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OP-Klimaretter Klimaschutz? „Wir sind nicht weit vorne“
Mehr OP extra OP-Klimaretter Klimaschutz? „Wir sind nicht weit vorne“
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11:23 07.10.2019
Der ARD-Wettervorhersager Sven Plöger spricht im OP-Interview über die deutsche Klimapolitik. Quelle: Henning Kaiser
Marburg

OP: Was halten Sie von dem jüngst von der Bundesregierung vorgelegten Klimakonzept?
Sven Plöger: Direkt den Daumen runter zu strecken und ­alles schlecht zu finden, halte­ ich für falsch. Es sind nämlich durchaus Bemühungen zu erkennen. Da ist ein Ruck, ein Rückchen durch die große ­Koalition gegangen. Es ist ein Impuls. Klar ist aber, dass diese Schritte überhaupt nicht ausreichen, um den Klimazielen auch nur nahezukommen. Die Bepreisung von CO2 ist absolut richtig, aber der Preis von zehn Euro pro Tonne ist viel zu niedrig angesetzt, um irgendeine Wirkung haben zu können. Der Sockel müsste mindestens das Dreifache sein, dürfte nie unter 35 Euro pro Tonne fallen. Nur so lässt sich tatsächlich etwas ausrichten. Das Klimathema, die Folgen dessen, was wir real erleben, ist kein Scherz. Es ist das Gegenteil, es ist bitterer Ernst, denn die weltweiten Veränderungen sind noch viel schneller und extremer als sie selbst pessimistische Wissenschaftler prognostiziert haben. An den Vorhersagen der Klimaforscher vor 20, 30 Jahren kann man erkennen, wie qualitativ hochwertig dieser Wissenschaftszweig arbeitet und wie präzise seine Vorhersagen sind – und wie lange sie außerhalb der Fachwelt ignoriert wurden. Das ist es, was uns Sorgen machen müsste, und dann müssen die politischen und praktischen Maßnahmen zur Klimawandel-Bekämpfung daran angepasst werden. Wir müssen auch mit diesem Mythos aufräumen, wir Deutschen seien ach-so-umweltfreundlich, würden doch schon viel für die Natur tun. So weit vorne sind wir nicht, wir haben bloß eine sehr gute Klima-Rhetorik und glauben deshalb etwas, was nicht stimmt. Man redet sich hier ein grünes Gewissen ein, dabei ist man beim Kohlendioxid pro Kopf und Jahr viel schlechter unterwegs als etwa Indien. Dort sind es knapp zwei, bei uns neuen Tonnen. Alleine deshalb hat insbesondere Deutschland eine Verantwortung für das Klima, müsste Vorreiter und Vorbild werden.

Vortrag in Marburg

Unter dem Titel „Klimawandel – gute Aussichten für morgen?“ spricht Sven Plöger am Dienstag, 15. Oktober, um 20 Uhr im TTZ Marburg (Softwarecenter 3). Eintritt: frei.

OP: Was halten Sie von „Fridays for future“?
Plöger: Die Anfangsphase,­ wo es „nur“ Schüler mit ihren Schulstreiks waren, ist vorbei. Seit geraumer Zeit sind die ­Parents, die Grand-Parents und die Scientists for future dabei – spätestens seitdem Generationen überwunden wurden, ist es eine Bewegung geworden. Eine, die Debatten wie etwa über Migration als Schaukämpfe erkannt hat und die das Behandeln von Symptomen leid ist, nun die Ursachen bekämpfen will. Ohne die Klimafrage ist ­alles nichts; und das haben die jungen Leute erkannt, die natürlich am stärksten unter den Veränderungen leiden werden. Hoffnung gibt es deshalb, weil das die Menschen sind, die politisch in der Zukunft das Sagen haben werden. Die gehen mit neuen Gedanken an die Dinge heran, sind in der Lage, sie wirklich zu verändern. Den heutigen Entscheidungsträgern, den alten, weißen Männern gelingt das kaum. Die Städte von heute sind Autostädte, das werden sie aber morgen nicht mehr sein. Für die jungen Leute ist schon heute der Führerschein nicht mehr das Wichtigste, um ihre Freiheit zu entdecken. Das geht auch anders! Warum sollten sie als Entscheidungsträger eine Stadt also ganz nach dem Auto­ ausrichten? Wie nachhaltig die Jugend kämpft, sieht man ja jetzt schon. Das Thema ist diesmal mehr als nur die „German Angst“, zwei Drittel der Menschen weltweit sehen im Klima die größte Wohlstands-Bedrohung. Es geht letztlich wie so oft ums Geld.

