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OP-Klimaretter Uli Balzer will mit Handeln überzeugen
Mehr OP extra OP-Klimaretter Uli Balzer will mit Handeln überzeugen
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08:00 11.06.2019
Der Niederwälder Uli Balzer hat seine landwirtschaftliche Fläche im Ohmbecken aus der Bewirtschaftung genommen. Dort ist eine wilde Wiese gewachsen und der Nabu hat eine Nisthilfe für Störche aufgestellt. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Niederwald

„Wir rufen jetzt nach Klimaschutz, weil wir erfahren haben, dass sich etwas verändert“, sagt der 48-jährige Uli Balzer. Der Niederwälder will aber nicht nur tatenlos zusehen. Er will vor allem eine Antwort haben, wenn seine Kinder eines Tages fragen: „Was hast du getan?“ Also hat er damit begonnen, die Antwort zu leben. Sein Engagement führt er berufsbedingt auf einen Vortrag von Professor Volker Quaschning zurück, der 2009 während einer Tagung ein düsteres Bild zur Zukunft „unseres Planeten“ zeichnete. Quaschnings Worte haben sich regelrecht eingebrannt. Der Experte für regenerative Energiesysteme sprach davon, dass die prognostizierte Erderwärmung um 2 Grad für die Europäer schon auch gravierend, aber zu händeln sei. Massiver wirke sich die Überbevölkerung und die Völkerwanderung aus. Die Vorstellung daran verfehlte bei Balzer nicht ihre Wirkung.

Es kreucht und fleucht auf Uli Balzers Wiese

Als 2010 Sohn Jakob zur Welt kam, wusste Balzer: „Ich muss was tun.“ Den Umbau einer Scheune am Elternhaus plant Uli Balzer als Plus-Energie-Haus. Solarthermie und Erdwärme liefern Energie für Warmwasser und Heizung, und Fotovoltaik erzeugt Strom, gedämmt ist das Eigenheim mit Holzfaserdämmwolle. Das Haus der Balzers erzeugt mehr Strom als die Familie verbraucht.

Das ist dem zweifachen Familienvater nicht genug, auch wenn der Umbau kostspielig war und alle finanziellen Ressourcen in des Projekt geflossen sind. „Klimaschutz hat auch was mit Geld zu tun und es stellt sich die Frage, was einem das wert ist“, sagt er. Deshalb muss seine Familie bei seinen Vorhaben mitziehen. Sein jüngstes Projekt ist die Schaffung von Lebensraum für Insekten und Vögel. Je mehr Fläche landwirtschaftlich genutzt wird, umso weniger Platz gibt es für Tiere. Deshalb hat Uli Balzer zunächst eine Wiese von 0,8 Hektar im Ohmbecken aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen. Für seine Idee hat er beim Ortslandwirt geworben und eine weitere seiner Ackerflächen mit einer Bienenkräuter-Samenmischung eingesät. „Der Landwirt war sehr offen für die Idee und hat sogar die Samenmischung gespendet“, sagt Balzer. Die Wiese im Ohmbecken wird seit einem Jahr nicht mehr gemäht. An der Ohm finden dort nun Insekten und Vögel Nahrung und können sich verstecken.

Klimaretter-Tipps

  • Lesertipp: Ich fände es toll, wenn man Ackerrandstreifen von lokalen Landwirten kaufen oder pachten könnte, um darauf beispielsweise zaunfrei Streuobstwiesen, Blumenwiese oder Hecken anlegen zu können. Warum sollten immer nur Landwirte für Landschaftspflege zuständig sein, oder vorgehalten bekommen, sie würden sich nicht kümmern? Als Bürgerin würde ich mich sehr gerne (extensiv) um ein Stück Landschaft kümmern (á la Kleingarten, nur dann langgezogeneres Grundstück). Vorteile: Neben eines guten Gewissens sind eine höhere CO2-Speicherung im Boden unter Grünland gegenüber Ackerland (damit die Möglichkeit zur Verringerung meines persönlichen CO2-Fußabdrucks) sowie Rückzugsgebiete für viele heimische Tierarten möglich. (Einsenderin: Ina Mulder)
  • Insektenhotel: Durch den menschlichen Eingriff hat sich die Naturlandschaft stark gewandelt, sodass die natürliche Lebensräume für Insekten immer weniger werden. Abhilfe schafft ein Insektenhotel, welches den kleinen Insekten beim Nisten und Überwintern hilft. Insektenhotels kann man selbst bauen. Anleitungen dazu finden sich im Internet. Oder man kauft bereits ein fertiges im Handel.
  • Bienenvölker: Bienenvölker können in der Stadt oder auf dem Land gehalten werden. Gerade die Stadtimkerei erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Doch der Standort sollte gut überlegt sein. Er muss warm und windgeschützt sein. Wer keine Aufstellfläche hat, kann sich umhören. Die Bereitschaft, einem Imker Platz für seine Bienenvölker zu geben, ist größer als man denkt (siehe Artikel oben). Beim örtlichen Imkerverein kann man sich nach einem Stellplatz umhören. In Kirchhain gibt es das Bieneninstitut, das weitere Auskünfte zum Thema Bienen erteilen kann, zum Beispiel rund um die Haltung, die Standortwahl, die Qualität und die Zucht. Weitere Infos auf: www.llh.hessen.de/bildung/bieneninstitut-kirchhain/

