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OP-Klimaretter Der Baumeister vom "Efeuhaus" in Mardorf
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10:00 23.06.2019
Karl-Heinz Kräling hat das Mardorfer „Efeuhaus“ vor mehr als 50 Jahren gebaut. Dem gelernten Maurer liegen Umweltbelange und Ressourcenschonung am Herzen. Quelle: Björn Wisker
Mardorf

Vögel zwitschern im Geäst, der Wind lässt Bäume, Büsche und das Gras tanzen. Nur der ratternde Motor eines Traktors auf dem nahen Feld und der Blick auf einige Windräder in der Ferne lassen die Alltagshektik erahnen. Der Blick von Karl-Heinz Kräling schweift von der Terrasse, an der sich Weinreben in die Höhe schlängeln, über den Garten mit Pflaumen-, Kirsch- und Quittenbäumen, Brombeer- und Johannisbeersträuchern. „Etwas Schöneres als hier zu sitzen und ein Buch zu lesen kann es nicht geben“, sagt er. Gut, vielleicht noch die regelmäßigen Spaziergänge durch Wald und Feld. Hauptsache draußen, Hauptsache Natur und Umwelt genießen.

Als der gelernte Maurer 1968 mit dem Hausbau am Ende einer Sack­gasse am Ortseingang begann, achtete er zwar schon auf so manches Umweltverträgliche. Etwa, sich aufgrund des Gefälles des Grundstücks eines Wasserkreislaufs zu bedienen. Heißt: Wasser läuft in Richtung seines Kellers, er sammelt es, pumpt es händisch wieder zwei Meter hinauf in einen dutzende Liter fassenden Behälter – und nutzt das Wasser wiederum für die Bewässerung der Beete.

An der Grenze zum Nachbarhaus stellte er keinen Zaun auf, vielmehr ließ er einen solchen wachsen: Birnen- und Apfelbäume haben sich über die Jahrzehnte immer mehr ineinander verschlungen, bilden eine grüne Wand. Der an der Terrasse wachsende Wein ist auch mehr als nur Trauben-Produktion: Er dient als Sonnenschutz. Und doch: So richtig in die Klimaschutz-Gänge kam Kräling erst, als das ökologische Bauen – das Umweltbundesamt veröffentlichte 1982 ein Buch, das ihn faszinierte und wonach er die Umbauten richtete – über die Fachwelt hinaus bekannt wurde. Der Handwerker erschuf eine Mardorfer Rarität: Ein mit Efeu überzogenes Wohnhaus. 

"Natürliche Baustoffe können so viel leisten."

Und so ist nicht nur der 74-Jährige auf seiner Terrasse umringt von grünen und farbigen Pflanzen, sein Haus ist in Natur regelrecht eingepackt. 50 Zentimeter dick, ein Panzer aus grünen Ranken und darunter liegendem Wildwein. Eine natürliche Dämmung. Im Sommer mindert das Fassadengrün die Aufheizung des Hauses, im Winter spart das – jedenfalls bei dem dichten, dicken Bewuchs wie am „Efeuhaus“ – Heizkosten. Nicht viel, aber immerhin; auch das wertet er als Beitrag zur Ressourcenschonung, die jeder Einzelne leisten könne.

Und das sei so einfach. „Natürliche Baustoffe können so viel leisten. Das Wissen um die Eigenschaften der Materialien ist da, nur angewendet wird es kaum noch. Dabei sollte das gerade jetzt, wo alle über Klimawandel und den Stellenwert von Umweltschutz reden, zur Pflicht für alle Planer, Architekten, Ingenieure und Hausbauer werden“, sagt er.

Studien der Universität Köln zeigen, dass Efeu eine natürliche Klimaanlage ist: An einer blanken Fassade können im Sommer Temperaturen von 50 bis 60 Grad gemessen werden, eine Efeuwand heizt sich bei gleicher Sonnenbestrahlung auf maximal 31,5 Grad auf. Das macht den Forschern zufolge nicht nur die Raumtemperatur deutlich angenehmer, sondern reduziert auch die mechanische Belastung für die Baumaterialien durch häufiges Auf- und Abkühlen. Bewertung: Efeudämmung ist gut für den Klimaschutz und sorgt für eine bessere Luftqualität.

