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OP-Klimaretter Schulgarten im Winter – geht da was?
Mehr OP extra OP-Klimaretter Schulgarten im Winter – geht da was?
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10:00 10.12.2019
Beim Herstellen von Spiralen für Dörrobst bleiben nur die Schalen von unbehandelten Äpfeln dran. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

In gemäßigten Klimazonen sind die Äpfel das bei Weitem wichtigste Baumobst. Wer frühe, späte und lagerfähige Sorten im Garten hat, der ist fast das ganze Jahr über mit Äpfeln versorgt. Im Sommer kann es eine Lücke geben, aber da hat man in der Regel genügend Beerenfrüchte.

Dies und noch viel mehr lernen die Kinder der Schulgarten-AG für die 3. und 4. Klasse. Sabine Clement leitet diese AG als Pädagogin im Rahmen des Nachmittagsangebots der Ganztagsbetreuung seit 2014. Seit einem Jahr bietet sie auch eine Schulgarten-AG für Schüler der 5. bis 7. Klassen an. Außerdem wird der Schulgarten von einer Lehrerin für das Fach Arbeitslehre in der 5. Klasse genutzt.

Ökobilanz ist nicht 
leicht zu ermitteln

Die Ockershäuser Pädagogin und Kräuterkundlerin Sabine Clement ist, neben der Arbeit in der Schule, seit vielen Jahren der Natur auf der Spur, bietet über verschiedene Institutionen – wie die Volkshochschule – Kurse und Exkursionen an.
Das Thema Äpfel sei bei den Schülern auf großes Interesse gestoßen, sagt die Pädagogin. Neben der Bedeutung des Konsums von Äpfeln spielen dabei die Nachhaltigkeit und – heute aktueller den je – der Klimaschutz eine tragende Rolle.

So philosophieren die Schüler, wie Handel nachhaltiger und gerechter zugehen könnte Grundsätzlich gilt: Wer überwiegend saisonal Äpfel aus der Region einkauft, der unterstützt lokale Betriebe, und er tut auch der Natur etwas Gutes. Und je länger und aufwendiger ein Produkt transportiert werden muss, desto schlechter wirkt sich das letztlich auf dessen ökologischen Fußabdruck aus.

Klimaretter-Tipps

  • Supermodels im Supermarkt: Perfekt, makellos, knackig. Wie geklont liegen die Äpfel in den Regalen – Ware für einen internationalen Markt, in dem zu viel Vielfalt stört. Früher hatte jede Region ihre Lieblinge. Allein in Deutschland wurden über 3.000 Apfelsorten kultiviert. Mittlerweile spielen nur noch zehn bis 15 von ihnen eine wirtschaftliche Rolle. Bei den Neuzüchtungen werden die wertvollen sekundären Inhaltstoffe (Polyphenole) weggezüchtet weil der Verbraucher angeblich nicht möchte, dass der aufgeschnittene Apfel schnell braun anläuft. Eine der Folgen wegen der fehlenden Polyphenole ist eine Zunahme von Apfelallergien. Dann werden vermehrt Äpfel mit Smart-Fresh behandelt, damit die äußere Schale so bleibt wie frisch vom Baum gepflückt. Bei jedem Monat Lagerung gehen wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Die amerikanische Lobby hat erreicht, dass die Anwendung des Smart-Fresh-Verfahrens nicht deklariert werden muss.
  • Längere Haltbarkeit durch CA-Lagerung: CA steht für Controlled Atmosphere, eine kontrollierte, gesteuerte Atmosphäre, und bezeichnet eine Lagerungstechnik, welche der Verzögerung der Reifung klimakterischer Früchte dient. In CA-Lagern werden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sauerstoff- und Kohlenstoffdioxidgehalt mit modernster Mess- und Regeltechnik überwacht und auf den gewünschten Niveaus gehalten. In einem CA-Lagersystem wird der Alterungsprozess verderblicher Waren verlangsamt. Dank CA-Lagerung sind gewisse heimische Obst- und Gemüsesorten unabhängig von der Erntezeit das ganze Jahr über verfügbar. Im Vergleich mit traditioneller Kühllagerung sind die Kosten der CA-Lagerung deutlich höher.
  • Was beeinflusst die Ökobilanz?Werden die Äpfel auf einer Streuobstwiese oder auf Plantagen angebaut? Kommen Pestizide oder andere Chemikalien zur Haltbarmachung zum Einsatz? Kurze Transportwege belasten die Umwelt weit weniger als lange Wege. Wie viel Energie wird für die Kühlung des Obstes aufgewendet?