Wenn Uli Balzer durch dieses Stück Wiese läuft, überkommt ihn ein gutes Gefühl. „Ich denke, dass ich etwas Gutes getan habe. Es fühlt sich so an, als ob man jemanden beschenkt“, sagt er. Außerdem kann der Niederwälder unmittelbar erkennen, was sich auf seiner Wiese verändert hat – im direkten Vergleich. Denn genau an seine Wiese grenzt eine andere, die weiterhin landwirtschaftlich genutzt wird. Auf seiner Wiese tummeln sich zwischen den hohen Grashalmen und den Feldblumen jede Menge kleine Lebewesen – auf der anderen ist ein weniger emsiges Treiben.

Darauf, dass sich auf dieser Wiese auf der neuen Nisthilfe ein Storchenpaar niederlässt, um seinen Nachwuchs aufzuziehen, wartet Uli Balzer noch. Vermutlich wird das erst im nächsten Jahr der Fall sein. Aber: Die Nisthilfe wurde schon erkundet. Am Pfahlende der meterhohen Nisthilfe deutet der Kot der Störche darauf hin, dass sie zumindest mal in die engere Auswahl kam. Brütet ein Storchenpaar dort, wäre es in guter Gesellschaft.

„Im Landkreis nisten 34 Störche, 17 davon im Umkreis der Radenhäuser Lache“, sagt Storchenbeauftragter Winfried Kräling. Er hat in seiner aktuellen Bestandsaufnahme 66 Jungstörche gezählt. Für Uli Balzer war das Aufstellen der Nisthilfe eine Herzensangelegenheit. Er ist überzeugt, dass der Standort optimal ist. Die Nisthilfe steht in unmittelbarer Nähe zum Ufer der Ohm und unter ihr breitet sich ein statt grüner Grasteppich mit Bienenpflanzen und Kräutern aus.

Balzer weiß, seine Möglichkeiten zur Rettung des Klimas sind begrenzt, aber er steckt deshalb nicht den Kopf in den Sand. Er ist aktiv, statt nur zu Lamentieren. Wenn sein geringer Beitrag dazu führt, dass er andere überzeugen kann, beim Klimaschutz mitzumachen, dann „haben wir eine Chance“, sagt er. Er weiß auch, dass er kein Engel ist, was Klimasünden angeht. Er denkt, er müsste noch viel mehr machen, deshalb hadert er mit sich.

Mitmachen

So können auch Sie sich an der Serie beteiligen und Klimaretter werden: Neue Serie der OP sucht Ideen zum Klimaschutz.

„Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, sich daran zu beteiligen, die Welt ein Stück besser zu machen.“ Für den 48-Jährigen kommt es darauf an, dass jeder für sich ein Bewusstsein für den Klimaschutz entwickelt. „Kleinigkeiten reichen schon“, sagt er. Eine Kleinigkeit für ihn: ­Imkern Standorte für Bienenvölker überlassen. Die Bienenvölker der Ohäuser Mühle – zeitweise bis zu 50 – sind bereits an einen anderen Standort gebracht worden. Reifenspuren auf dem Feldweg, auf dem das Gras hoch steht, sind für Balzer ein Zeichen, dass die Bienenvölker umgesiedelt worden sind. Auf einer anderen Wiese stehen noch die Bienen eines Großseelheimer Imkers.

Balzer mischt mit, wenn es um den Schutz der Umwelt geht, so auch in der Kirchhainer Stadtpolitik. Später will er seinen Kindern sagen: „Jungs, ich bin bei den Grünen gewesen. Ich habe versucht, die Welt ein wenig besser zu machen.“

von Silke Pfeifer-Sternke