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OP-Klimaretter Warum fliegen, wenn's auch anders geht?
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12:50 23.12.2019
Karin Schwalm  aus Marburg reist mit dem Zug in den Urlaub. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Deutsche reisen gern und viel. Der Bade- und Strandurlaub zählt zu den beliebtesten – vor allem auch in der kalten Jahreszeit. Wer im Winter die Sonne auf der Haut spüren will, bucht in der Regel eine Flugreise, um schnell ans Ziel zu kommen. Für Karin Schwalm ist das keine Option. Um die Umwelt zu schützen, verlegt sie ihre Fernreisen auf die Schiene. Sie tut das aus Überzeugung.

Ihre Einstellung zu Umwelt und Konsum änderte sie in der Mitte ihres Lebens. Vor 30 Jahren las die pensionierte Lehrerin einen Artikel über den Klimawandel. Sie verstand, dass ihre Altersgruppe von den Auswirkungen der Umweltverschmutzung betroffen sein wird. Seitdem tut sie, was sie kann, um die Umwelt weniger zu belasten.

Dass die Fridays-For-Future-Bewegung die Jugend mobilisiert für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen, stimmt sie glücklich. Denn endlich rückt der Klimawandel durch die Medienpräsenz mehr und mehr in das Bewusstsein aller. „Jeder kann etwas beitragen“, ist Schwalm überzeugt. Ihre Motivation ist ungebrochen, weil sie sich für ihre Kindern und ihr Enkelkind eine lebenswerte Umwelt wünscht.

„Ich bin Moralinsauer“. Sie könne es nicht anders ausdrücken. Sie verwendet das satirische Kunstwort, das bedeutet, das sie in übertriebener Weise moralisierend ist, weil sie genauso auf andere wirke. Sie weiß, dass sie bei gewissen Sachen richtig Druck auf ihr Umfeld macht. „Keiner hat das Recht auf Verschmutzung“. Jeder könne täglich darüber nachdenken, was er anders und besser machen könne, sagt Schwalm.

Für andere ist die Einstellung von Karin Schwalm mitunter anstrengend. Sie könne es einfach nicht ertragen, wenn man unbedacht mit der Umwelt umgeht. Mittlerweile hat sie viele Freunde überzeugt, ebenfalls einen Beitrag für einen Schutz der Umwelt zu leisten. Ein Paar habe sogar Flüge in den Urlaub storniert. Darüber ist die Marburgerin sehr froh.

Angefangen hat es bei ihr damit, Plastikmüll zu vermeiden. Zuvor hatte sie Berichte über den Plastikteppich in den Meeren gehört. Diese kursierten in den 2000er-Jahren in den Medien und haben sie dazu angestiftet, Alternativen beim Einkaufen zu suchen – was nicht immer leicht und manchmal nicht möglich sei, sagt Schwalm. Heute steht bei ihr im Kühlschrank zum Beispiel der Joghurt im Glas, und im Bad die Zahnpaste – ebenfalls im Glas. Wo immer es geht, vermeidet sie Verpackungsmüll. Sie kauft auf dem Wochenmarkt ein und nutzt die Unverpackt-Läden in Marburg. Aber sich nur auf die Vermeidung von Müll zu beschränken, reicht der 67-Jährigen nicht. Sie hat sich an der Initiative „Einstieg in den Umstieg“ beteiligt und drei Monate größtenteils auf das Auto verzichtet. Den Umstieg auf Bus und Bahn behält sie bei . Nur in Ausnahmefälle nutzt sie das Auto.

Ihr größtes Projekt war in diesem Jahr eine Urlaubsreise mit der Bahn nach Alicante. Ein Flug kam für sie nicht infrage. „Wenn der Amazonas brennt und die Wälder in Kalifornien und Sibirien in Flammen stehen, kann ich nicht mit gutem Gewissen in den Flieger steigen“, sagt die Marburgerin.

Der Umstieg auf die Bahn erfordert eine exakte Planung, mehr Zeit für die Reise und auch höhere Kosten. Ein Preis, den zu zahlen Karin Schwalm zu zahlen bereit ist. Statt zwei Stunden im Flieger hat die Marburgerin 13 Stunden auf der Schiene verbracht und ist durch drei Länder gefahren. Sie hat eine Strecke von rund 3.000 Kilometern zurück gelegt und rund 0,6 Tonnen Kohlendioxid eingespart.

Seit Jahren schon, meidet sie Flugreisen. Früher musste sie beruflich Kurzstrecke von Frankfurt nach England fliegen. Das würde sie heute nicht mehr machen. „Es ist ein Lernprozess“, sagt sie. Und sie schreibt der Politik mehr Verantwortung für die Menschen zu. Es müsse wieder umgedacht werden – weg vom Individualverkehr hin zu dem „Wir“.

Sie verteufelt nicht das Fliegen generell und weiß, dass es oft nur auf diesem Weg möglich ist, Verwandtschaft auf einem anderen Kontinent zu besuchen. Ihr ist es aber wichtig, Alternativen zur Verfügung zu haben. Bei Fernreisen wären das aus ihrer Sicht Nacht- oder Autozüge.

