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Schüler lesen die OP 2019 Wo werden eigentlich Satelliten gesteuert?
Mehr OP extra Schüler lesen die OP 2019 Wo werden eigentlich Satelliten gesteuert?
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16:04 19.06.2019
Vom Hauptkontrollraum des europäischen Satellitenkontrollzentrums in Darmstadt werden Starts und Manöver von Satelliten gesteuert. Quelle: privat
Darmstadt

Auf dem Eingangsgebäude des Satellitenkontrollzentrums der Esa in Darmstadt wehen die Flaggen der 22 Mitgliedsstaaten im Wind, das Gelände ist umzäunt, und für den Eintritt braucht man eine elektronische Ausweiskarte.

Soweit, so gut, doch eine Besonderheit wird uns sofort klar: Wir sind auf extraterritorialem Gelände!

Die erste Überraschung für uns, die wir von einer Mitarbeiterin der Abteilung für Pressearbeit erfahren, während wir über das weiträumige Gelände des Esoc (European Space Operations Centre) zu unserem Interviewpartner Michael Khan geführt werden.

Extrem viele Parameter

Der Weg zu Michael Khan, der uns zum Besuch erwartet, führt an Modellen von Raketen und Raumsonden vorbei. Khan ist einer von neun Missionsanalytikern und insgesamt rund 270 fest angestellten Mitarbeitern in Darmstadt. Weitere knapp 600 Personen sind von Unternehmen
außerhalb des Esoc hier delegiert.

Missionsanalytiker klingt geheimnisvoll, doch Khans Aufgabe ist klar umrissen. Er verfasst Machbarkeitsstudien, prüft also, ob eine vorgeschlagene
Weltraummission überhaupt realisierbar ist. Eine anspruchsvolle Aufgabe, wie Khan betont: „Das kann schon sehr komplex sein. Es kann durchaus sein, dass man eine Mission baut, die an vier Planeten vorbeifliegt, bis sie endlich am Jupiter ankommt. Es sind extrem viele einzelne
Parameter zu definieren.“

Um das zu verdeutlichen, zeigt Khan (Privatfoto) uns einen ganzen Stapel an Papieren mit langen Zahlenlisten, welcher nur die Möglichkeiten für den Weg einer Raumsonde zum Saturn beschreiben, wenn diese zwei Mal an der Venus und einmal an der Erde vorbeifliegt.

Khan ist mit seinem Team ganz am Anfang der Missionsplanung beteiligt, die von ihm gewonnenen Daten werden im späteren Verlauf von allen anderen Beteiligten genutzt. Für den Entwickler des Energiesystems zum Beispiel ist es wichtig zu wissen, wie lange ein Satellit maximal im Schatten der Erde oder eines anderen Himmelskörpers ist, um die Batterien dementsprechend anzupassen.

„Wenn wir jetzt sagen 30 Minuten und in Wirklichkeit sind es 60, dann hat man ein Problem. Wenn wir 60 Minuten sagen und es sind 30, hat man schön viel Platz und Masse verschwendet. Jede einzelne Analyse ist fundamental“, beschreibt der Analytiker seine verantwortungsvolle Aufgabe.

Jahresetat von 5,75 Milliarden Euro

Doch wie wird man eigentlich Missionsanalytiker? „Ich habe Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Es ist aber wichtig, dass man breit aufgestellt und nicht auf ein Fachgebiet festgelegt ist. Man sollte die Grundlagen beherrschen, den Rest lernt man dazu“, gibt Khan einen kleinen Einblick in seinen Werdegang. Von zu früher Spezialisierung hält Khan nichts, die Schulen sollen seiner Meinung nach Grundlagenwissen vermitteln, da es bei Bewerbern oft an diesem hapere.

Die Esa darf, wie auch die US-amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa, als zwischenstaatliche Organisationen keinen Profit erzielen. Jeder an der Esa beteiligte Mitgliedsstaat finanziert sie gemäß seines Bruttoinlandproduktes, das gesamte Budget von 5,75 Milliarden Euro im Jahr 2017 kehrt aber über Aufträge in die Wirtschaft des jeweiligen Landes zurück.

Jeder Deutsche zahlt 8 Euro pro Jahr

„Das nennt sich Geographical Return und ist ein ganz fundamentales Prinzip der Esa“, erläutert uns Khan. Die Esa trage zur Stärkung der europäischen Wirtschaft bei, indem sie konkurrenzfähige Unternehmen zum Beispiel in der Satellitenentwicklung unterstützt und stärkt. Pro Jahr bezahlt ein Deutscher nur rund acht Euro für die Raumfahrt, das entspricht noch nicht einmal dem Preis einer Kinokarte.

Auch der Weltraum hat, wer hätte es gedacht, ein Schrottproblem. Im Moment umkreisen etwa 4.500 Satelliten die Erde, doch nur ein Drittel davon ist in Betrieb. Deshalb ist auf dem Gelände des Esoc in Darmstadt auch die Zentrale zur Überwachung von Weltraumschrott untergebracht. Dort werden die Bahnen von Trümmerteilen und ausgedienten Satelliten zwecks Kollisionsvermeidung beobachtet und an Lösungen zur Reduzierung des Schrotts gearbeitet.

