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OP-Klimaretter Plaste-Fasten mit Hindernissen
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18:31 14.05.2019
Mit Grauen blickt Till Conrad in einen Gelben Sack. Er will auf Plastik verzichten. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das Experiment, das die Fastenzeit dauern sollte, war im Grunde schon nach 12 Stunden und 30 Minuten gescheitert – vor dem Metzgerauto, das mittwochs durchs Dorf fährt. Der Verkäufer wickelt das frische Hackfleisch – so, wie er das immer tut –, vor der Abfahrt in eine Plastikfolie. Die Vorschriften sind halt so, erzählt er, im Metzgerauto darf frisches Hackfleisch nur abgepackt verkauft werden. Er verkauft es pfundweise.

Aus und vorbei, die Plaste-Faste zum ersten Mal gebrochen. Die Bitte, die Plastikfolie doch zurückzunehmen, zieht nicht – völlig zu Recht weist der Verkäufer darauf hin, dass die Plaste eh auf den Müll kommt und zweitens Hackfleisch gar nicht anders verkauft werden darf.

320 Millionen Plastikmüll werden weltweit erzeugt

Seit einigen Jahren erst ist Plastikmüll so richtig in der öffentlichen Wahrnehmung als Problem angekommen. Weltweit werden nach Angaben der deutschen Umwelthilfe mehr als 320 Millionen Tonnen Plastikmüll erzeugt, bis zu 13 Millionen Tonnen gelangen Jahr für Jahr in die Weltmeere. Bilder, die die Folgen für Fauna und Flora zeigen, gingen um die Welt.

Um den Vorsatz, sieben Wochen ohne Plastik zu leben zu realisieren, bedarf es einer vorausschauenden Denke, eines lösungsorientieren Problembewusstseins und guter Reaktionen. Wer im Restaurant einen „Aperol Spritz“ oder einen „Gin Tonic“ bestellt hat, muss sich darauf einstellen, den Drink mit Plastikhalm serviert zu bekommen. Löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel – in einigen Gaststätten Marburgs bestehen die Strohhalme - natürlich nicht aus Stroh, wie der Name nahelegt, aber eben auch nicht aus Plastik, sondern aus Glas. Ende 2020 sollen die Plastikhalme in der EU endlich verboten sein – bis dahin hilft nur, mit dem Wirt darüber zu reden, warum man keinen Trinkhalm möchte. Die Regel ist die, dass man auf großes Verständnis stößt, wenn man die Bitte äußert. Die Erfahrung ist aber auch, dass die Wirte nicht spontan umstellen, nur weil mal einer gemeckert hat.

Etwa 36,4 Milliarden Einweghalme schmeißen EU-Bürger jedes Jahr weg, hat die internationale Umweltorganisationen Seas at risk ausgerechnet. 36.400.000.000 Stück, eine Zahl mit neun Nullen. 

Umwelt-Tipp

Tag für Tag stoßen wir auf Dinge, die mit Plastik umwickelt sind, obwohl sie es nicht sein müssten. Oft genug kaufen wir sie ein, weil uns auf die Schnelle keine Alternative einfällt. Ziegenfrischkäse vom Discounter zum Beispiel.

Etwas weniger Spontanität tut da gut. Die Suche nach Alternativen im Internet kann helfen.

Schlussendlich ist jede Kaufentscheidung auch eine Abwägung: Fahre ich die 30 Kilometer mit dem Auto, um eine Verpackung einzusparen? Wie auch immer: Wir kaufen bewusster ein – das ist ein erster Schritt.

Es ist noch relativ leicht, Lebensmittel einzukaufen, ohne Plastik zu verbrauchen. Der Bäcker hat Papiertüren, die Verkäuferin guckt einen allerdings böse an, wenn man sie bittet, den Plastikhandschuh, mit dem sie das Brot anfasst, wegzulassen. Der Gemüsehändler nimmt bereitwillig das Mehrweg-Netz (gibt es in jedem Supermarkt) und packt den Kunden seine Äpfel dort hinein. Selbst in Spanien – oder vielleicht gerade dort – geraten Verkäufer in Ekstase, wenn man sie radebrechend bittet „sin bolsa“, also „ohne Tüte“. Der Verzicht auf Plastik ist populär, nicht nur in Deutschland. Aus dem Supermarkt noch Plaste-Verpackung mitzunehmen, muss tatsächlich nicht mehr sein. Auch hier tun es die Mehrweg-Netze, die es am Eingang zu kaufen gibt (Auch die sind aus Plastik, aber es sind eben keine Einweg-Netze. Man kann sie tausendmal benutzen.

Soweit der erste, der flüchtige Blick. Nach einigen Tagen Plaste-Faste häufen sich die Einblicke: Wo bekomme ich meinen Lieblings-Ziegenfrischkäse ohne Plastikverpackung? Warum habe ich mich schon wieder hinreißen lassen, am Arbeitsplatz aus der Geheimschublade einzeln verpackte Schoko-Riegel zu kaufen? Warum warum gibt es keine Margarine ohne Verpackung?

Erst recht gilt das für Kosmetik-Produkte. Duschgel durch Seife zu ersetzen ist noch einfach. Bei Haarseife statt Shampoo war ich erst einmal skeptisch. Aber das gibt es, und, Überraschung, für Menschen, die sich jeden Tag die Haare waschen müssen, ist das Ergebnis nicht schlechter. An die Nutzung von Zahnpasta-Tabletten, die sich im Mund auflösen, wonach man sich ganz normal mit einer feuchten Bürste die Zähne putzt, müssen wir uns noch herantrauen. Erst mal die Vorräte aufbrauchen, die zu Hause so herumstehen!

Erfolgserlebnis in der Kreishauskantine

Insofern habe ich jeden Tag seit Aschermittwoch mein Plaste-Faste-Gelübde gebrochen. Aber zu meinem Gelübde gehört auch, alltagstauglich zu bleiben. Ich verzichte gerne auf den „Coffee to go“ und trinke den Kaffee in der Firma. Ich habe mich gut dabei gefühlt, umweltbewusst. Bis mir aufging, dass die Kapseln für den Kaffee eigentlich genau das sind, was ich vermeiden will: Einwegverpackung. Eine Lösung habe ich noch nicht, weil ich keine alltagstaugliche fürs Büro kenne.

Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse: In der Kantine der Kreisverwaltung gab es kurz vor Ostern noch Limoflaschen aus Plastik. Inzwischen nicht mehr. Im Rahmen der „Nachhaltigkeitsstrategie“ des Kreises habe man auf Glasflaschen umgestellt, berichtet der Sprecher des Landkreises Stephan Schienbein. Nach und nach verschwinden Plastikflaschen aus dem Angebot.

Schau an, anderer Leute Kinder haben auch gute Einfälle. Und dass die Idee nur geboren wurde, weil wir Besucher halblaut gelästert haben, glauben wird nur zu gerne. So hat man ein klein wenig das Gefühl, die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben. Und ist das ein gutes Gefühl!

von Till Conrad