Auch der öffentliche Nahverkehr und den Ausbau von Radwegen steht für sie im Vordergrund der Klima-Überlegungen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Stadt Marburg den Klimanotstand ausgerufen hat. „Die Bürgerinitiative Verkehr müht sich ab, dass das Rad mehr in den Vordergrund rückt und sich mehr Menschen vom Auto verabschieden können. Die Stadt Marburg müsse deshalb Entscheidungen treffen, die der Selbstverpflichtung zum Klimaschutz entsprechen, sagt Schwalm.

Für sie ist Klimaschutz ein permanenter Prozess. Deshalb geht sie mit gutem Beispiel voran: Die Urlaubsreise für nächstes Jahr steht schon fest. Es geht mit der Eisenbahn nach Sizilien.

von Silke Pfeifer-Sternke

Klimaretter-Reisetagebuch

Am 14. Mai um 7.34 Uhr beginnt meine Reise nach Alicante (Spanien). Mit der Bahn. Meine erste, wenn auch kurze Begleitung, finde ich in einer Studentin für Medizinmanagement, die fast täglich von Wallau nach Gießen zu ihrem Studienort aufbricht und auch den Umstieg in Marburg in Kauf nimmt. Wir verstehen uns. Der nächste Kandidat steigt in Gießen zu. Ein abgeschabter Rimowa-Koffer lässt mich auf einen Vielflieger tippen. Tatsächlich, er ist heute nach Hongkong unterwegs, dann Tokio.

Von Wetzlar kommend ist er allerdings als umtriebiger Jungunternehmer mit dem Angebot der Bahn nicht zufrieden. Reisedauer zum Flughafen und Pünktlichkeit ließen zu wünschen übrig. Er überlegt, eine Wohnung in London zu kaufen, so erzählt er mir, um seine Reisen besser planen zu können. Ich werde neugierig und frage, was sein Geschäftsmodell sei. Er vertreibe Sammelkarten. Pokemon? Genau. Darf man für Sammelkarten um die halbe Welt reisen, frage ich mich. Darf dieses Wirtschaftssystem jedes Bedürfnis befriedigen, auch wenn es uns letztendlich schadet? Was würde wohl Oliver Welke dazu sagen? Es gibt Dinge, die kannste Dir nicht ausdenken.

Die Dame, die im ICE von Frankfurt nach Paris neben mir sitzt, reist aus dem gleichen Grunde wie ich mit dem Zug: auch sie will Dreck vermeiden. Ihren Wohnort Frankfurt und ihren Arbeitsplatz in Paris verbindet sie regelmäßig mit der Bahn. Sie lehrt an der einzigen amerikanischen Universität in Paris im siebten Arrondissement. Gibt es tatsächlich; wusste ich auch nicht.

In Paris angekommen muss ich den Bahnhof wechseln. Vom Gare de l‘Est zum Gare de Lyon fährt die Metro. Mit einer guten Stunde Umsteigezeit ist dies kein Problem.
Praktischerweise verkaufen die Schaffner kurz vor Paris Metrotickets, die es einem ersparen, sich in die Schlange am Gare de l‘Est vor den Automaten einzureihen. Man kann aber auch immer seinen Vordermann fragen, ob er ein Ticket verkauft. Dies habe ich auf der Rückfahrt auch getan. Hat geklappt.

Der TGV von Paris nach Barcelona fährt pünktlich um 14.07 Uhr ab. An der Eingangssperre kann der Scanner den Code auf meinem Ticket nicht lesen und so bitte ich eine Dame vorzugehen und husche eilig hinterher: deutsch-französische Freundschaft. Der junge Mann, der dann im Zug neben mir sitzt, ist so freundlich und lässt mich zur Berichterstattung zu Hause anrufen. Ich habe kein Handy. Aber teilen ist ja auch eine Möglichkeit. Der TGV hat außer einem Speisewagen auch ein Kinderwickelabteil und einen Defibrillator, dessen Einsatzmöglichkeit gut erklärt wird. Im Speisewagen ist Plastik omnipräsent; aber auf meine Bitte hin wird meine mitgebrachte Glasflasche widerspruchslos mit Leitungswasser aufgefüllt. Na bitte, geht doch.

Gleich hinter Valence im Rhônetal grüßen die ersten Windräder mit beschwingten Flügeln. Rechts und links der Gleise zieren gelber Stechginster und rote Buschwindröschen die Bahnböschungen. Umgestürzte Bäume können hier keine Verspätung hervorrufen: es gibt sie nicht.

Ich fahre unter blauem Himmel, Sonne satt, sehe aber keine einzige Sonnenpaneele auf den Dächern. Sollte auch den Franzosen die Energiewende noch bevorstehen? Doch dann, noch weiter südlich, weite Flächen mit Sonnenkollektoren. Die Durchsagen des Zugführers erfolgen in drei Sprachen: französisch, spanisch, englisch. Das Schöne ist, dass jedes Mal erkennbar ist, um welche es sich handelt. Nach über 6 Stunden Reisezeit komme ich um 20.34 Uhr in Barcelona an. Mein Hotel sehe ich schon vom Bahnhof aus. Am nächsten Morgen um 10 Uhr beginnt der letzte Reiseabschnitt nach Alicante. Ankunft 14.55 Uhr. Dann habe ich 13 Stunden Reisezeit für die Hinfahrt hinter mir, 251,55 Euro mit Bahncard 25 für die Hin- und Rückfahrt ausgegeben und ein gutes Gefühl.

von Karin Schwalm