OP: Reden wir derzeit von Aufschrei oder von Alarmismus?
Plöger: Dringend notwendiger Aufschrei gegen unsere träge Reaktion! Natürlich hat es Klima-Veränderungen und Wetter-Extreme immer schon gegeben, ebenso regionale Schwankungen. Entscheidend anders sind aber zwei Dinge: Die Häufung der Wetter-Extreme in den vergangenen 100 Jahren und die Tatsache, dass sich das Klima derzeit schneller ändert als jemals zuvor. Vor 11 000 Jahren, gegen Ende der letzten Eiszeit lagen die Alpen 3000 Meter unter dem Eis, das Klima war „nur“ vier Grad kühler als heute. In den vergangenen 100 Jahren – einer klimageschichtlich lächerlich kurzen Zeitspanne – ist es allerdings ein Grad wärmer geworden. Nochmal: Vier Grad schafft die Natur in 11 000 Jahren und mit unserer Hilfe ein Grad in nur 100 Jahren – das ist der dramatische Unterschied. Was ein weiterer entsprechender Anstieg für Natur, Tiere und Menschen in 200, 300, 400 Jahren – für die Erde eine immer noch kurze Zeitspanne – bedeutet, wie viel Grad wärmer es dann wird, lässt sich mit fünf Fingern ausrechnen. Vorteile bringt eine so drastische Erwärmung nur in kleinen Regionen während kurzer Zeitspannen. Für die meisten sind die Folgen negativ und, wenn wir nichts tun, am Ende unbezahlbar teuer. Vor diesem Hintergrund ist es verblüffend, dass immer noch Menschen wider jede Erkenntnis unseren Einfluss auf das Klima leugnen. Klar, bei der AfD steckt politisches Kalkül und bei Lobby-Verbänden wirtschaftliches ­Interesse dahinter. Aber alle anderen? Warum ersetzt man so oft Physik durch Phantasie und täuscht vor, auf der Sachebene zu diskutieren? Ich vermute nach vielen Gesprächen, dass das mit einem Wertewandel einhergeht: Der Wohlstand, der in den vergangenen Jahrhunderten – gerade auch in Deutschland – auf einem System der Umwelt-Ausbeutung gewachsen ist und vielen Gesellschaften Vorteile brachte, wird jetzt infrage gestellt! Führen wir nämlich alles fort, was uns im 20. Jahrhundert Wohlstand brachte, so wird genau das diesen Wohlstand wieder einkassieren. Dinge, die lange gut und richtig waren, sollen das nun nicht mehr sein? Das ist eine Umdeutung, die gerade von älteren Menschen schlecht verkraftet wird. Statt gegen den Wetter- stellt man sich dann ­lieber gegen den Wertewandel. 

OP: Sie sprechen von einer möglichen Vorreiter-Rolle Deutschlands bei der Klimarettung. Das klingt sehr nach Fukushima und Atomausstieg, wo bis heute kein Staat dem deutschen Weg folgt.
Plöger: Ich bin davon überzeugt, dass wir gerade bei der Energiewende – wenn wir sie richtig von der Leine ließen und uns nicht ständig selbst ausbremsen würden – und dem daraus folgenden Export von Technik und Wissen ganz große Chancen haben. Nehmen wir China: Die beobachten, eben weil sie die riesigen Umweltprobleme haben, ganz genau, was hier wie passiert. Wenn sie unseren Weg nachahmen würden, hätten wir für das Weltklima einiges erreicht. Richtig ist: Die Kernenergie würde die CO2-Emissionen reduzieren, aber es bleibt das Entsorgungs-Problem und der Fakt, dass die nächste Katastrophe bei den ­alternden AKW nur eine Frage der Zeit ist. Die deutsche Vernunftsentscheidung könnte eine sein, um die man uns deshalb noch beneidet. Der Mix aus erneuerbaren Energien, Veränderungen der Mobilität und ein anderes Alltagsverhalten bietet jedenfalls große Potenziale für Klimaverbesserung.

OP: Öko-Themen kommen immer wieder auf. Etwa 1979, Ölkrise:­ Wieso sind wir 40 Jahre nicht schlauer, insgesamt weiter?
Plöger: Das ist das Problem Mensch: Wir sind schwer in der Lage, schleichend fortschreitende Prozesse zu beherrschen. Ein solides Wissen über den Klimawandel liegt seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Doch das Thema ist politisch wie gesellschaftlich immer wieder nach hinten gerutscht, weil stets ­andere Themen dazwischenkamen und zu kommen scheinen. Für die Erdgeschichte ist der Klimawandel ein unglaublich schneller Prozess, für uns Menschen sind 30 oder gar 100 Jahre aber wahnsinnig lang. Es ist eben ein Asteroideneinschlag in Zeitlupe, aber es bleibt eben ein Asteroideneinschlag.

OP: Deutschland hat die CO2-Emmissionen von 1990 bis heute um 27,5 Prozent gesenkt. Die CO2-Schleudern sind eher andere Staaten, die USA, Russland, arabische Länder. Was kann da schon von hier ausgehen?
Plöger: Es ist der Denkfehler, dass man selbst nichts machen muss, weil der Anteil zu klein ist. Erstens, weil sich nichts bewegt, wenn jeder nur auf den anderen zeigt und sagt, er müsse anfangen, sondern es ist zweitens in unserem Fall auch statistisch falsch: Deutschlands Anteil ist nämlich gar nicht so klein. Seit dem Jahr 1750, in all den Jahrzehnten, in denen sich der Wohlstand mehrte, liegen wir auf Platz vier von knapp 200 Ländern; sind also ganz vorne dabei in puncto Emissionen. Die genannte CO2-Reduzierung seit 1990 ist zwar korrekt. Aber das resultiert zu großen Teilen aus der Abwicklung der DDR-Betriebe, die mit Umweltfreundlichkeit nichts zu tun hatten. Seit Jahren marschieren wir mit dem Kohlendioxidausstoß aber nicht weiter nach unten, sondern nur noch geradeaus. Und man darf auch nicht vergessen, dass wir unsere tatsächlichen Emissionen gerne verschleiern. In Asien wird für unseren Markt, unseren Konsum produziert – wir schieben den Schadstoffausstoß denen zu, obwohl es eigentlich unsere sind. Die einzig relevante
Größe ist der Pro-Kopf-Verbrauch, also wie viel CO2-Ausstoß jeder einzelne Mensch rechnerisch verursacht. Von dem, was anderswo an Emmissionen ebenso real wie klimaverträglich ist – etwa zwei Tonnen pro Kopf – sind wir Deutschen weit entfernt. Nochmal: Wir sind leider noch nicht so anständig, wie wir uns das oft einreden.

von Björn Wisker