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Gesellschaft „Kuckuck“ und „Lina“ waren immer da
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19:18 27.05.2020
Kinder toben ausgelassen im Wald – manchmal beschäftigen sich Jungen und Mädchen allerdings mit imaginären Freunden, die nur sie selbst sehen. Quelle: Andreas Arnold/dpa/Themenfoto
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Marburg

Ich saß in meinem Zimmer und fühlte mich allein, weil meine älteren Schwestern nicht mit mir spielen wollten. Ich war vier Jahre alt. Deswegen kamen Kuckuck und Lina, trösteten mich und spielten mit mir.

Kuckuck war älter als Lina. Trotzdem waren beide so alt wie ich, auch wenn das nicht logisch erscheint. Außer mir konnte niemand meine beiden Freunde sehen. Sie waren aber meistens auch nur da, wenn ich allein war. Für mich war es sehr schön, dass ich zwei Freunde hatte, denen ich alles erzählen konnte.

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Sie konnten besser zuhören als meine echten Freunde, ich konnte mit ihnen spielen, weinen und lachen. In schwierigen Situationen haben sie mir geholfen, mich zu beruhigen. Sie waren immer da, wenn ich sie brauchte.

Einmal sind sie hinter unserem Auto hergerannt, als ich mit meiner Familie in den Urlaub gefahren bin. Meine ältere Schwester hatte auch zwei unsichtbare Freunde. Sie hießen Boxe und Tobi. Boxe war böse, Tobi war lieb. Sie haben sich oft gestritten.

Fantasie-Freund hilft gegen Einsamkeit

Ich weiß von anderen Kindern, bei denen die unsichtbaren Freunde im Kindergarten geduldig an der Garderobe auf sie gewartet haben. Oder sie hatten einen unsichtbaren Hund und an der Garderobe hing nur eine Leine. Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren sollen oft imaginäre Freunde haben. Viele sind Erstgeborene, Einzelkinder und Kinder mit älteren Geschwistern.

Diese Kinder fühlen sich allein und denken sich deshalb einen Fantasie-Freund aus oder manchmal zwei, die sie sogar meistens besser verstehen als andere. Ein wichtiges Kennzeichen soll sein, dass unsichtbare Freunde oft dasselbe Geschlecht und ungefähr dasselbe Alter wie das Kind selbst haben. Außer ihnen selbst kann aber niemand anderes diese sehen. Das ist gleichzeitig schön und irgendwie verrückt!

Keine Störung, sondern Kreativität

Was sagen Psychologen dazu? Seit etwa 1930 gibt es Forschungen von Psychologen zum Thema menschlicher Fantasie-Freunde. Bis in die 1970er-Jahre war die Vermutung der Wissenschaftler, dass die imaginären Freunde ein Hinweis auf eine psychische Störung seien. Doch heute weiß die Forschung, dass genau das Gegenteil gilt. Die unsichtbaren Freunde seien vielmehr eine kreative Leistung, die dem Kind in schwierigen Situationen hilft und seine Entwicklung fördert.

Imaginäre Freunde sind so eine Art Übergangsobjekt wie zum Beispiel Kuscheltiere oder Schmusedecken, die dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit geben. Während manche Kinder sich mit Puppen oder einem Stofftier behelfen, erfinden andere Fantasie-Begleiter. Diese können eine menschliche Gestalt haben, oder es sind Tiere und Fabelwesen wie der Hund Freddy von Lauras Freundin.

Plüschtiere und Puppen werden bemuttert

Plüschtiere oder Puppen werden von Kindern in der Regel eher bemuttert oder werden als Beschützer wahrgenommen. Anders als bei Kindern mit imaginären Freunden, die sind eher gleichberechtigt mit ihren Fantasie-Freunden. Imaginäre Gefährten können auftreten, wenn sich die Eltern trennen – aber auch wenn ein neues Geschwisterkind geboren wird. Natürlich aber auch in vielen anderen Situationen, in denen ein Kind sich allein fühlt.

Wie beeinflussen unsichtbare Freunde die kindliche Entwicklung? Kinder mit imaginären Freunden sind nicht immer schüchtern – im Gegenteil. Insgesamt sollen diese Kinder eher kreativer und weniger schüchtern sein als andere, haben höhere soziale Kompetenzen und ein besseres Sprachgefühl.

In stressigen oder schwierigen Situationen hilft ein Fantasie-Freund dem Kind, die Ruhe zu bewahren. Ein imaginärer Freund kann das in diesem Alter besser und zuverlässiger als die realen Freunde im gleichen Alter. Kinder mit imaginäre Freunden können sich besser in ihr Gegenüber hineinversetzen.

Imaginäre Freunde haben Auswirkungen

In einer Studie forderten Psychologen Kinder auf, ihre realen Freunde zu beschreiben. Kinder ohne imaginären Freund haben ihre realen Freunde eher nach Äußerlichkeiten beschrieben wie zum Beispiel Haar- oder Hautfarbe, Größe und andere Merkmale. Kinder mit imaginären Freunden hingegen haben ihre Freunde eher nach Charakterzügen wie Humor, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft beschrieben.

Die Auswirkung eines imaginären Freundes in der Kindheit erstreckt sich bis ins Jugendalter: Teenager, die in der Kindheit einen imaginären Freund hatten, sollen schwierige soziale Situationen oft besser meistern, sie stecken etwa Schul- oder Klassenwechsel leichter weg. Man könnte sagen, sie sind sozial besser entwickelt.

Von Frieda Höfler, Elisabethschule, Klasse 8

27.05.2020
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