Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP-Klimaretter Das K-Team von Marburg
Mehr OP extra OP-Klimaretter Das K-Team von Marburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 10.09.2019
Wiebke Smeulders und Achim Siehl kümmern sich in Marburg um Klimabelange. Bürgermeister Wieland Stötzel sagt: „Die zwei effektivsten Dinge, die wir als Kommune machen können, sind energetische Sanierungen alter Häuser und bei Menschen das ­Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Klimaschutz wichtig ist und wie er gelingen kann.“ Quelle: Björn Wisker
Marburg

Brütende Hitze­ im Sommer, heftige Niederschläge: Die Folgen des Klimawandels sind, das belegen die Wetterdaten der vergangenen Jahre, auch in Mittelhessen angekommen. Wie heftig sich extreme Wetterlagen auswirken, hängt aber nicht nur von der globalen ­Erwärmung, sondern auch von lokalen Faktoren ab. „Der Temperaturunterschied zwischen einer Innenstadt und einem Stadtrand kann bis zu zehn Grad ­betragen“, sagt Achim Siehl. Gemeinsam mit Wiebke Smeulders bildet der Diplom-Geograf das Klimaschutzbeauftragten-Team der Stadt Marburg.

Die seit einem Jahr tobende Klima-Debatte kommt für beide nicht unerwartet. „Die Auswirkungen von all dem, was seit Jahrzehnten angekündigt wird, sind nun für viele Menschen sicht- und spürbar. Damit ist dieses ‚Ja, ja, irgendwann passiert mal was‘, vorbei“, sagt Smeulders. „Mir war klar, dass es früher oder später eine breitere, eine nicht nur wissenschaftliche Diskussion um das Thema geben musste.­ Vielleicht, so dachte ich, braucht es erst eine Katas­trophe, ein Ereignis, das wachrüttelt.

So machen Sie mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und ­unsere Erde für die Zukunft ­lebenswert zu halten?
Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre Ideen­ und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen.­

Per Post an die Oberhessische Presse,­ Stichwort: Klimaretter,­ Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine
E-Mail an die Adresse feedback@op-marburg.de

Dann war das eben eine 16-jährige Schülerin aus Schweden“, sagt Siehl. Wichtig sei, dass das Problem in der ­Generation ankomme, die die Klimakrise mehr als alle vor ­ihnen betreffen wird. Smeulders Weg zum Umweltschutz, der in eine Klimawandel-Masterarbeit mündete, begann sehr früh. Als Kind habe sie die Zeitschrift „Tierfreund“ gelesen, wo von Dingen wie Artensterben die Rede gewesen sei.

Gerade da ihr daraus resultierendes Umweltvereins-Engagement in der Schule für sie „eher eine Außenseiterrolle bedeutet hat“, freut sie sich über den Wandel von damals zu heute. „Hätte es zu meiner Schulzeit Fridays for future gegeben, wäre ich sicher auch vorne ­dabei gewesen. War nur leider nicht so“, sagt sie und lacht.

Professorin entwickelt Gründach-Kataster

Siehl näherte sich dem Thema, letztlich seinem Job bei der Stadt wissenschaftlich, über das Geografie-Studium. „Vieles in dem Bereich ist Wissen, dann kommt fast automatisch eine Sensibilisierung. Daraus­ kann handeln, ein anderes Handeln werden“, sagt er. Umso wichtiger sei es, dass aus den Schülerstreiks, „aus dem reinen Protest nun produktives gesellschaftliches Handeln wird“. Genau deshalb arbeiten beide im kommunalen Klimaschutz: „Hier bleibt die Arbeit nicht theoretisch oder konzeptionell, sondern ist ganz konkret“, sagt Smeulders. „Es ist toll, dass man etwas Positives für das bewirken kann, was einem am Herzen liegt“, sagt Siehl.

Eines der zentralen städtischen Projekte sind Gründächer, ist das eigens dafür erstellte, die ganze Universitätsstadt umspannende Kataster. „Gründächer sind eine unterschätzte Möglichkeit, etwas für den Umweltschutz und gegen Klimafolgen zu tun“, sagt Siehl. „Im Gegensatz zu reinen Ziegel-, Kies- oder Metalldächern, die sich stärker energetisch aufladen, reflektieren­ Pflanzen Sonnenstrahlen kaum – ein gut nutzbarer Synergieeffekt“, erklärt Professorin Martina Klärle (Frankfurt), die das Marburger Kataster vor mehr als drei Jahren entwickelt hat.

