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Gretas Fußstapfen
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00:15 09.07.2019
Zwei der Marburger „Fridays-for-Future“-Organisatoren: Moritz Hupfer und Bosko van Andel. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Da wird in Zeiten von Klimaschutz und Umweltrettung von Fahrrad und Auto, von Bus und jetzt auch wieder von Seilbahn gesprochen – und Moritz Hupfer rollt mit dem Skateboard an.

Ein harter Tritt auf den hinteren Teil des Bretts und das Board stellt sich seitlich auf, der 16-Jährige nimmt es in die Hand und erzählt, dass jede globale Veränderung irgendwo ihren Ursprung hatte.­ „Wer den Planeten erhalten will, muss mit dem eigenen ­Lebensstil ­
anfangen“, sagt er.

Wie so viele Umweltaktivisten, denen von Kritikern Scheinheiligkeit vorgeworfen wird, hält der Schüler sich an das, was er sagt: Das beginnt bei vegetarischer Ernährung und endet mit unmotorisierter Fortbewegung, genauer: Mit Fahrten per Skateboard von Bracht, wo er wohnt, in Richtung Marburg.

Fokus auf den Problemen vor Ort

Zumindest dort, wo es einen Radweg gibt oder für ihn „wenigstens keine Lebensgefahr besteht“ – was in Ermangelung geeigneter Strecken aber tatsächlich viel zu häufig vorkomme. „Selbst wenn sich jemand bei uns im Dorf unbedingt anders als mit dem Auto fortbewegen will, kann er das nicht: Es fehlt nahverkehrs-infrastrukturell an fast allem.“

Deshalb richtet er bei seinem Klima-Protest den Fokus nicht nur auf die große Weltpolitik, auf EU, Bund und Land, sondern auf die Handlungsmöglichkeiten der Städte und Gemeinden im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Elternhaus dient als Vorbild

Doch warum das Engagement ausgerechnet für Natur, Umwelt und Klima? Er habe, so sagt er, sicher eine Vorprägung durch die Eltern – beide Gärtner, die Mutter gar in fünfter Generation. „Naturverbundenheit ist mir sicher in die Wiege gelegt. Es ist aber wirklich so, dass wir als Familie nichts Unnötiges kaufen oder Lebensmittel wegwerfen.“

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Plastikvermeidung, Ökostrom nutzen, möglichst viel auf motorisierte Verkehrsmittel verzichten: Als „relativ ökologisch erzogen“ bezeichnet sich auch der 16-jährige Bosko van Andel.

Als er auf Greta Thunberg aufmerksam wurde, vielmehr: Als er sah, dass die von ihr initiierten Klimastreiks nach Deutschland, Hessen, Marburg – also nach Hause – schwappen, befasste er sich immer stärker mit dem Thema.

„In dem Moment sah ich, wie weit wir von dem Erreichen der Klimaziele entfernt sind, wie schlimm es um die Erde steht. Das hat mich schockiert.“

Parolen brüllen, ist ihnen zu wenig

Es sei ihm aber zu wenig, bei den Demos mitzulaufen und „mit dem Finger auf die älteren ­Generationen zu zeigen, am ­offenen Mikrofon Nonsens zu reden, Parolen zu brüllen. Zu benennen, wie kaputt der Planet ist. Ich will wirkliche Veränderung und dafür etwas tun, das über meinen eigenen Lebensstil hinausgeht“, sagt der 16-Jährige.

Genau deshalb hat er, der in Fronhausen Vereinsfußball spielt, sich – dem Organisationsteam von „Fridays for future“ angeschlossen. Wöchentlich trifft sich dieser harte Kern, zu dem auch Moritz Hupfer zählt, entwickelt Protest-Ideen. Nicht zuletzt am Forderungspaket an die Marburger Stadtpolitik, was letztlich zum Ausrufen des Klimanotstands 
Ende Juni führte, schnürten sie mit. „Auf allen Ebenen Lösungen erarbeiten und die Mächtigen dazu verpflichten, das Sinnvolle umzusetzen – das ist unsere Aufgabe.“

Es geht nicht um die politische Farbe

Interessiert, politisiert worden sind sie nach eigenen Aussagen auch durch Satiresendungen wie „Neues aus der Anstalt“ oder Youtube-­Kanälen – nicht zuletzt jenem des schlagartig auch der Ü30-Generation bekannt gewordenen „Rezo“, dessen „CDU-Zerstörung“-Video.

Wie so viele in ihrer Aktivisten-Generation wehren sich die beiden Martin-Luther-Schüler (bis zu den Sommerferien besuchten sie die 10. Klasse) gegen parteipolitische Vereinnahmung. Klar, die Grünen lägen thematisch erst mal vielen näher, hätten aber auch schon so manchen „verärgert“.

„Wichtig ist sowieso nicht, welche politischen Farben es machen, sondern dass etwas gemacht, geändert wird. Jetzt, nicht irgendwann einmal“, sagt Hupfer und springt zurück auf sein Skateboard.

von Björn Wisker

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  • Dinge reparieren statt 
neu kaufen

Für Reparaturen wird wesentlich weniger Material gebraucht als für die Herstellung eines neuen Produkts. In der Region bleiben Reparaturarbeitsplätze erhalten, und es entsteht weniger Abfall. Und: In Marburg, etwa in Cappel gibt es spezielle, ehrenamtlich organisierte „Repair Cafés“.

  • Naturnahe Materialien

Kaufen Sie möglichst naturnahe Materialien, die im Land erzeugt wurden. Achten Sie dabei auf die Qualität und die Möglichkeit zur Reparatur. So bleibt Ihnen das Lieblingsstück lange erhalten.

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Es geht schneller als man denkt: Plötzlich hat sich ein Haufen Plastikfolien, Flaschen und Becher angesammelt – Endstation Mülleimer. Die Lösung ist einfach: Vermeiden Sie Verpackungen. ­Eine robuste „Vielwegflasche“ aus Glas ersetzt zum Beispiel Hunderte Plastikflaschen.

  • Gegenstände teilen

Wir horten Gegenstände. Manche davon sind nützlich, wie etwa eine Bohrmaschine oder ein Rasenmäher. Doch wie oft verwenden Sie diese? Sie können diese Geräte auch mit anderen teilen. Auch Bücher, DVDs oder Sportgeräte sind als Tausch-Objekte geeignet. Treten Sie einer Online-Sharing-Community bei oder gründen Sie Ihre eigene „Teil-und Tauschgemeinschaft“.