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OP-Klimaretter Mit einer Pferdestärke in den Kurzurlaub
Mehr OP extra OP-Klimaretter Mit einer Pferdestärke in den Kurzurlaub
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17:00 28.05.2019
Nach dem dreieinhalbstündigen Ritt haben sich Haflinger Jolly Jumper, Warmblut-Stute Prisby und die Reiterinnen Melanie Geißler (rechts) und OP-Redakteurin Silke Pfeifer-Sternke eine Pause verdient. Quelle: Tobias Hirsch
Schweinsberg

„Immer, wenn ich zu dir geschaut habe, hast du geschlafen“, sage ich nach einer schlaflosen Nacht im Zelt. „Immer wenn ich zu dir geschaut habe, hast du geschlafen“, antwortet Melanie Geißler. Offensichtlich ist die angeblich schlaflose Nacht im Zelt auf der Reitsportanlage der Pferdefreunde Schweinsberg doch nicht ganz ohne Schlaf. Aber in einem Punkt herrscht Einigkeit. Der Ruf des Kuckucks ist real.

Mit unserem Kurztripp im Zelt liegen wir voll im Trend. Die Zahl der Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen ist 2017 auf 31,1 Millionen gestiegen. Das Campen in der Region hat einen weiteren Vorteil: Es schont die Umwelt.

Man muss aber nicht ganz auf Pferdestärken verzichten. Ein Umstieg vom Auto aufs Pferd ist mal was anderes. Für Melanie Geißler auf Haflinger Jolly Jumper und für mich auf Warmblut-Stute Prisby führt der Weg vergangenes Wochenende von Niederwald nach Schweinsberg. Der Wanderritt ist zwar nur eine Nische im ­Urlaubssegment, für Reiter aber sehr besonders, wegen der engen Bindung ans Pferd. Entscheidend ist die richtige Ausrüstung: Beim Pferd darf während des Ritts nichts scheuern oder Druckstellen verursachen.

Ein Pferd läuft ungefähr 5,5 Stundenkilometer schnell im Schritt. Das lässt sich per App messen. Die Strecke von Niederwald nach Schweinsberg beträgt ungefähr 14 Kilometer. Also müssten Pferd und Reiter ungefähr drei Stunden unterwegs sein – ohne Pausen.

Klimaretter-Tipps

  • Fliegen liegt voll im Trend, doch Urlaubsreisen mit dem Flugzeug ist auch die klimaschädlichste Art der Fortbewegung. Ein Flug von Deutschland auf die Malediven und zurück verursacht nach Angaben des Umweltbundesamtes (Entfernung: 2 mal 8 000 Kilo­meter) pro Person eine Klimawirkung von mehr als fünf Tonnen Kohlendioxid. Mit einem Mittelklassewagen kann man dafür bei einem Verbrauch von 7 Litern auf 100 Kilometern mehr als 25 000 Kilometer fahren.
  • Um die Umwelt zu schonen, sollte man so wenig wie möglich fliegen. In Europa kann man mit dem Zug oder der Bahn fast jedes Ziel erreichen. Auch in der Region gibt es viele Möglichkeiten, um Urlaub vom Alltag zu machen.
  • Einen Überblick über Wanderreitstationen im Naturpark Hoher Vogelsberg findet man auf der Homepage www.reitstationen.de. Eine Karte mit Reitstationen im Naturpark Lahn-Dill-Bergland stellt der Verein Naturpark Lahn-Dill-Bergland zur Verfügung unter www.lahn-dill-bergland.de
  • Reitanfänger und erfahrene Reitsportler finden ein passendes Angebot von Ferienhöfen, die Reiturlaub anbieten auf der Homepage www.landsichten.de/hessen/
  • Campingplätze in der Region gibt es im Landkreis Marburg-Biedenkopf in Lahntal-Brungershausen, in Gemünden-Wohra, in Steffenberg, in Marburg und in Lahntal-Kernbach.
  • Wohnmobilstallplätze gibt es in Amöneburg, in Bad Endbach, in Biedenkopf, in Gladenbach, in Rosental, in Marburg, auf der Sackpfeife in Biedenkopf und in Wetter.

Die Pferdefreunde hatten zum Sternritt geladen – zum zweiten Mal bereits. Zur ersten Aktion kamen 50 Reiter mit ihren Pferden. Damals seien die Mitglieder des Vereins an ihre Grenzen geraten, sagt Organisatorin Kerstin Estor. Deshalb ist diesmal die Teilnehmerzahl begrenzt. Rund 20 Reiter sind angemeldet und machen sich auf den Weg nach Schweinsberg, Weitere reiten aus den umliegenden Orten nach Schweinsberg, pausieren und treten dann wieder den Heimweg an. Die letzten Wanderreiter des Sternritts erreichen gegen 18 Uhr das Ziel. Gestartet sind sie in Wetter. Am Ziel gibt es eine Banane für die Pferde

Melanie und ich treffen am Nachmittag am Ziel ein. Per pedes allerdings, weil der Hintern vom dreieinhalbstündigen Schritt-Ritt weh tut. Am Ortseingang wird abgestiegen und die Pferde werden zum Reitplatz geführt. Vorbildlich, wie Melanie Geißler sagt. In ihrer Berittführer-Prüfung lernte sie, dass Wanderreiter einen Kilometer vor dem Ziel absteigen und den Sattelgurt lockern sollen.

