Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP-Klimaretter Autofasten-Gruppe zieht Bilanz
Mehr OP extra OP-Klimaretter Autofasten-Gruppe zieht Bilanz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:18 14.07.2019
Die Initiatoren von „Einstieg in den Umstieg“ stiegen aufs Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel um. Quelle: Carsten Rehder
Marburg

Die Erfahrungen des Quartetts, das die OP acht Wochen beim „Autofasten“ begleitete, im Schnelldurchlauf:

  • Für Silvia Brambring hat sich „die Lebensqualität erhöht“.
  • Stefanie Mai freut sich darüber, dass sie mit ihren Kindern in gute Diskussionen darüber gekommen ist, warum sie sie nicht mit dem Auto von A nach B kutschieren kann.
  • Ann-Marie Weber meint, dass eine Lösung vieler Mobilitätsprobleme darin läge, im Kreis mehr kostenlose Lastenfahrräder zur Verfügung zu stellen.
  • Und Johannes M. Becker bilanziert zufrieden: „Wir haben viele Menschen nachdenklich gemacht.“

Acht Wochen lang hatten Mai, Becker, Brambring und Weber versucht, auf die Nutzung ihrer Autos zu verzichten. Für die in Cappel lebende Silvia Brambring waren die zwei Monate der Start in ein konsequent autofreies Leben – bis auf einen „Notfall“ bewegte sie ihren Smart keinen Meter.

Klimaretter-Tipps

  • Schlau unterwegs
    - Legen Sie kurze Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Im städtischen Nahverkehr bringen Sie öffentliche Verkehrsmittel im Handumdrehen an den Zielort. Für längere Strecken macht es Sinn, Bus, Bahn oder Mitfahrzentralen zu nutzen.
    - Carsharing ist eine hervorragende Alternative für alle, die nur gelegentlich ein Fahrzeug nutzen. Das ist praktisch, soll aber nicht dazu einladen, nun einfach ins Auto zu hüpfen, anstatt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder Fahrrad zu fahren.
    - Borgen Sie ein Lastenfahrrad aus. Damit bringen Sie Ihren Großeinkauf umweltbewusst nach Hause. Und das abendliche Fitnessprogramm sparen Sie sich auch.
    - Gründen Sie eine Fahrgemeinschaft. Fragen Sie doch bei Ihren Nachbarn oder Kollegen nach, ob sie nicht manchmal den gleichen Weg haben. Dann können Sie sich absprechen und zumindest ein Auto stehen lassen. 
  • Runter vom Gaspedal
    - Lassen Sie das Auto möglichst oft stehen. Das ist die nachhaltigste Art der Fahrzeugnutzung. Verbinden Sie etwa Einkäufe per Pkw mit dem Heimweg von der Arbeit. Das erfordert zwar etwas Planung, spart aber Lebenszeit und unnötige Kilometer.
    - Kleineres Auto, weniger Kraftstoff: Überlegen Sie vor dem Kauf des nächsten Autos, wie Ihre Zukunfts- und Familienplanung aussieht.
    - Wenn‘s nicht ohne Autofahren geht: Entfernen Sie unnötigen Ballast aus dem Fahrzeug und montieren Sie den Dachträger bei Nichtgebrauch ab. Die Klimaanlage zudem nur sparsam einsetzen.
    - Auch wenn noch viele Argumente dagegen zu sprechen scheinen: Ziehen Sie ein Elektroauto zumindest vor einer Kaufentscheidung in Betracht. Es ist um ein Vielfaches weniger klimaschädlich als Autos mit Verbrennungsmotoren. Das trifft aber nur bei der Verwendung des „richtigen“ Stroms zu. Wenn Ihr Auto mit Kohle- oder Atomstrom betrieben wird, tun Sie der Umwelt damit nichts Gutes.
    - Fahren Sie umsichtig. Das spart Kraftstoff und schont die Nerven: genügend Abstand halten, den Verkehr um sich herum beobachten, mit den Fehlern anderer rechnen. Bis zu 30 Prozent Sprit kann sparen, wer rechtzeitig den Gang wechselt und möglichst konstant bei 2 000 Umdrehungen pro Minute fährt. 
  • Nachhaltig Reisen
    - Machen Sie Urlaub in Europa. Oder gar in Deutschland! Die Distanz zum Urlaubsort entscheidet maßgeblich über die Auswirkungen Ihres Vergnügens auf die Umwelt.
    - Nutzen Sie Bus und Bahn. Gerade bei Kurzstrecken liegt das auf der Hand. Doch auch längere Distanzen können oft problemlos über Land zurückgelegt werden. So können Sie sicher sein, dass Sie entschleunigt am Zielort ankommen.
    - Respektvoller Umgang mit Natur und Menschen. Vermeiden Sie Sportarten, die das ökologische Gleichgewicht stören. Dazu zählt Golfspielen in trockenen Gebieten ebenso wie motorisierter Wassersport.
    - Flüge besser vermeiden. Flugreisen sind aus Klimasicht besonders problematisch. In einer globalisierten Welt ist es gar nicht einfach, auf Fliegen zu verzichten. Versuchen Sie es trotzdem.
    - Reisen Sie öko. Inzwischen gibt es viele Anbieter, die auf Öko-Reisen setzen und nachhaltigen Tourismus in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung anbieten.
 Quelle: www.muttererde.at