Es war zudem seinerzeit das erste „intelligente“ Gründachkataster Deutschlands. Klingt kompliziert, funktioniert aber einfach: Immobilienbesitzer können auf der Internet-Seite www.marburg.­de/­gruendachkataster einen Link anklicken und gelangen so zu einer Karte. Dort können sie ­ihre Straße auswählen und ­sehen anhand der Farbe, welche Dächer sich gut oder weniger gut begrünen lassen. Das hängt vor allem von der Dachneigung ab. Flachdächer und Dächer mit maximal zehn Grad Neigung sind gut geeignet. „Es geht auch bei mehr als zehn Grad Neigung, „aber dann ist das relativ aufwändig mit der Abstützung“, erklärt Siehl.

Klimaretter-Tipps

Grün statt Grau: Keine Steingärten anlegen
Der Umweltschutzverband BUND beklagt den Trend, Vorgärten mit Steinen, Schotter und Versiegelung ohne – oder nur mit wenigen Pflanzen – zu gestalten. Das habe negative Folgen für die Artenvielfalt und das Kleinklima. Insekten finden dort weder Nahrung noch Unterschlupf und geschotterte oder versiegelte Flächen heizen sich stärker auf und kühlen langsamer ab als pflanzenbewachsene Flächen. Der Tipp: Um Lebensraum für Insekten zu schaffen, eignen sich laut BUND diesen Pflanzen besonders gut:
Lavendel, Heidekraut (Calluna vulgaris (L.) Hull), Astern, Herbst-Margeriten, Wiesensalbei, Wiesen-Witwenblumen, Rapunzel-Glockenblumen, Wiesen-Glockenblumen, Skabiosen-Flockenblumen und Kathäusernelken.

Vorbild für diese interaktive Karte sei das Marburger Solarkataster, mit dem man gute Erfahrungen gemacht habe. Beide Instrumente basieren auf denselben Luftbildern, funktionieren ähnlich und sollen im Kern zeigen, welche Dächer sich wo für eine Bepflanzung – oder im Fall von Solarkraft – für PV-Anlagen eignen. „Wir wollten mit den Gründächern den Bürgern etwas an die Hand geben, wo man gleich angezeigt bekommt, was möglich ist. Dann ist die Hemmschwelle geringer, selbst etwas für ein besseres Stadtklima zu unternehmen“, sagt Smeulders.

Anschließend können die Bürger eine Dachfläche einzeichnen und bekommen dazu­ ­Detailinformationen – zum Beispiel „gut geeignet, sonnig, fünf Grad Dachneigung, 64 Quadratmeter“. Wer aus einem geeigneten Dach ein Gründach machen will, muss allerdings Fachleute konsultieren: Zunächst muss ein Statiker oder Architekt berechnen, ob das Dach die Bepflanzung tragen kann. Dann erneuern Dachdecker die Abdichtung des Flachdaches, anschließend können Landschaftsgärtner es bepflanzen.

Zuschüsse für Bürger sollen Schritt erleichtern

Dazu erfährt der Nutzer auf der Seite auch, welche Pflanzen in dieser Lage gut wachsen. Zudem wird errechnet, wie viel Abwassergebühr er sparen kann, wenn das Dach begrünt wird. „Man zahlt für ein Gründach nur die Hälfte der Gebühr, die man für eine versiegelte Fläche zahlen würde“, sagt Siehl. Denn: Gründächer dienen auch dem Hochwasserschutz. Bei starken Niederschlägen verhindern sie, dass zu viel Wasser auf einmal in die Kanalisation und die Gewässer kommt.

Ein intensives Gründach, also ein echter Dachgarten, könne bis zu 90 Prozent des Wassers halten, extensive Gründächer mit kleineren Pflanzen immerhin 40 bis 60 Prozent, erklärt Siehl. Zudem heize sich ein Gründach an einem 26 Grad Celsius heißen Sommertag nur auf etwa 29 Grad auf, eine dunkle Dachfläche hingegen auf bis zu 80 Grad. Das nütze nicht nur dem Stadtklima, sondern auch den Bewohnern, sagt Siehl: „Gerade in älteren Häusern ist es im Dachgeschoss im Sommer unangenehm. Bei einem Gründach herrscht dort die gleiche Wohnqualität wie im Erdgeschoss.“

Marburg setzt bei privaten Gründächern auf Freiwilligkeit: Auch eine kleine Grünfläche, etwa auf einer Garage, sei ein Lebensraum etwa für Insekten, Spinnen und Singvögel: „Im Grunde ist jeder Quadratmeter, der begrünt und damit für die Natur zurückgewonnen ist, von Vorteil“, sagt Siehl.

Das Kataster und weitere Infos finden sich auf www.marburg.de

von Björn Wisker