Quelle: BUND Lemgo     

Der Apfel vom Bodensee hat aber nicht zwangsläufig eine bessere Ökobilanz als der aus Übersee. Gerade jetzt, in den Wintermonaten, ist etwa in Neuseeland und Südamerika Erntesaison. Auf riesigen Apfelplantagen werden die Früchte abgeerntet und mit Containerschiffen nach Europa gebracht.

Ökobilanz-Experten haben ausgerechnet, dass Äpfel aus solchen weit entfernten Ländern unter bestimmten Umständen für weniger Treibhausgase verantwortlich sind als ein Apfel, der zur gleichen Jahreszeit vom Bodensee kommt. Das trifft allerdings nur dann zu, wenn der Transport von Südtirol oder vom Bodensee nicht effektiv vonstatten geht und für die spezielle Lagerung der Äpfel zu viel Energie aufgewendet werden muss. Anderseits muss auch die Massenware aus Übersee auf den Schiffen und bei der Ankunft in europäischen Häfen energieintensiv zwischengelagert werden, bevor sie – oft per Lkw – weitertransportiert wird.

Verbraucher wollen knackige und frische Äpfel

Die Armut an gängigen Apfelsorten hat unter anderem dazu geführt, dass die übliche Handelsware längst nicht mehr so gesund ist, wie alte Sorten (siehe Kasten). Und im Supermarkt gibt es erst recht keine Lageräpfel. Bestimmte Sorten kann man im kühlen Keller zum Teil monatelang aufbewahren und bis ins Frühjahr hinein direkt genießen oder verarbeiten.

In Kenntnis dessen wurde in der Schulgarten-AG der Sophie-von-Brabant-Schule rege über den ökologischen Fußabdruck von Äpfeln diskutiert. Ein Schüler sagt zum Thema Äpfel aus Übersee: „Ich fände es gerecht, wenn deren Äpfel nur dann zu uns kommen würden, wenn es bei uns gerade keine zum Ernten gibt. Genauso könnten unsere Äpfel dorthin verkauft werden, wenn die grade keine haben.“

Die AGler schauen auf der Landkarte nach, wie weit Neuseeland und Südafrika entfernt sind und wunderten sich, dass zu einer Zeit, in der bei uns Erntesaison ist, Äpfel über so eine Entfernung zu uns in den Supermarkt gelangen.
Ein Schüler fragt: „Die müssten doch eigentlich viel teurer sein als einheimisches Obst bei so einem Transportweg?“ Ein anderer wundert sich: „Und wieso glänzen die so, während unsere selbst geernteten Äpfel ein paar Schönheitsfehler haben?“

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marburg.de     

Sabine Clement beschreibt die hohen Konsumenten-Ansprüche und sagt: „Nur scheinbar makelloses Obst wird gekauft.“ Die Verbraucher wollen knackige und frische Äpfel, zumindest Obst, das frisch aussieht. Und das zu jeder Jahreszeit, auch im April oder Mai, wenn es hierzulande keine reifen Äpfel gibt. „Der Preis für den äußeren Schein ist hoch, denn die Äpfel werden mehrfach behandelt“, erklärt die Pädagogin den Schülern.

Beim Herstellen von Dörrobst entfernen die Schüler deshalb die Schale der Äpfel mit der langen Reise und entsorgen sie sicherheitshalber, nachdem sie mit dem Apfelschnitzler Spiralen geschnitten haben. Die Schale von ihren Einheimischen verspeisen sie hingegen genüsslich in langen Schlangen.

„Schade, dass manche Menschen gar keine Äpfel essen können, weil sie allergisch reagieren, aber die meisten alten Apfelsorten vertragen sie“, bedauert ein Schüler und berichtet, dass er dies selbst bei seiner Mutter erlebt habe.
Und die Schüler machen eine Kostprobe: Zur Auswahl stehen ein selbst geernteter „Golden Delicous“ aus dem Schulbiotop, ein grüner „Granny Smith“ aus Südafrika und ein roter Braeburn aus Neuseeland. Das Rennen macht der gelbe Einheimische, obwohl der Grüne auch beliebt ist, schließlich ist sein Geschmack wohlvertraut.     

von Hartmut Berge