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OP-Klimaretter Erinnerungen sind in Unikaten vernäht
Mehr OP extra OP-Klimaretter Erinnerungen sind in Unikaten vernäht
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18:00 30.07.2019
Johanna Franke-Reich sitzt inmitten von Altkleidern, aus denen sie Handtaschen fertigt. In den Händen hält sie einen Prototypen, der zum Teil aus Leinwand besteht und dessen Schwachstelle sie bei dem Nachfolgemodell ausmerzte. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Kirchhain

Das große Wohnzimmer ist lichtdurchflutet und lädt zum Entspannen ein. Die 58-jährige Johanna Franke-Reich kriegt ihren Kopf allerdings frei, wenn er sich mit filigraner Nähtechnik beschäftigt und nicht, wenn sie sich auf dem Sofa ausruht. Einen Teil des Wohnzimmers hat sie belegt – mit ihren Nähutensilien, einer professionellen Nähmaschine und diversen Kisten mit alten Kleidungsstücken. ­Alles verbindet sie mit schöne Erinnerungen. Und diese möchte sie festhalten und transformiert die diversen Stoffe in etwas Einzigartiges.

Ihr Erstlingswerk entsteht, als sie eine alte Jeans aus Studentenzeiten in den Händen hält. Sie stellt sich die Frage: wegwerfen oder aufheben? Diese mündet in einer Beschäftigung, an der sie sich gern ausprobiert und ihre Fähigkeiten weiter entwickelt. Aus ihrer Lieblingsjeans näht sie 2015 mit einfachen Mitteln eine Umhängetasche. „Das ist alles noch sehr laienhaft“, sagt sie und betrachtet dennoch stolz die Tasche – genäht auf ihrer alten Nähmaschinen, die sie von ihrem ersten Lehrgeld gekauft hat. Ein Bein der Schlaghose dient als Lasche, ein farbenfroher Schlips als Tragegurt. Das Innenfutter besteht aus einem Hemd ihres Mannes. Der Verschluss funktioniert mit einem Magneten, als Applikation ziert ein kleines Metallschild die Tasche.

„Es reizt mich, etwas auszuprobieren“, sagte Johanna Franke-Reich. Sie stöbert im Internet und sucht nach Vorschlägen, wie sie ihre Taschen verbessern kann.

Klimaretter-Tipps

Im August 2017 veröffentlichte die Zeitschrift Stern auf ihrer Internetplattform einen Artikel aus dem hervorgeht, dass die Gebraucht-Waren-Plattform „willhaben.at“ jährlich 200 000 Tonnen Kohlendioxid einspart. Kauf und Verkauf von gebrauchten Dingen rettet so umgerechnet 15 Millionen Bäume.

  • Welche Kleidung eignet sich zum Upcycling? Grundsätzlich eignen sich alle alten Oberteile, alte Pullover, alte Hemden oder alte Hosen dazu, dass man ausprobiert, ob man etwas Neues aus ihnen machen kann. Idealerweise probiert man es mit Kleidungsstücken, die einem etwas zu groß sind. Hier gilt die Regel: Je mehr Stoff, desto mehr Möglichkeiten gibt es, etwas Neues zu nähen.
  • Aus einem alten T-Shirt kann man vieles machen, woran man noch lange Spaß haben kann. Aus ihnen kann man zum Beispiel einen Kissenbezug, eine Jacke mit Fransen oder eine Aufhängung für Blumentöpfe kreieren.
  • Die Lieblings-Jeans hängt nur noch aus nostalgischen Gründen im Kleiderschrank, weil sie längst nicht mehr passt? Wer ein bisschen kreativ ist, kann das Lieblingskleidungsstück in eine neue Lieblingstasche verwandeln. Es ist ganz leicht. Um eine Tasche herzustellen, müssen zunächst die Hosenbeine in Höhe der Schrittnaht abgetrennt werden. Auf diese Weise entsteht ein Jeansrock, der nur noch unten zusammengenäht werden muss. Als Träger können zwei Kordeln dienen, die in die Jeans-Schlaufen gefädelt werden.

