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OP-Klimaretter Er bringt Strom 
in die Steckdose
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in die Steckdose
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07:58 08.10.2019
Harald Raabe ist Befürworter von Kleinst-Photovoltaikanlagen. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Wohra

Grundsätzlich kann seit April dieses Jahres jeder steckbare Photovoltaikmodule direkt an den Stromkreislauf im Haus anschließen. Das war vorher zwar auch möglich, nur nicht legal.

Für Harald Raabe hat es viel zu lange gedauert, bis die Installation der Kleinstanlagen zur Stromgewinnung legalisiert wurde. Er hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass etwas passiert.

„Ich habe mich hochgeschrieben bis ans Bundeswirtschaftsministerium“, sagt Raabe. Man habe ihm ein Sitzungsprotokoll der EU-Kommission zukommen lassen, in dem die Rede davon ist, dass in den Kleinst-PV-Anlagen ein unglaubliches Potenzial steckt. Im Schlusssatz heißt es: „Im Übrigen sind die Anlagen in Deutschland nicht verboten.“ Diese Aussage erhielt Raabe vor fünf Jahren.

Anschaffungskosten: rund 600 Euro

Er hat viel Zeit investiert, „über die Jahre viele Leute genervt“ und sich mit Greenpeace in Verbindung gesetzt. Die Organisation hat letztlich mit anderen das Normierungsverfahren zur Legalisierung angestoßen. „Und ich kann sagen: Ich hatte meine Finger mit drin“, sagt Raabe.

Klimaretter-Tipps

Kleinst-PV-Anlage
Der Unterschied zu den ­großen Photovoltaik-Anlagen liegt im einfachen System. Die Eigenmontage sollte an einer möglichst sonnigen Stelle erfolgen und anschließend werden die PV-Module über eine handelsübliche Steckverbindung in die Steckdose des Haushalts eingestöpselt. So kommt die Energie nicht bis in den bundesweiten Stromkreis, kann jedoch für den Eigenverbrauch genutzt werden.
Die Hersteller der Kleinst-PV-Anlagen setzen häufig auf ein Baukastensystem. Die Kunden sollen im „Do-it-yourself-Verfahren“ die Systeme installieren und damit ihren eigenen Strom erzeugen können.

Photovoltaikanlage auf dem Dach
Ist eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach noch rentabel, nachdem die Förderung gekappt wurde und die Speicherung über Batterien noch zu teuer sind? Ja, sagen Experten – je nachdem, wie die Anlage betrieben wird:

  • mit Eigenverbrauch und ohne Batteriespeicher;
  • 
mit ergänzendem Batteriespeicher;
  • vollständige Stromeinspeisung ohne Eigenverbrauch.

Durchschnittlich kann man 20 bis 30 Prozent des Stromverbrauchs mit dem eigens vom Hausdach produzierten Solarstrom decken. Da heute viele Photovoltaikanlagen auch mit Batteriespeichern ausgestattet werden besteht die Möglichkeit, den Solarstrom tagsüber zu speichern, sodass er abends und 
nachts verbraucht werden kann. Auf diese Weise kann der Anteil des Solarstroms am Stromverbrauch auf etwa 
55 Prozent gesteigert werden.     

Die Umweltorganisation Greenpeace Energy und die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie schätzen, dass europaweit mindestens 200.000 solcher „Balkonmodule“ im Einsatz sind, in Deutschland sollen es etwa 40.000 sein.

Es können noch viel mehr werden, meint Raabe. Die Anschaffungskosten sind überschaubar, die Installation nicht sehr aufwendig.

Die Steckdosen-Anlagen, die eine Gesamtleistung von 600 Watt (zwei Module) haben, kann jeder selbst beim Netzbetreiber anmelden.

Die Investitionskosten von etwa 600 Euro amortisieren sich bei vollem Eigenverbrauch nach etwa vier Jahren – bei optimaler Ausrichtung. Für Raabe sind die Kleinst-PV-Anlagen ein wichtiger Beitrag und ein Einstiegsmodell. „Ein Modul geht immer“, sagt er und meint damit die Installation auf einem Holzschuppen oder die Aufstellung im Garten oder direkt an der Hauswand. Bei 18 Kilogramm Gewicht sei die Montage kein Problem.

