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Schüler lesen die OP 2019 Zwischen Liebe, Last und Angst
Mehr OP extra Schüler lesen die OP 2019 Zwischen Liebe, Last und Angst
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21:04 15.04.2019
Eine Pflegerin hilft einer Seniorin im Alltag. Auch chronisch kranke Menschen jüngeren Alters benötigen phasenweise Rundumbetreuung, und das wirkt sich auf die ganze Familie aus. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
Marburg

Mein Papa ist chronisch krank. Das ist nichts Neues für mich, ich kenne ihn gar nicht anders.

27 Prozent seiner Altersgruppe sind laut einer Forsa-Umfrage wie er betroffen, haben eine langandauernde Krankheit, die nicht vollständig geheilt werden kann, weshalb eine kontinuierliche medizinische Versorgung notwendig ist. Es gibt viele Medienberichte, die sich mit diesem Thema beschäftigen, in denen es um Zuzahlungsgrenzen oder Erstattung in Bezug auf die Krankenversicherung geht.

Vor einiger Zeit hat das für Mama und Papa auch eine Rolle gespielt. Mich betrifft jedoch viel mehr die Sorge um meinen Vater und der Stress, der entsteht, wenn Krankheitsschübe unseren Alltag auf den Kopf stellen.

In guten Phasen wird der Kopf frei

Dann fahren wir zeitweise jeden Tag ins Krankenhaus. Das ist zum Glück nicht so oft der Fall, denn es gibt auch viele Phasen, in denen der Alltag bei uns ganz „normal“ abläuft. Dann kommt Papa ganz alleine zurecht, wir brauchen keinen Pflegedienst, und ich habe den Kopf frei, um meinen Hobbys nachzugehen.

Ich fühle mich getroffen, wenn ich über das Leid lese, das andere Kinder empfinden müssen, deren Leben aufgrund der chronischen Krankheit eines Familienmitglieds viel stärker belastet und viel trauriger ist als meins.

Wenn das Kind zum 
Pfleger werden muss

Es gibt viele Fälle, in denen ein Elternteil von der Krankheit betroffen ist und vom anderen Elternteil dauerhaft gepflegt werden muss. Dann hat das Kind nicht mehr die Aufmerksamkeit, die es eigentlich braucht. „Noch schlimmer ist es, wenn der kranke Elternteil alleinerziehend ist. In solchen Fällen wird das Kind zum Pfleger und hat keine Zeit mehr für Hobbys oder Verabredungen mit Freunden“, meint Torsten Jäger, der beste Freund meines Vaters.

Der Pflegepädagoge hat sich intensiv mit dem Thema befasst. „Gibt es Pfleger für die kranken Eltern, sind diese aber nicht rund um die Uhr da. Man bräuchte in Deutschland Betreuer, deren ungeteilte Aufmerksamkeit diesen Kindern gilt, während sie trotzdem bei ihren Familien wohnen bleiben können.“

Das Schicksal der Schattenkinder

Dazu sagt das Hamburger Modellprojekt „SupaKids“, ein Zentrum für die Kinder betroffener Eltern: Tatsächlich hätten viele Familien Angst, das Jugendamt könne ihnen die Kinder wegnehmen, und würden deshalb den Ernst ihrer Lage verschweigen. Diese Angst sei zwar meist unbegründet, doch aus dem Teufelskreis von Angst, Scham und Schweigen 
 kämen viele nicht mehr heraus.

Etwas anderes sind chronisch kranke Geschwister: Die Eltern können sich zwar um alle Kinder kümmern, aber das kranke Kind steht immer im Vordergrund. So wachsen die Geschwisterkinder als sogenannte „Schattenkinder“ auf, bleiben immer im Schatten des chronisch kranken Kindes.

Bemitleidet werden zieht noch mehr runter

„Na klar fühle ich mich manchmal benachteiligt“, erzählt dazu Klassenkameradin Nina, „aber meine Schwester tut mir auch total leid. Sie hat Diabetes und muss sich deshalb regelmäßig Insulin spritzen.“ Zu Hause sei es oft kompliziert, etwa beim Essen. „Und wenn sie sich einmal übergibt, müssen wir sofort ins Krankenhaus fahren. Sie könnte ohnmächtig werden, weil sie durch den Nahrungsverlust zu viel Insulin in sich hat“, erzählt Nina.

Sie hat keine Schwierigkeiten, über die Situation ihrer kranken Schwester zu sprechen. Doch ich kann auch die Kinder verstehen, die das nicht schaffen. Mir geht es manchmal genauso, weil ich es nicht mag, wenn wir bemitleidet werden. Das bringt uns nicht weiter und zieht mich emotional runter.

Geteiltes Leid ist eben doch auch halbes Leid

Ich habe auch das Glück, viele Verwandte und Freunde zu haben, die uns in solchen Situationen nicht einfach nur bedauern. Einige versuchen, die Lage meines Vaters gemeinsam mit uns zu durchdenken. Sie alle leiden mit, wenn es ihm schlecht geht, und unterstützen uns. Geteiltes Leid ist eben doch auch halbes Leid.

Kinder kranker Familienangehöriger können sich an die Initiative Kinder-kranker-Eltern wenden. Informationen unter http://www.kinder-kranker-eltern.de

von Elisabeth Pinschmidt, Klasse 8, Gymnasium Philippinum