Zunächst investiert sie allerdings in eine neue Nähmaschine, weil ihre alte „den Geist aufgegeben hat“. Das Nachfolgemodell ist zunächst eine kostengünstige Lösung. Schnell stellt sich dies als Fehlinvestition heraus. Es kommt eine professionelle Nähmaschine mit „mehr Power, die auch dickes Material“ näht, ins Haus.

2016 startet Johanna Franke-Reich dann mit dem Taschennähen richtig durch. Sie näht ein Modell, das ihr 25-jähriger Sohn fast täglich nutzt.

„Ich habe als Laie angefangen und werde immer anspruchsvoller“, sagt sie. Johanna Franke-Reich führt Buch. Jedes Taschenmodell ist mit Foto, verwendeten Materialien und möglichen Fehler aufgelistet. Jedes Modell erzählt eine Geschichte und verfügt mittlerweile über ein Logo: „Jafra“. Das steht für Johanna Franke – der Mädchenname. Ihre Lieblingstasche näht sie aus einer Jacke ihrer Lieblingstante, aus einem Lederkleidungsstück ihrer Mutter, aus einem Hemd ihres Vaters. „Sie ist ultimativ mit Erinnerungen bestückt“, sagt Johanna Franke-Reich. Jede Tasche ruft Erinnerungen wach. Und in den Kisten im Wohnzimmer lagern noch viele Kleidungsstücke, die darauf warten, von ihr verarbeitet zu werden.

„Ich könnte ein Atelier gebrauchen“, sagt sie. Es ist ihr wichtig, dass die Kleidung, die sich nicht mehr für die Weitergabe an Bedürftige eignet, weil sie ihren Mode­zenit seit Jahrzehnten überschritten hat, nicht im Müll landet. Das wäre zwangsläufig das Ende der Kleidungsstücke und schlecht für die Umwelt. So tut sie etwas Gutes, wenn sie vom Prototyp bis zum „serienreifen“ Modell in vielen Arbeitsschritten an der Nähmaschine sitzt.

Gut 15 Stunden Arbeit je Handtasche

An einer Handtasche sitzt sie gut 15 Stunden bis sie fertig ist. Jede bekommt eine „geheime“ Innentasche für Handy oder Geldbörse und einen Karabinerhaken, an den man einen Schlüssel befestigten kann.

Sie verarbeitet in ihren Taschen neben Textilien auch Leinwand auch andere Materialien wie Rollladenband, Wandbehänge oder das Band einer Filmkassette. Manches wie Vlies zum Verstärken von Stoffen muss sie auch neu kaufen, Gebrauchsgüter wie Reißverschlüsse oder Knöpfe trennt sie von den Altkleidern und lagert sie in den zahlreichen Kisten im Wohnzimmer.

Aus Stoffresten von Flanellhemden fertigt Johanna Franke-Reich zudem handliche Abschminktücher. „Funktioniert perfekt mit jedem Öl“, sagt sie. Anfangs hat sie die quadratischen Tücher nur am Rand umgenäht. Ein Fehler, weil sie beim erste Waschen bereits ausfranzen. Mittlerweile näht sie zwei Tücher zusammen: rechts auf rechts und dann nochmal wenden. Die Abschminktücher sind eigentlich ein Nebenprodukt. Ebenso wie der Inhalt einer Dose, in der sich zahlreiche kleine karierte oder bunte Stofftaschen befinden, die sie aus Hemdtaschen näht.

Sie liebt es, sich kleine Extras auszudenken und hat Spaß am Designen neuer Modelle. Entspricht eine Tasche ihren Vorstellungen, plant sie ein neues Projekt. Bei Nummer 44 ist noch lange nicht Schluss.      

von Silke Pfeifer-Sternke