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OP-Klimaretter Klimaschutz und der Sturz des Kapitalismus
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21:00 13.06.2019
Clara (rechts), Felix und Lilian sind Teil der Marburger Klimagruppe, die sich für Umweltbelange engagiert. Dazu zählt auch Protest, ob bei „Fridays for future“ oder vergangenes Jahr für die Rettung des Hambacher Forst. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Sie sitzen im prallen Sonnenschein auf einem Baumstamm im Vitos-Park. Umringt von Holzstapeln, von den Überbleibseln jener jahrhundertealten Eichen, die vor kurzem ­gefällt wurden, schauen sie ins Grüne. Und dass die drei Marburger nun auf eben diesen chirurgisch abgeschnittenen Baumstämmen in der Sommerhitze statt unter schattenspendendem Geäst sitzen, sorgt sie. Denn es ist genau eines der Probleme, das sie als Mitglieder der Klimagruppe in der Universitätsstadt angehen wollen: „Umwelt, Natur- und somit Klima­belange, die sind nicht in den Köpfen der Menschen, der Politik gespeichert. Im Gegenteil, statt selbstverständlich mitzudenken, herrscht Arg- und Sorglosigkeit. Wieso musste man die Bäume fällen, wen hätten sie am Rand eines Parks denn bitte gefährden sollen?“, sagt Felix (27) mit verständnislosem Blick. Und als ob der Baumfällung – offiziell galten die Eichen als pilzbefallen, krank und daher verkehrsgefährdend – nicht genug Symbolik innewohnen würde, liegt auf einem der Stämme auch noch Plastikmüll.

Der Student sieht in dem Bild im Vitos-Park ein Indiz dafür, dass Natur-, Umwelt- und somit Klimaschutzfragen „noch sehr weit davon entfernt sind, automatisch in den Köpfen zu sein“. Dabei müsse genau das passieren, alles staatliche, aber auch persönliches Alltags-Handeln dem 1,5-Grad-Ziel aus dem ­Pariser Klimaschutzabkommen aus dem Jahr 2016 untergeordnet werden. „Wenn wir die Klimakrise nicht hinkriegen, ist alles andere eh egal. Die Umweltfrage schwebt über allem, über ­allen Zukunftsplänen jedes Einzelnen heute, morgen und erst recht übermorgen“, sagt Lilian, eine 26-jährige Studentin. „Worum es geht, wieso wir kämpfen, das ist keine romantische, sondern eine ernste Sache“, sagt Clara, 20-jährige Studentin. 

Klimaretter-Tipp

Reste in Dosen und Strampeln fürs Klima

„Hallo liebes OP Team, ich ­benutze sämtliche Tüten von Verpackungen noch als kleine Müllbeutel.
Sei es, wenn ich mal doch ein dünnes Tütchen für Obst kaufe (normal habe ich ein Mehrwegnetz) oder auch Verpackungstüten von Toilettenpapier, Küchenrolle und Ähnliches verwende ich als Müllbeutel. Leere Eisschalen und Margarinedosen wasche ich aus und verwende sie als Aufbewahrungsboxen. Zum Beispiel, wenn ich meiner Schwester etwas Essen mitgebe. Das hat auch den Vorteil, dass ich diese Dose dann nicht unbedingt zurück brauche.

Genauso halte ich es, wenn auf Festen Speisen übrig sind. Dann bekommen die Gäste sie in diesen Dosen mit. 

Von Frühjahr bis Herbst fahre ich zudem mit dem Rad zur Arbeit nach Kirchvers.

von Renate Linker El Badry, OP-Leserin

Aber warum? „Natur gibt mir ganz persönlich Kraft, sie ist ein Rückzugs- und Erholungsort. Das darf nicht kaputt gehen, für niemanden“, sagt Lilian. Sie streift gerne durch den Dammelsberg, einem Waldgebiet das von der Stadt Marburg seit langem faktisch gesperrt ist, sich dort niemand mehr etwa­ um Baumschnitt oder Verkehrssicherheit kümmert und wo es eben deshalb naturbelassener ist als in den meisten urbanen Gegenden. Kaum greift niemand mehr ein, holt sich die Natur Lebensraum zurück – für die 26-Jährige ist das so ein Rückzugsort und vor allem ein Vor-Ort-Beispiel, ein Mosaik für angemessene Klimapolitik.

Denn auf Klima könnten letztlich viele andere Probleme auf der Welt zurückgeführt werden, sagt Clara. Die 20-Jährige lebte damals, im Jahr 2015 noch in Hamburg, erlebte dort die Flüchtlings-Krise. „Wie nah uns die Probleme der Welt sind, ist mir da klar geworden.“ Sie habe gesehen, „wie unperfekt das ­Leben für viele Menschen ist. Es gibt so viel zu verbessern und ich will meinen Beitrag leisten.“ Das „Rumdoktoren an Symptomen“, wie sie im Hinblick auf frühere ­ehrenamtliche Aktivitäten sagen, habe ihnen nicht mehr gereicht. „Es läuft grundsätzlich etwas schief und es muss sich grundlegend etwas verändern“, sagt Clara.