Kleinstwindrad im Garten

„Wer seinen Strom selbst produziert achtet vielleicht mehr darauf, den Verbrauch zu reduzieren“, glaubt Raabe. Die Möglichkeit zur Nutzung der Kleinstanlagen entwickelte sich bei dem 51-Jährigen zur fixen Idee. Warum? Weil er den Umweltschutz seit vielen Jahren verinnerlicht hat. Der Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie bedingt ein Umdenken. Damit hat Raabe bereits früh angefangen.

Ein Modell zur Gewinnung von Strom hat er vor fast zehn Jahren in seinem Garten realisiert. Er hat ein Kleinstwindrad gebaut. „Es funktioniert, hat sich aber nie amortisiert“, sagt Raabe. Damals wurde er für einen Spinner gehalten. Er hat aber auch andere Methoden verfolgt, um die Umwelt zu schützen. So betrieb er im Ort ein Car­sharing mit einem ehemaligen Kollegen. Sie teilten sich ein Auto.

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op-marburg.de     

„Das waren natürlich ideale Voraussetzungen“, sagt Raabe. Als sein Carsharing-Partner das Unternehmen verließ, musste Raabe zwar das Konzept aufgeben, nicht aber die Idee der gemeinsamen Autonutzung.

Es gründete sich fast lückenlos anschließend eine Fahrgemeinschaft mit mehreren Leuten aus dem Ort.

„Wir haben ungefähr dasselbe Fahrziel, müssen aber Kompromisse eingehen und Absprachen treffen“, sagt er.

Trotzdem will er die Fahrgemeinschaft nicht missen. Das System funktioniere seit Jahren sehr gut.

Eigene Unabhängigkeit im Blick

Bereits vor mehr als 20 Jahren hat Raabe einen Hektar Ackerland aufgeforstet und mitten im Feld 3.200 Bäume gepflanzt. Zur Begründung seines Handelns muss Raabe weit ausholen. Er sei Schreiner in der vierten Generation. Die Landwirtschaft sei aufgegeben worden. Aber: Wenn einmal Nachkommen auch den Beruf des Schreiners lernen wollten, dann sollten sie über wertvolles Holz verfügen.

Deshalb habe er die Bäume gepflanzt. Heute nutzt er die Anlage als Erholungsgebiet. Wenn er dort sei, genieße er die Aussicht und nutze die Zeit zur Entspannung.

Einen Faible für Energiesparkonzepte entwickelte Raabe sehr früh. Der Gedanke der Unabhängigkeit stand bei ihm im Vordergrund. Er installierte 2004 als erster im Ort eine 
PV-Anlage auf seinem Hausdach.

Mitbegründer eines Solarkraftwerks

2013 kam eine zweite Solaranlage auf einen Schuppen im Garten hinzu. Mit dem Strom daraus wird eine Warmwasserwärmepumpe betrieben. „Das funktioniert wunderbar“, sagt Raabe. Er ist zudem Mitbegründer des ersten Bürgersolarkraftwerks, das auf der Schule von Halsdorf installiert ist.

Das Gemeinschaftsprojekt laufe noch immer gut, sagt er. Zudem hält er seit fast fünf Jahren eine Beteiligung an einem Bürgerwindpark. Eine 5.000 Liter Zisterne hilft dabei, Wasser zu sparen und eine Außendämmung am Haus reduziert die Heizkosten.

Das Thema Autoreifen hat für ihn auch etwas mit Umweltschutz zu tun. Seine ersten Reifen waren runderneuert. Seit 30 Jahren zieht er nur noch solche Reifen auf seine Autos auf. Auf diese Weise habe er 70 bis 80 Prozent der Ressourcen eingespart, sagt Raabe nicht ohne stolz.

Auch beim Kauf von Papier legt er großen Wert darauf, dass es recycelt ist und er kauft nur Mehrwegflaschen, verzichtet auf Flugreisen und hat seinen Fleischkonsum deutlich reduziert.

von Silke Pfeifer-Sternke