse sind immer wieder die, wo Menschen eine andere Selbstbeschreibung haben, als ich sie lese. Wir sagen in der queeren Szene: „Ich lese einen Menschen.“ Also ich sehe jemanden und sofort habe ich ein Bild im Kopf: „Ah, das ist ein schwuler Mann“, weil irgendwas an diesem Menschen so ist, dass ich sofort eine Schublade aufmache. Aber dann stellt sich dieser Mensch mir vor und sagt: „Hallo, mein Name ist Maria, ich benutze das Pronomen sie.“ Und dann stocke ich und denke: „Wie schnell geht das, dass du einfach nur einen Menschen siehst und sofort kategorisiert hast?“ Diese Momente habe ich immer wieder hier gehabt.

Und macht es Ihnen Spaß, hier zu arbeiten?

Klonk: Wenn ich jetzt nein sagen würde, dann würde ich ja lügen. Außerdem würde jeder fragen: „Warum machst du das dann?“ Das hier ist tatsächlich ein absolutes Highlight meiner Arbeit. Es ist richtig, richtig schön.

Wir beenden das Interview, gehen aber noch nicht. Der Abend in dem Jugendcafé macht uns sehr viel Spaß und wir helfen außerdem ein wenig beim Sammeln von neuen Logo-Ideen. Die Stimmung hat etwas Entspanntes und Herzliches. Wir fühlen uns wohl.

Weitere Informationen unter https://ejmr.de/queer-friends-cafe

Von Hedvika Keusgen und Georgina Kober, 8a, Gymnasium Philippinum