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Schüler lesen die OP 2019 Gemeinsam gegen die Demenz
Mehr OP extra Schüler lesen die OP 2019 Gemeinsam gegen die Demenz
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06:32 16.05.2019
Oma Ursula lebt gemeinsam mit anderen Senioren zufrieden in einer Wohngemeinschaft. Neben der Enkelin kommt auch regelmäßig Hündin „Betty“ zu Besuch. Quelle: privat
Marburg

Neun Menschen, die von Demenz betroffen sind, leben zusammen in einer Wohngemeinschaft (WG), die sich aber von anderen sehr unterscheidet. 

Es ist immer ein besonderes Gefühl in diese WG zu kommen, mittags riecht es nach leckerem Mittagessen, nachmittags findet an jedem Tag ein wechselndes, auf die spezifischen Wünsche der Bewohner ausgerichtetes Programm statt, abends läuft der Fernseher im Hintergrund.

Dort wohnen neun liebenswürdige, ältere Menschen, die von Demenz betroffen sind. Zu diesen Menschen gehört meine Oma Ursula.

Dort immer was los

Sie zog im November 2015 aus dem über 300 Kilometer entfernten Westmünsterland in Nordrhein-Westfalen nach Marburg. Extra um in die frisch eröffnete Demenz-WG zu ziehen. Dort bezog sie ein Zimmer in der Wohnung mit acht weiteren Bewohnern.

Seit dieser Zeit hat sich viel verändert, der Pflegedienst wurde gewechselt, ein Geländer wurde in den Flur eingebaut, Pfeile zu den jeweiligen Räumen wurden an den Wänden befestigt, alte Bewohner gingen und neue kamen.

Nach meiner Erfahrung ist dort immer was los. Und gewöhnlich gibt es einmal im Quartal eine große Malaktion, bei der alle Bewohner entweder frei etwas malen können oder etwas gestalten, was zum jeweiligen Monat oder zu anstehenden Festen passt – zum Beispiel Ostereier, Schmuck zum Erntedank oder Weihnachtsdekorationen.

Betreuer rund um die Uhr vor Ort

Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden gezeigt, man sieht sie bei einem Rundgang durch die Wohnung. Aber nicht nur das passiert regelmäßig dort: Wöchentlich werden von den Betreuern, von denen mindestens einer immer in der WG ist – die Bewohner werden 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche betreut – spezielle Aktionen zum Mitmachen angeboten.

Dazu gehören etwa Gedächtnistraining, Malen, gemeinsames Zeitunglesen und Singen oder der Besuch von Ehrenamtlichen der Initiative „Leben im Alter“ oder der Alzheimergesellschaft, mit denen sie Spaziergänge unternehmen, Einzelbetreuung in Anspruch nehmen, Spiele spielen oder auch einfach nur miteinander reden.

Besonders beliebt und spaßig ist der wöchentliche Sitztanz. Dieser ermöglicht es auch denjenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, sich im Sitzen aktiv zu bewegen und ihre Bewegungen zu koordinieren. Neben diesen Aktionen sollte man auch den Besuch der Angehörigen nicht vergessen, die ebenso ein wichtiger Teil der Woche sind.

Tierischer Besuch lockert Stimmung auf

Schön ist es auch für mich dort zu sein, da ich von vielen begrüßt werde und eine Bewohnerin immer zu mir kommt und bemerkt „du bist aber groß geworden!“, was mich immer zum Schmunzeln bringt. Aber auch Lehren wurden mir dort von den Senioren schon beigebracht, wie „immer ehrlich sein“ und „Wahrheit ist das Wichtigste“.

Zudem kommt auch ab und zu ein tierischer Besucher vorbei, der von den Bewohnern herzlich empfangen und mit Streicheleinheiten verwöhnt wird. Auf die Idee von Wohngemeinschaften extra für Demenzkranke kam die Seniorenhilfe, da diese in zahlreichen Altersheimen sehr wenig Aufmerksamkeit oder Beachtung bekommen, da sie aufgrund ihres kontinuierlichen Gedächtnisverlustes schwerer zu betreuen sein sollen, als andere Patienten.

Angehörige werden mit einbezogen

Außerdem ist diese WG etwas Besonderes, da sie hauptsächlich von den Angehörigen geleitetet wird. Man muss allerdings sagen, dass viele Verwandte vor der damit verbundenen Arbeit und Anstrengung zurückschrecken und lieber eine Einrichtung suchen, in der sie selbst nicht so viel mitwirken müssen.

Die Wohngemeinschaft wird durch „Leben im Alter“, aber auch durch die Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie gefördert. Solche speziellen Wohngemeinschaften sind schon seit längerer Zeit im Kommen, da Menschen mit Demenz häufig mehr Pflege oder Beschäftigung brauchen.

Aktuell leben in „unserer“ Wohngemeinschaft neun Personen: Acht Frauen und ein Mann. Sie sind unterschiedlich stark von der Demenz betroffen – auch unterscheiden sie sich hinsichtlich des Alters. Es gibt Bewohnerinnen, die erst etwa 60 Jahre alt sind, aber auch welche, die schon über 90 Jahre alt sind. Meine Oma wird im August 89 Jahre alt und ich hoffe, dass sie noch viele Jahre glücklich bei uns in Marburg leben wird.

von Emilia Warmbrunn, Klasse 8, Gymnasium Philippinum Marburg