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OP-Klimaretter Freie Lastenräder und Garagen für Fahrräder
Mehr OP extra OP-Klimaretter Freie Lastenräder und Garagen für Fahrräder
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18:09 28.06.2019
Charlotte Straka und Valentina Haas (von links) mit einem Lastendreirad auf einer Demo von Fridays for Future. Quelle: Tobias Kunz
Marburg

Braucht man für den Wocheneinkauf ein Auto? Um die Kinder in die Kita zu bringen? Oder für einen Umzug unbedingt einen großen Transporter? Wolfgang Schuch vom Verein Freie Räder sagt: „Die Grenze dessen, was man mit einem Fahrrad transportieren kann, verläuft oft eher im Kopf, als beim Material.“

Der Verein will eine Alternative zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren anbieten und verleiht nun seit gut einem Jahr sieben Lastenfahrräder, drei Schwerlastenanhänger und einen Fahrradanhänger an verschiedenen Stationen in Marburg, aber auch in der Umgebung. Das Angebot ist für die Nutzer kostenlos.

Nach einer Anmeldung auf der Plattform freie-lasten.org können die Fahrzeuge gebucht werden. Auf der Internetseite­ werden die einzelnen Räder aufgelistet und vorgestellt. Ein Kalender zeigt an, an welchen Tagen das ausgewählte Gefährt noch verfügbar ist – oder eben schon ausgebucht.

900 Buchungen im ersten Jahr

Angesichts der wenigen freien Termine zeigt sich auf den ersten Blick: Das Projekt kommt gut an in Marburg. Rund 900 Buchungsvorgänge hat der Verein in seinem ersten Jahr verzeichnet. Das sind im Schnitt zwei bis drei Buchungen täglich – Winter inklusive. „Enorm“, findet Schuch (kleines Foto). Während der kalten Jahreszeit habe man die Räder zur Sicherheit mit Spikes ausgestattet.

Im Mai war eines der Lastenräder in Wolfshausen stationiert, eines auf der Ohäuser Mühle in Schweinsberg. „Wir haben eine große Nachfrage aus den umliegenden ­Orten, die wir leider nicht ausreichend bedienen können“, sagt Schuch. Drei Räder und drei Anhänger hat der Verein mithilfe einer Förderung vom Bund angeschafft.

OP-Klimaretter: Der Verein Freie Lasten Marburg verleiht seit gut einem Jahr kostenlos Lastenräder und -Anhänger. Mehr dazu im Video und in der Mittwochsausgabe der OP. #freielasten

Gepostet von Oberhessische Presse am Dienstag, 25. Juni 2019

Die Mittel kamen aus dem Topf „Kurze Wege für den Klimaschutz“ der Nationalen Klimaschutz Initiative des Bundesumweltministeriums. Eines der übrigen ­Räder stellt der ­Asta der Uni Marburg bereit, ein Rad am Grün. Das Rolli-Rad kommt von Jörg Fretter.

Der Verein würde seine Ausleih-Plattform auch weiteren Geschäftsleuten, Privatleuten­ oder Gemeinden zur Verfügung stellen, um das Angebot auszubauen. Nach Auslauf der Förderung arbeitet der Verein komplett ehrenamtlich weiter und will seine Kosten aus Spenden decken.

Freie Fahrräder für 
Fridays for Future

Der Verein präsentiert die Lastenräder regelmäßig auf öffentlichen Veranstaltungen, wie dem Mobilitätstag des Landkreises. Eine Erfahrung machen die Cargo-­Biker dabei immer wieder: „Lastenräder sind total gefragt, die Leute interessieren sich sehr dafür“, sagt Kati Verhaal (kleines Foto rechts).

Regelmäßige Nutzer finden sich etwa unter den Organisatoren der Schülerdemos für den Klimaschutz. Sie leihen sich regelmäßig Lastenfahrräder aus, um das Material für Demo und Kundgebung darin zu transportieren: „Plakate, Lautsprecher, Kisten. Schleppen wäre zu anstrengend, und mit dem Lastenrad ist es umweltfreundlich“, sagt Valentina Haas von Fridays for Future. Nach mehreren Ausleihen haben sie und Charlotte Straka  entschieden, sich beim Verein zu engagieren. Sie wollen künftig den Auftritt des Vereins in den sozialen Medien betreuen.

Menschen, die mitmachen wollen, sucht der Verein weiterhin. Möglichkeiten, sich ­ehrenamtlich einzubringen ­gebe es viele, sagt Schuch. „Wir suchen Paten für die Ausleihe, Menschen, die ihren Gehirnschmalz einbringen wollen, oder zum Beispiel an der Webseite arbeiten möchten.“ Angefangen hat der Verein mit sieben Mitgliedern, mittlerweile sind es um die 20 Aktive.

