Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP-Klimaretter Strampeln für das Klima
Mehr OP extra OP-Klimaretter Strampeln für das Klima
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:15 26.05.2019
OP-Fotoredakteur Tobias Hirsch auf dem Radweg zwischen Marburg und Wehrda. Er verzichtete für einen Tag auf sein Auto und erledigte alle Fotoaufträge mit dem Fahrrad. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Meine Kollegen haben sich abgesprochen. Seit Tagen ist im Haus bekannt, dass ich heute mit dem Fahrrad zur Arbeit komme. „Wir haben einen Unfall in Wallau“, werde ich gleich am Verlagseingang begrüßt. Im Flur dann der Nächste: „Es gibt einen Unfall in Neustadt.“

Der Tenor der Nachricht ändert sich nie: Schnell vor Ort sein. Lediglich die Örtlichkeit variiert, befindet sich aber immer am äußersten Rand des Landkreises. Meine Kollegen wollen mich aufziehen!

Anzeige

Ist es für einen Pressefotografen wirklich machbar, seinen Job mit dem Fahrrad zu erledigen? Ich habe die Herausforderung angenommen – obwohl ich in Kirchhain wohne und in Marburg, beziehungsweise dem ganzen Landkreis, arbeite.

CO2-Einsparpotenzial des Rades wird nicht genutzt

Rund 76 Millionen Fahrräder gibt es nach Angaben des statistischen Bundesamtes in Deutschland (Stand 2018). Nur die wenigsten werden für die alltäglichen Wege von und zur Arbeit, zum Einkaufen oder ähnliches genutzt. Zum Vergleich: Nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes werden in Deutschland pro Tag insgesamt zwei Milliarden Kilometer mit Kraftfahrzeugen zurückgelegt (Stand 2018). 50 Prozent dieser Wege könnte man aber rein theoretisch mit dem Fahrrad zurücklegen, weil sie statistisch gesehen kürzer als fünf Kilometer sind – die ideale Distanz für ein Rad. Dieses enorme Einsparpotenzial bleibt ungenutzt.

Die Strecke von 42 Kilometern hin und zurück nehme ich lächelnd in Kauf. Die große Unbekannte sind die kurzfristigen Fotoaufträge, die täglich auf meinem Schreibtisch landen. Mein erster Termin liegt noch auf dem Weg: Interviewfotos vom neuen Bürgermeister in Cölbe – kein Problem. Nach einer kurzen Visite in der Redaktion muss ich auch schon wieder los. Diverse Fotoaufträge in Marburgs Innenstadt. Ich genieße es: So schnell und stressfrei bin ich noch nie durch die Baustellenhauptstadt Marburg gefahren – dem Lahnradweg sei Dank.

Gegen Feierabend dann der große Schock: Eine Theateraufführung in Stadtallendorf. Kurzfristig wird noch ein Fotograf gesucht. „Tobi, das liegt doch auf deinem Weg“, klingt es mir noch auf dem Radweg vor Kirchhain im Ohr: Die Heimat am Horizont, aber ich muss weiter!

Bei Anbruch der Dämmerung parke ich mein Rad in der Garage – nicht ganz ohne Stolz. Mein Auto habe ich den ganzen Tag nicht bewegt und trotzdem habe ich 75 Kilometer auf dem Tacho. Ein gutes Gefühl, das mich auf jeden Fall zu einer Wiederholung animiert.

Mit ein bisschen Organisation und Planung kann auch ein Pressefotograf (gelegentlich) aufs Auto verzichten – vorausgesetzt, die Termine lassen es zu und die Kollegen spielen mit.

Vier Stunden gestrampelt, aber nur 15 Kilo gespart

Durch den Verzicht auf mein Auto (Diesel, 193g CO2/km) habe ich knapp 15 Kilogramm CO2 gespart. Das klingt auf den ersten Blick vielversprechend. Zeitlich war der Selbstversuch allerdings ein Desaster: Anstatt einer Stunde Fahrzeit zur Arbeit und den Terminen habe ich vier Stunden auf dem Sattel verbracht – Regenschauer inklusive.

Nichtsdestotrotz habe ich mich gut gefühlt, wegen des Klimaschutzes und der Umwelt und so – bis ich meinen persönlichen CO2-Fußabdruck ermittelt habe. Anhand eines umfangreichen Fragebogens im Internet wird bei dem Test der eigene CO2-Verbrauch geschätzt.

Ich liege mit knapp 9 Tonnen CO2 im Jahr zwar unter dem deutschen Durchschnitt von 12 Tonnen/Jahr, aber seien wir mal ehrlich: Mit einem Zeitaufwand von drei Stunden 15 Kilogramm CO2 sparen? Effektivität sieht irgendwie anders aus. Fazit: Es lohnt sich nur, wenn viele mitmachen.

Mein Fazit, so abgedroschen es auch klingen mag: Ich alleine kann die Welt nicht retten, da kann ich strampeln, so viel ich will. Wir müssen schon alle gemeinsam ran. Das Potenzial dafür ist auf jeden Fall vorhanden!

von Tobias Hirsch

Klimaretter-Fakten

Radeln ist nicht neutral
Völlig klimaneutral ist Radfahren natürlich auch nicht – von der Herstellung des Rades einmal abgesehen. Ein Mensch setzt ganz natürlich Kohlendioxid frei – und zwar durch das Atmen. Bei einem 70 Kilogramm schweren Radfahrer fallen pro Kilometer etwa 21 Gramm CO2 an, bergauf noch etwas mehr.

E-Bikes als Klimaretter?
Die Werbebotschaft, E-Bikes können dank geringer CO2-Emissionen das Klima retten, ist falsch. Lithium ist eine begrenzte Ressource und Lithium-Ionen-Akkus sind in der Produktion sehr energieintensiv. Hinzu kommt, dass die Herstellung in Fernost mittels billigem Strom aus Kohlekraftwerken mit besonders hohem CO2-Ausstoß erfolgt.

14 Milliarden Kilometer
In Deutschland hat das Fahrrad einen Verkehrsanteil von elf Prozent. Das hat das Umweltbundesamt ermittelt. Bei einer Erhöhung um nur zehn Prozent könnten täglich 39 Millionen mit dem Auto gefahrene Kilometer ersetzt werden. Auf das Jahr wären das 14 Milliarden Kilometer. Das würde drei Millionen Tonnen CO2 sparen.

Andere machens besser
Deutschlands Nachbarn beweisen, dass eine CO2-Einsparung durch den Radverkehr keine Illusion ist: Im dänischen Kopenhagen wurden in den vergangenen Jahren 250 Kilometer neue Radwege gebaut. 45 Prozent der Einwohner pendeln mit dem Rad zur Arbeit. Das entspricht einer Einsparung von 90 000 Tonnen CO2 täglich!

Lausiger Wirkungsgrad
Die traditionelle Antriebstechnik von Fahrrädern – also der Mensch, der in die Pedale tritt – ist alles andere als optimal: Jede Nahrungskalorie wird nur zu einem Viertel in Bewegung umgesetzt, die restlichen Dreiviertel in Wärme. Letzteres lässt sich sehr gut an den vielen durchgeschwitzten Fahrradtrikots erkennen.

Anzeige