Das Absteigen ist auch unter einem anderen Aspekt genau richtig: Hinter der Schranke zum Gelände der Pferdefreunde Schweinsberg empfangen Vereinsmitglieder die Sternritt-Teilnehmer mit Sekt und Bananen. Das Obst ist für die tierischen Begleiter, die Reiter nehmen freudig das Glas Sekt entgegen – es ist fast so, als wird einem Ironman-Sportler auf den letzten Kilometern ein Glas Wasser gereicht. Das Sektglas ist in wenigen Zügen gelehrt. Das liegt auch daran, dass sich das Wetter von seiner besten Seite zeigt. Kerstin Estor befürchtete, dass das Schmuddelwetter der Tage zuvor, den Ritt ins Wasser fallen lässt. Deshalb wird vorgesorgt: Für alle Camper wird ein trockenes Nachtlager organisiert. Eine Alternative zum Campen ist an diesem Wochenende aber nicht nötig. Vielmehr ist Sonnencreme angesagt.

Wir sind mit unter den Ersten am Ziel. Auf einem Tisch liegen noch etliche Namensschilder der Sternritt-Teilnehmer, die noch erwartet werden.

Nach dem freundlichen Empfang steht zunächst die Pferdepflege auf dem Programm: absatteln, Hufe auskratzen, Fell bürsten und mehrere zehn-Liter-Eimer mit Wasser zum Wiesenpaddock tragen. Während die Reiter noch schwitzten, grasten die Pferde bereits genüsslich.

Erst eine Stunde nach der ­Ankunft können sich die Reiter um ihr Wohl kümmern. Denn nach der Pferdepflege steht der Aufbau des Zeltes auf dem Programm.

Serie

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten? Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Wir suchen kleine, große und großartige Geschichten von Menschen, Unternehmen und Vereinen rund um das Thema Klimaschutz mit Projekten, die man sehen, anfassen, fühlen und auch selbst umsetzen kann.

Einsendungen gehen per Post an Oberhessische Presse, Stichwort: Klimaretter, Franz-Tuczek-Weg 1 35039 Marburg oder per E-Mail an: feedback@op-marburg.de

Zur Erholung ist ein Outdoor-Wellness im Angebot. Auf einer Wiese vor den abgesteckten Pferdepaddocks steht eine­ Zinkwanne. Gleich daneben ein großer Kessel. Das Wasser darin wird mit Holz auf Temperatur gebracht. Zum Baden muss das Wasser nur umgefüllt werden. Wer sich ins Nass wagt, kommt erfrischt wieder aus der Wanne. Nach dem Freiluftbad wartet Kaffee und Kuchen zur Stärkung im „Saloon“.
Bei der Vorbereitung des Nachtlagers fällt mir ins Auge, dass ich zwar an den Schlafsack, aber nicht an eine Decke gedacht habe. Zu allem Überfluss erhalte ich eine Whats­App-Nachricht: Na, Kopfkissen vergessen?Richtig. Zum Glück befindet sich eine frisch gewaschene Abschwitzdecke fürs Pferd im Gepäck, die zum Schutz vor der Kälte über Nacht zum Einsatz kommt.

Toastbrote in der Satteltasche

Für Melanie Geißler ist es nicht der erste Wanderritt, an dem sie teilnimmt. Sie verfügt über alle übernachtungswichtigen Dinge: Kopfkissen, Kuscheldecke und Lampen. Während des Ritts ist ihre mitgeführte Satteltasche, in der sich belegte Toastbrote und Getränke befanden, ein absolutes Muss.

Wir waren nicht die Einzigen, die sich für den Kurzurlaub im Zelt entschieden haben. Kerstin Estor erzählt am nächsten Morgen während des Frühstücks unter freiem Himmel, dass rund 30 Übernachtungsgäste auf der Anlage geschlafen haben, einige in einem Gemeinschaftszelt, andere haben eigene Zelte aufgeschlagen, es wurde im Pferdeanhänger genächtigt, in Wohnwagen oder Wohnmobilen. Die Aussicht auf eine Nacht im Wohnwagen, fühlte sich an diesem Morgen an wie eine Nacht im Fünf-Sterne-Hotel. Allerdings ist dies der Tatsache geschuldet, dass ich hautnah erfahren habe, dass bei der Camping-Ausrüstung nicht gespart werden darf.

Mein Fazit zum Campen: Mit der richtigen Ausrüstung könnte ich zum Wiederholungstäter werden. Der Kurztripp hat trotz aller Anstrengung viel Spaß gemacht. Allerdings war die Reit-Tour nicht komplett klimaneutral. Um die Ausrüstung zum Zeltplatz zu bringen, kam mehr wie eine Pferdestärke zum Einsatz.

von Silke Pfeifer-Sternke