Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Gesellschaft Die Krankheit der 1.000 Gesichter
Mehr OP extra Schueler lesen die OP 2020 Gesellschaft Die Krankheit der 1.000 Gesichter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 23.06.2020
Je nach Krankheitsverlauf, kann MS dazu führen, dass der Patient auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Quelle: Christophe Gateau/dpa/Archiv
Anzeige
Marburg

Die Diagnose Multiple Sklerose (kurz: MS) ist für Betroffene wohl immer ein für Gesunde kaum nachvollziehbarer Schock und bedeutet einen lebenslangen Kampf gegen die Nervenerkrankung. Doch was ist das eigentlich für eine Krankheit und was macht sie aus? Unsere Schüler-Reporterin erzählt, wie das jemand mit einer betroffenen Verwandten erlebt.

Was ist Multiple Sklerose eigentlich?

Anzeige

Multiple Sklerose (kurz: MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Dabei kommt es zu vielfachen Entzündungen im Gehirn und Rückenmark. Diese Entzündungen führen zur Zerstörung von Nervenfasern und langfristig zu Vernarbungen und Verhärtungen vom Nervengewebe.

Die Folgen von den Entzündungen sind: Reize und Befehle, die von unseren Gehirnzellen an Organe und Muskeln gesendet werden, kommen verzögert oder gar nicht an ihrem Zielort an. Auch aufgenommene Reize kommen nicht schnell genug zum Gehirn, um da verarbeitet zu werden. Ähnlich wie bei einem defekten Stromkabel. Daher kann es bei Multiple Sklerose zu Bewegungs- und Empfindungsstörungen kommen.

Es gibt aber auch ganz viele andere Seiten der Krankheit, daher wird sie die Krankheit der 1.000 Gesichter genannt. Genaue Ursachen der Multiple Sklerose sind bislang nicht bekannt bis auf, dass es sich um eine sogenannte Autoimmunerkrankung hält. Und Multiple Sklerose ist nicht ansteckend und auch nicht vererbbar. Sie wird nämlich nicht durch Krankheitserreger ausgelöst, sondern durch unser Immunsystem.

Es beschützt uns nicht vor Viren und Bakterien, sondern greift plötzlich gesundes, körpereigenes Gewebe an. Bei dieser Krankheit nennt man das Myelinscheiden. Sie umgeben die Nervenfortsätze wie eine Isolierschicht und sorgen somit für die reibungslose Weiterleitung von Sinnesreizen. Ein typisches Merkmal von MS ist, dass die Erkrankung von Patient zu Patient unterschiedlich verläuft. Das gilt für das Auftreten von Beschwerden wie auch für die Häufigkeit und Dauer von sogenannten Schüben.

Gibt es Einschränkungen im Alltag wenn man MS hat?

Ja, die gibt es. Die sogenannte Löffel-Theorie ist ein hilfreiches Beispiel: Morgens, wenn man aufsteht, hat man zwölf Löffel. Diese Löffel stehen für die Kraft, die du morgens hast, wenn du aufstehst. Wenn du dich umgezogen hast und zum Beispiel zur Arbeit fahren willst, kann es sein, dass du nur noch neun oder zehn Löffel hast und so geht es bei jeder einzelne Aktivität.

Und als MS-Patient weißt du nie, wie viele Löffel dir noch zur Verfügung stehen. Man merkt es meistens erst, wenn alle Löffel verbraucht sind, du eine Pause brauchst. Deshalb ist jeder Tag eine Überraschung. Die häufigsten Symptome bei MS sind Schwindel, Doppelbilder, Gangunsicherheit, Konzentrationsstörungen, Geräuschempfindlichkeit, Wortfindungsstörungen und insgesamt Empfindungsstörungen.

Da es aber die Krankheit der 1.000 Gesichter ist, ist für jeden MS-Patienten der Verlauf anders sowie die Intensivität der Symptome. Ein MS-Kranker sollte grundsätzlich auf seinen Tagesablauf achten. Das ganze nennt sich Kraftmanagement.

Im Falle meiner Mutter ist es zum Beispiel so, dass sie immer wieder schlafen muss. Schläft sie nicht, kommen die Symptome stärker zum Vorschein und es kommen neue Schübe. Ruht sie sich nicht aus, ist jede Art von Stress gefährlich für sie. Ein Streit mit mir oder ein schönes Abendessen mit der Familie kann einen neuen Schub auslösen. Positiver und negativer Stress sind daher bestenfalls zu vermeiden. So muss man immer darauf achten, was man sagt oder macht.

Ist MS heilbar?

Nein, MS ist nicht heilbar. Es gibt bestimmte Medikamente, welche die Symptome lindern oder die MS ,schlafen’ lassen. Aber da die Hauptmedikamente sehr viele Nebenwirkungen haben, müssen die Patienten viele andere Medikamente nehmen, um die Nebenwirkungen zu lindern. Daher nehmen MS-Kranke etwa fünf bis zehn verschiedene Medikamente am Tag zu sich.

Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Mutter eine unheilbare Krankheit hat?

Natürlich ist es nicht leicht für mich, weil ich auf vieles verzichten oder achten muss, aber ich denke dann immer daran, dass es meiner Mutter 100-mal schlechter geht und sie trotzdem alles für meine Schwester und mich macht. Wenn mich Freunde fragen, wieso meine Mutter so viel schläft, weiß ich nie genau, wie ich ihnen erklären soll, dass sie eine Krankheit hat und deswegen viel Ruhe braucht. Und auch im Alltag ist manches anders, seitdem meine Mutter diagnostiziert wurde.

Von Elisabeth Amirjanyan, Klasse 8b, Elisabethschule