Die Gruppe ist kein Sammelsurium von Öko-Liebhabern, es sind vor allem Systemkritiker: Den Aktivisten schwebt eine gänzlich andere Gesellschaft vor – fern von Massenkonsum, Lohn- und Erwerbsarbeit, der höher-schneller-weiter-Logik­ des Kapitalismus. Stattdessen:­ Umweltverträgliche Energie-­Gewinnung bei minimiertem­ Energie-Verbrauch, Warenproduktion nach Bedarf, nicht mehr in Massen, weg von Geld und Hierarchien und hin zu ­einer weltumspannenden Solidargemeinschaft, einer „Schicksalsgemeinschaft Mensch“. Sie träumen – etwa für das Stromsparen – von ­„weniger Netflix-Glotzen im eigenen Wohnzimmer und mehr gemeinsamen Spieleabenden in einer Wohngemeinschaft“. Nicht, weil es besser, gar weil es das Richtige, sondern weil es nötig ist, wie sie im Hinblick auf Resourcen-Ausbeutung, Erderwärmung und Co. meinen. „Die Erde wird ihren Weg gehen, mit oder ohne Menschen“, sagt Felix.

Menschen wie er, seine Mitstreiterinnen Clara und Lilian­ sehen sich oft Vorwürfen, vor allem dem der Doppelmoral ausgesetzt: Freitags die Schule schwänzen und für das Klima protestieren, aber in den Schul- oder Semesterferien mit dem Flugzeug in ferne Länder jetten. Kern der Kritik: Die Aktivisten, die Demonstranten halten sich nicht an das, was sie von anderen fordern – eben die alte Unterstellung an Grünen, deren Wählern und Sympathisanten, an allen Moralisten. Aber passt die pauschale Kritik auf die konkreten Menschen? Im Fall der drei Marburger jedenfalls nicht, auf sie trifft eher ein Klischee, das der Weltenverbesserer zu: Vegetarische Ernährung mit möglichst viel Selbstversorgung, grundsätzlich knappest möglicher Konsum von Gütern und Waren, Müll vermeidend und ohne Auto unterwegs – erst recht nicht mit Flugzeugen oder auf Kreuzfahrtschiffen im Urlaub.

Doch selbst wenn es anders wäre, sie qua Lebensstil nicht zu den Vorzeige-Vorkämpfern zählten:­ Verzicht sei nicht der entscheidende Punkt, sagt Lilian: „Man muss nicht krampfhaft, verzweifelt versuchen, durch die totale Umstellung der eigenen Lebensweise das Klima zu retten. Es geht viel eher um kleine Schritte, darum, Spaß an alternativen Herangehensweisen und Lebensmodellen zu finden. Das erfordert erst mal nur, bewusster zu leben. Obst und Gemüse mal selbst anbauen, vielleicht findet man Gefallen und Lust daran – schon ist ein wichtiger Schritt getan. Jeder sollte seine eigene kleine Utopie­ ­leben.“ Dadurch entwickele­ man „gemeinsam Alternativen­ zu nicht nachhaltigen ­Lebensweisen“. Entscheidend sei die Veränderung auf der wirtschaftlichen und politischen Ebene: „Im Supermarkt ist es ja nicht mal demjenigen, der das will, möglich, Plastik zu vermeiden. Muss das so sein? Nein, aber sowas kann der Einzelne kaum ändern.“ Die Marburger Klimagruppe plädiert auch deshalb dafür, dass auch Politik und ­Institutionen Sozial-Experimente fördern.

Machen Sie auch mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und ­unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten? Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre Ideen und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen.­ Per Post an die Oberhessische Presse, Stichwort: Klimaretter, Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine
E-Mail an feedback@op-marburg.de

Mehr Infos gibt es unter www.op-marburg.de/klima

Alternative Wohn- und Lebenskonzepte – in Marburg kämpft der Wagenplatz / Gleis X derzeit um das Überleben – zählen ihrer Auffassung nach ebenso dazu wie Mitmachgärten, Bio-produkt-Höfe wie „Allmende­ Holzhausen“ oder eine Verkehrsverminderung. Eine auto­freie Innenstadt in Marburg? Für die Klimagruppen-Mitglieder keine Frage des Könnens, sondern eine des Wollens. „Das Geld, das man heute in falsche, veraltete Sachen steckt, könnte man genauso gut in andere, in die richtigen, nötigen, zukunftsweisenden Dinge investieren und damit grundsätzliche Veränderungen herbeiführen“, sagt Felix. Aber: Es sei klar, dass „eine Lösung innerhalb dieses auf Geld und Wirtschaftswachstum ausgerichteten Systems nicht möglich ist“.

von Björn Wisker