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OP-Klimaretter Dicke Holzwoll-Schicht verhindert Schimmel
Mehr OP extra OP-Klimaretter Dicke Holzwoll-Schicht verhindert Schimmel
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08:00 29.08.2019
Oliver Kutsch, Fachdienstleiter Hochbau, und Uwe Greif, Oberbauleiter, haben die energetische Sanierung der Fronhof-Remisen betreut. Quelle: Katja Peters
Marburg

Die Remise ist ein Wirtschaftsgebäude mit Unterstand für Fahrzeuge oder Geräte. In Marburgs Mitte stehen die Fronhof-Remisen, die in den Jahren 1686 und 1897 gebaut wurden. Sie sind Überbleibsel des Fronhof, der dort seit Anfang des 13. Jahrhunderts gestanden hat. Die Sanierung der beiden Fachwerkhäuser zwischen 2014 und 2016 ist bis heute ein Meilenstein unter energetischen Gesichtspunkten. Denn der Energiebedarf konnte von über 200.000 Kilowatt-Stunden im Jahr auf 72.000 gesenkt werden. Das sind fast 70 Prozent. Durch die Pellet-Heizung, die nebenan in der ­Otto-Ubbelohde-Schule eingebaut wurde, haben sich die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert.

Die größte Herausforderung war die Dämmung. Denn laut Denkmalschutzbehörde ist eine Außendämmung nicht erlaubt. Lediglich an der Giebelseite durfte hier eine Ausnahme gemacht werden, weil das die Wetterseite ist und diese später mit Schieferplatten abgedeckt wurde.

Dämmung innen und außen

Eine weitere Herausforderung war im Rahmen des „Leuchtturmprojektes Klimaschutz“ einen optimalen Wärmeschutz zu erreichen. Die Energieeinsparverordnung (EnEV 2009) macht eine Ausnahme bei Sichtfachwerk und denkmalgeschützten Gebäuden, die Standards müssen also nicht eingehalten werden. Dennoch setzte sich die Stadt aber das ambitionierte Ziel, trotzdem die Anforderungen der „EnEV 2009“ einzuhalten. Dies gelang unter anderem mit einem differenzierten Dämmungskonzept mit Innendämmung an den Fachwerk- und Mauerwerkswänden und Außendämmung im Bereich der Schieferflächen.

Klimaretter-Tipps

  • Leben auf kleinem Fuß: Mit der Wohnfläche pro Kopf steigt auch der Energieverbrauch. Kleinerer Wohnraum ist daher eine Notwendigkeit unserer Zeit. Eine gesellige Form des Ressourcensparens bieten Wohngemeinschaften und gemeinschaftliche Wohnprojekte.
  • Bewusste Wohnortwahl: Je nach Wohnort ändert sich die Größe Ihres ökologischen Fußabdrucks beträchtlich. Ein Leben in der Stadt fußt auf bestehender Infrastruktur, Nahversorgung und Öffis. Ein Leben im Grünen ist dann nicht „naturnahe“, wenn sich im Alltag die Fahrten mit dem Pkw vervielfachen.
  • Entscheiden Sie sich für grüne Energie: Hierzulande gibt es zahlreiche Anbieter für Ökostrom und der Umstieg ist eigentlich nur eine Frage des guten Willens. Auch gibt es nach wie vor zu viele Öl- und Gasheizungen. Gerade bei langfristigen Investitionen sollten Sie eine nachhaltige Alternative wählen.
  • Thermische Sanierung bei Altbestand: Undichte Fenster oder eine hohe Heizrechnung weisen darauf hin, dass eine Gebäudesanierung anstehen könnte. Sie erreichen damit Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent. Lassen Sie sich bei der Sanierung durch Länder und Bund unterstützen, etwa mit dem Sanierungsscheck.
  • Quelle: https://www.muttererde.at/

Das Marburger Architektur-Büro Oesterle, Spezialist bei der Sanierung von Fachwerkhäusern und an der Sanierung vieler Oberstadt-Häuser beteiligt, fand dann eine Lösung: die zwölf Zentimeter dicke Holzfaserdämmung. Die Planung wurde wissenschaftlich begleitet und der Wandaufbau an der Technischen Universität Dresden mehrfach auf Tauwasserbildung berechnet. Die Dämmung schmiegt sich durch ihre Verformbarkeit an die „wubbelige und knubbelige“ Wand der Fachwerkhäuser. Als die Isolierung verbaut und die Luftdichtheit erstellt wurde, gab es umfangreiche Blowerdoor-Tests. Mit einem großen Ventilator wurde ein Unterdruck geschaffen und dann gemessen, wo noch Undichtigkeiten bestehen. „Wochenlang wurden die Löcher dicht gemacht“, erinnert sich Thomas Oesterle. „Hätten wir das nicht gemacht, wären Schimmel und Fäulnis die Folge gewesen“, erklärte Christoph Irrgang, ebenfalls Architekt aus Marburg.

Schule nutzt Räume für Betreuung

Einziger Nachteil dieser Dämmform ist der Raumverlust. Dieser lag aber in Marburg bei unter zehn Prozent. Nach der Sanierung standen also 656 Quadratmeter auf drei Geschosse verteilt zur Verfügung.
Wo vorher die Hochbauwerkstatt der Stadt Marburg beherbergt war, werden nun Kinder beaufsichtigt. Denn die Remisen werden seit der Fertigstellung von der Otto-Ubbelohde-Schule für Unterricht und ­Betreuung genutzt. Die Lehrer bekamen neue Arbeitsräume, eine Mensa und eine neue ­Bibliothek wurden eingerichtet und werden heute mit Begeisterung genutzt.

Die preußische Kappendecke wurde erhalten, ebenso die ­eisernen Gusspfeiler. Raffiniert gelöst wurde auch das Problem der alten Fenster, die durch die Einfachverglasung natürlich einen hohen Wärmeverlust hatten. Es wurden einfach innenseitig neue Fenster davor gebaut. Denn die Remisen erhielten bei der Sanierung auch zwei Wintergärten mit Dreifach-Verglasung und einer Photovoltaikanlage, die von der Denkmalbehörde genehmigt wurden.

Anlage macht Lüften von Hand überflüssig

„Die Photovoltaik war ein Kompromiss“, erklärt Oliver Kutsch, Fachdienstleiter Hochbau von der Stadt Marburg. In Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde und dem Denkmalbeirat wurde eine Ausführung in Anlehnung an historische Firstverglasungen gewählt. Sogar in der Schrägverglasung der Wintergärten ­wurden Photovoltaik-Elemente integriert, die zusätzlich dem sommerlichen Wärmeschutz dienen.

Die Anlage hat eine Leistung von 8,6 Kilowatt und produziert rund 7.700 Kilowatt-Stunden im Jahr. Die Hälfte wird von den Remisen genutzt, die andere Hälfte wird ins Netz eingespeist. Der Gesamtverbrauch der beiden Gebäude liegt jährlich bei 20.000 Kilowattstunden.

Durch die neue Lüftungsanlage gibt es einen ständigen Luftaustausch „und es besteht kein Druck, die Fenster aufzureißen“, so Oesterle. Als ­Beleuchtung wurden effiziente LED-Leuchten verwendet.

von Katja Peters