Faszination Mondlandung

Viele junge Menschen träumen davon, auch einmal in den Weltraum zu fliegen. Für die allermeisten bleibt dies ein Traum, nur wenigen ist es bisher gelungen. Wie sah es bei Michael Khan aus? „Ich wollte immer in die Raumfahrt einsteigen, schon seit ich damals die Mondlandung gesehen habe. Da war ich noch klein, aber es hat mich schon beeindruckt. Das war ein ganz besonderer Moment in der Menschheitsgeschichte und so etwas wollte ich auch machen.“

Die erste Mondlandung am 20. Juli 1969 war für viele eine große Inspiration, als vor inzwischen fast 50 Jahren Neil Armstrong als erster Mensch einen anderen Himmelskörper betrat.

In den 80er Jahren kam Khan in die Abteilung der Missionsanalyse der Esa, danach war er viele Jahre in der Wirtschaft und zwei Mal bei der Nasa tätig, bis er wieder zurück zur Esa und zum Esoc nach Darmstadt kam. „Das war kein geradliniger Werdegang, aber man hat ja überall auch etwas gelernt“, in Khans Fall die gemachten Erfahrungen, die er mitbringt.

Kleine Projekt ab 250 Millionen Euro

Der Mittfünfziger strahlt große Zufriedenheit über sein Arbeitsgebiet aus, auch wenn man nicht erwarten sollte, dass man eine Mission, an der man arbeitet, auch wirklich wird starten sehen. „Man muss seine Zufriedenheit in der Arbeit schon daraus ziehen, dass man etwas Interessantes gemacht und dazugelernt hat. Aber schön ist es dann schon, wenn man beim Start einer Mission, an der man gearbeitet hat, im Kontrollraum sitzt und dann sieht, was man da gemacht hat und dass das auch wirklich funktioniert.“

Doch wie wird eigentlich entschieden, welche der vielen geplanten Missionen umgesetzt werden? Dazu existieren verschiedene Auswahlkriterien. Zunächst gibt es eine finanzielle Einteilung, große Projekte haben Kosten von einer Milliarde Euro oder mehr, kleine können immerhin noch 250 bis 300 Millionen Euro kosten.

Vom Plan zum Start dauert lange

Dann werden die Missionen in Kategorien wie zum Beispiel planetare Forschung, Astronomie oder Exoplaneten-Forschung unterteilt. „Da versucht man immer schön das Gleichgewicht zu halten“, sagt Khan. Experten verschiedener Bereiche setzen sich zusammen und entwerfen eine Machbarkeitsstudie für die vorgeschlagenen Projekte, daraufhin vergleichen sie dann ihre
Ergebnisse in vielen Kriterien.

Alle drei Jahre treffen sich Vertreter aller Mitgliedsstaaten der Esa und entscheiden, welche Projekte in den nächsten drei Jahren umgesetzt werden. Auf die Frage, wie lang ein Projekt vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung braucht, antwortet Khan: „Es dauert bei der Esa zu lang! Wir planen zum Beispiel unseren Mars-Rover schon seit Anfang des Jahrtausends und er ist immer noch nicht oben. 20 Jahre vom ersten Konzept bis hin zum Start ist eigentlich nichts Ungewöhnliches mehr und das ist einfach zu lang.“

Raumfahrt als Lösung des Klimawandels?

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wer, wenn nicht ein Missionsanalytiker wie Khan kann uns sagen, wie es in den nächsten 50 Jahren in der Raumfahrt weitergeht. Er stellt folgende Vermutung an: „Es wird vermutlich eine Menge Nutzung von Ressourcen auf dem Mond geben und außerdem eine Verlagerung von vielen energieintensiven Prozessen in den Weltraum“.

Denkbar wäre auch, dass mit Material vom Mond große Solarkraftwerke im geostationären Orbit gebaut werden und von dort elektrische Energie per Mikrowellen an Bodenstationen in der Sahara geschickt wird, welche dann von dort verteilt wird. „Das ist ein ganz wesentlicher Beitrag zu Lösung der Probleme mit dem Klimawandel“, sagt Khan.

Wunsch: Weltraumteleskop für jedermann

Wer den ganzen Tag den Blick weit von der Erde richten kann, der muss auch noch irdische Wünsche haben. Michael Khan bestätigt dies. Hätte er freie Hand und könnte ein Wunschprojekt umsetzen, so wäre dies ein Weltraumteleskop für jedermann, welches von Studenten gebaut und betrieben wird.

An diese könnten sich dann jeder mit seinen Projekten wenden und für eine relativ kleine Summe eine Beobachtung im Weltraum mieten. Das erworbene Material könnte behalten werden, egal für welchen Zweck. „Ich denke auch, dass dabei eine ganze Menge gelernt wird,“ sieht Khan in so einem Projekt einen weiteren Mehrwert.

Ein Blick ins Heiligtum

Am Ende unseres Besuchs im Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt wartet noch eine weitere Überraschung auf uns: Wir dürfen noch einmal kurz den Hauptkontrollraum besuchen. Dieser Raum ist wohl das Markenzeichen des Esoc, er wird zum Beispiel zur Steuerung und Überwachung von Satellitenstarts und schwierigen Manövern im All genutzt.

Ist allerdings, so wie heute, normaler Aufsichtsbetrieb, so werden die Raumsonden von Teams mit mindestens zwei Personen von kleineren Kontrollräumen neben dem Hauptkontrollraum aus überwacht.

Schließlich verlassen wir das Herzstück des Esoc-Geländes, geben unsere Besucherausweise am Eingang ab und betreten wieder deutschen Boden.

von Corvin Kastaun und Luis Zickgraf, Freie Waldorfschule Marburg