Gebäude und das CO2-Problem

Gebäude sind für etwa 30 Prozent der deutschen CO2-Emis­sionen verantwortlich. Um jährlich fünf Millionen Tonnen müssen die deutschen Kohlendioxid-Emissionen im Gebäudesektor sinken, damit das nationale Klimaziel für 2030 noch erreicht wird. Davon ist die Bundesrepublik weit entfernt: In den vergangenen vier Jahren blieben die durch das Heizen und Kühlen von Häusern verursachten CO2-Emissionen nahezu konstant. Bundesweit werden pro Jahr weniger als ein Prozent der
Bestands-Immobilien energetisch saniert. „Ohne eine ambitionierte Steuerförderung ist völlig ausgeschlossen, dass wir im Gebäudesektor auch nur in die Nähe der Klimaschutzziele kommen“, sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur.

Kühle Zimmer im Sommer, geringere Heizkosten im Winter: Die Dämmpflicht, eine der gesetzlichen Auflagen der vergangenen Jahre, entpuppt sich seiner Auffassung nach gerade bei Verwendung von Styropor oder Mineralwolle oft als ebenso „teuer wie sinnlos“. Jedenfalls funktioniere seiner Erfahrung nach vieles mit Öko-Materialien ebenso gut. „Altes Bauwissen mit neuer Effizienz zu kombinieren, reicht oft aus. Man muss nicht alles neu erfinden.“

Was er meint: Die Ökobilanz der meisten Baustoffe ist katastrophal, spätestens von der nächsten Generation müssen sie als teurer Sonderabfall entsorgt werden. Und auch die Herstellung setzt weitaus mehr CO2 frei als Öko-Stoffe, baubiologisch unbedenklichere Lösungen wie das Zementgemisch Liquid ­Pore. Oder aus entholzten Hanffasern, ein Produkt, das bereits im Jahr 2013 den österreichischen Klimaschutzpreis gewann.

Zwei Mal im Jahr klappt Kräling die Leiter aus, kraxelt hinauf und schneidet seinen Dämmstoff – den Efeu, der bis zu acht Meter hoch in den Giebel ragt und etwa 200 Quadratmeter Fassadenfläche einnimmt. „Als Handwerker ­habe ich die Umwelt einfach mitgedacht und das Mögliche ­entsprechend praktisch umgesetzt. Ja, das macht etwas mehr Arbeit. Aber es lohnt sich. Für einen selbst, aber eben auch im großen Ganzen.“ Der Mardorfer bedauert es, nein, er schimpft über das fortschreitende Verschwinden von Gärten, Beeten, Grünflächen selbst in Dörfern wie in seinem Heimatort Mardorf.

"Die Menschen müssen sich verändern."

„Kaum jemand baut noch Obst und Gemüse an, kümmert sich um Bepflanzung. Die Gärten, die es mal gab, werden zurückgebaut, Steine hingeschüttet, wo einst Rosen, Beete, Natur waren – weil es einfach ist und keine Arbeit macht.“ Dafür hat er kein Verständnis. „Die Zeit, sich der Natur­pflege zu widmen und einen ökologischen Beitrag zu leisten, ist doch gerade im Alter da.“ Es gelte, das Entstandene zu bewahren – nicht nur, weil es zuhause schön aussehe, sondern weil es im globalen Sinne nötig ist. „Was einem Spaß macht, empfindet man nicht als Arbeit. Und man ist dann auch gut in dem, was man tut“, sagt er. 

Bewunderung spricht aus ihm, wenn er über die Renaissance des Umweltschutz-Themas, den Kampf der jungen Generation – jener Menschen, die seine Enkel sein könnten –
redet. „Die Menschen müssen sich verändern.“ So, wie ihm das Umweltbundesamts-Buch zum Ökologischen Bauen die Augen geöffnet habe, brauche es so ein Er­lebnis für jeden. „Die Erde wird ohne uns auskommen, irgendwie weitermachen. Der Mensch zerstört zwar durch seine Taten die Umwelt, aber letztlich zerstört er sich und seine Zukunft, seine Existenz selbst“, sagt er. Jetzt, dank Klima-Bewegungen wie „Fridays for future“, rücke das Umweltthema „endlich ins Zentrum des Bewusstseins“.

von Björn Wisker

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Pfand-Taschen-System
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