„Ich bin sogar dazu übergegangen, mit dem Bus zum Einkaufen zu fahren“, erzählt sie und räumt gleichzeitig ein: „Mir ist schon klar, dass ich es von uns allen am leichtesten habe, weil ich nicht mehr arbeite und nicht außerhalb Marburgs auf dem Dorf lebe.“ So wie Ann-Marie Weber, die drei kleine Kinder hat, im Südkreis in Holzhausen lebt und ihren Alltag zwischen Familie und Beruf zu organisieren hat.

Kein Wunder, dass sie hauptsächlich die Probleme des Lebens ohne das Auto vor der Haustür sieht, wo die übrigen „Umsteiger“ von den Vorteilen schwärmen. So muss Ann-Marie Weber wohnortbedingt zweimal so viel für eine Bus-Monatskarte ausgeben wie Stefanie Mai, die in Kleinseelheim lebt. „Die zum Teil hohen Ticketpreise sind der Genickschuss für die Nutzung von Bus und Bahn“, sagt Becker, der es selbst als Marburger Südviertelbürger vergleichsweise einfach hatte, sein Auto stehen zu lassen: „Ich bin der wirkliche Teilzeitheilige von uns.“ Am wichtigsten war dem Friedens- und Konfliktforscher, durch die Aktion möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, und er bilanziert zufrieden: „Die Politik hat den Blick auf uns gerichtet.“ Silvia Brambring ergänzt, dass die Gruppe „Einstieg in den Umstieg“ mittlerweile auch nach Wetzlar und Cölbe eingeladen wurde, um dort über ihre Erfahrungen zu berichten – ein beachtlicher Erfolg und ein Beleg dafür, dass die Gruppe auch außerhalb des Landkreises wahrgenommen wurde. „Wir sind eine Art Blaupause für ähnliche Aktionen in anderen Städten geworden, das ist ein Erfolg“, meint Becker.

Im August wollen sich die Organisatoren an die detaillierte Auswertung ihres Experiments machen und eine umfassende Dokumentation ihrer Aktion erstellen. Und in der Zwischenzeit wollen sie auf jeden Fall den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen. „Ich mache weiter“, sagt etwa Stefanie Mai, die jedes Mal, wenn sie in Kleinseelheim an der Haltestelle auf ihren Bus wartete, mit Dorfbewohnern über den „Einstieg in den Umstieg“ ins Gespräch kommt: „Das hat schon Wellen geschlagen, die Menschen interessieren sich für das Thema und fragen mich, wie‘s denn so klappt.“ 

von Carsten Beckmann