Neben den täglichen Buchungen kommen die Räder auch zu besonderen Fahrten zum Einsatz. So etwa zur sogenannten Schokofahrt. Dabei transportieren Fahrradfahrer Schokolade aus einer Manufaktur in Amsterdam an Zielorte in ganz Deutschland. Der Hintergrund: Den fair gehandelten Bio-Kakao lassen sich die „Chokolate­ Makers“ per Segelschiff, also emmissionsfrei, aus der Karibik liefern.

Per Rad legt die Schokolade dann auch den Rest des Transportweges ohne Emissionen zurück. Bei der ersten Schokofahrt im Frühjahr 2017 haben nach eigenen Angaben vier Fahrer aus Münster 60 Kilogramm Schokolade transportiert.

Bei der fünften Schokofahrt an Ostern 2019 haben mehr als 200 Menschen ehrenamtlich rund zwei Tonnen Schokolade transportiert, teils in Staffeln. An den vergangenen Fahrten haben sich regelmäßig auch Marburger Radfahrer beteiligt, darunter auch Wolfgang Schuch. Und weil in der Schokoladenmanufaktur der Nachschub an Zucker stockt, ist geplant, auf der Anreise zu einer der nächsten Schokofahrten Bio-Zucker aus Bellnhausen auf den Weg nach Amsterdam zu bringen.

„Freie Garagen“ könnten große Mengen CO2 sparen

Gleichzeitig zum Fahrradverleih hat der Verein auch das Projekt „Freie Garagen“ gestartet. Die Idee dahinter: Viele Menschen hindert es daran, vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen, dass sie keine geeignete Möglichkeit haben, das Fahrrad diebstahlsicher und vor Wetter geschützt abzustellen. Der Verein will deshalb ­Garagen anmieten, die sich dann mehrere Menschen teilen können, um ihre Räder unterzubringen.

„Das Potenzial, dabei CO2 einzusparen ist sehr groß“, sagt Schuch und präsentiert eine Beispielrechnung: Bei fünf Garagen, in denen jeweils drei Fahrräder stehen, die jeweils ein Auto ersetzen, könne man bei einem täglichen Weg zur Arbeit von sieben Kilometern bei 200 Arbeitstagen im Jahr 6 720 Kilogramm CO2-Ausstoß vermeiden.

Die Garagenmiete legt der Verein solidarisch auf alle Nutzer um. In einer Bieter-Runde nennen Nutzer einen Betrag, den sie bereit sind, für ihren Anteil an der Garage zu zahlen.

Bislang hat der Verein vier Garagen gemietet, drei davon in der Ketzerbach, eine in der Zahlbach. „Wir würden das Angebot gerne erweitern und suchen dafür Menschen, die Garagen an uns vermieten“, sagt Schuch. Vermieter und interessierte Mieter können sich per E-Mail an post@freie-lasten.org melden, um Informationen zu erhalten.

  • Neben den Freien Rädern wurden aus dem Landkreis „Allmende Holzhausen“, „Hin und Weg“, die „Gartenwerkstadt“ und die Solawi Marburg mit dem Projekt „Verwenden statt verschwenden“ von der Nationalen Klimaschutzinitiative gefördert. Die fünf Projekte stellen sich am Samstag, 17. August, auf dem Marktplatz in Marburg vor.

Die Räder

Bei drei der Lastenräder handelt es sich um sogenannte „Bullitts“. Diese Räder haben hinter dem Vorderrad eine große Ladefläche für Mitfahrer oder Gepäck (180 Kilogramm maximale­ ­Zuladung inklusive Fahrer). Ein Elektromotor unterstützt beim Tritt in die Pedale. Zwei Dreiräder, eines mit Ladefläche, eines mit Kindersitzen und ein Fahrrad mit Ladefläche für einen Rollstuhl ergänzen das Angebot an Rädern.
Die drei Schwerlastenanhänger „Carla Cargo“ können jeweils bis zu 150 Kilo auf der großen Ladefläche transportieren. Die Anhänger fahren mit Elektromotor-Unterstützung und bremsen über eine sogenannte Auflaufbremse.     

Tipps

Tipps von Manfred Hofmann und Ursula Losekant-Hofmann aus Kirchhain:

  • Weg vom Heizöl: Stattdessen Fernwärme, erzeugt durch regionale Bioenergie
  • Bahnfahren: Weite Strecken in Deutschland mit der Bahn zurücklegen
  • Naturnahe Gartengestaltung: Verzicht auf unnötige Pflasterung, absolut keine ­Anlage von Steingärten
  • Wasser beim Gemüse- und Händewaschen auffangen und Blumen bei Trockenheit damit gießen, Dachrinnen an Regenrinnen anschließen
  • Verzicht auf Plastik: Ist allerdings noch ausbaufähig. Da müsste sich die Lebensmittelindustrie dringend mehr engagieren.
  • Wäsche an der frischen Luft trocknen, nur im Ausnahmefall im Trockner
  • Gebrauchte Artikel etwa­ Kinderkleidung auf dem ­Second-Hand-Basar kaufen, Gegenstände lange nutzen!     

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von Philipp Lauer