Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
OP-Klimaretter „Klimaschutz geht
 nicht ohne Verzicht“
Mehr OP extra OP-Klimaretter „Klimaschutz geht
 nicht ohne Verzicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 07.06.2019
Für die 25-jährige Daphne Tokas ist Umweltschutz ein wichtiges Thema. Ihre schönsten Erinnerungen betreffen Erlebnisse in der Natur – wie hier beim Bergwandern. Quelle: privat
Marburg

Die 25-jährige Marburger Greenpeace-Aktivistin Daphne Tokas sagt im OP-Interview: „Klimaschutz macht Spaß.“
OP: Was ist Ihre Motivation, sich für den Umweltschutz zu engagieren?

Daphne Tokas: Meine schönsten Erinnerungen spielen sich fast alle in der Natur ab. Vor wenigen Jahren habe ich meine Leidenschaft für Bergwanderungen entdeckt und ­könnte mich wochenlang in der ­Natur verlieren.

Wasser aus einem See oder Fluss zu trinken, ohne sich Sorgen um die Gesundheit machen zu müssen – wie lange wird das noch möglich sein? Wie weit wird man eines Tages reisen müssen, um noch halbwegs atembare Luft zu finden? Wenn man weitestgehend naturbelassene ­Landschaften mit den eigenen Augen erblickt, wird einem schlagartig bewusst, wie sensibel und zerbrechlich diese Schönheit ist – 
und dass die derzeitige Umweltzerstörung irreversible Schäden verursacht. 

OP: Wo fängt bei Ihnen Klimaschutz an?

Tokas: Klimaschutz fängt bei mir auf dem eigenen Teller an, weil die industrielle Nutztierhaltung – ganz abgesehen von der Qual für die Tiere – nachweislich zu sehr großen Teilen direkt für die derzeitige Klimakrise und damit auch für die humanitäre Krise verantwortlich ist. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die ­radikale Verringerung der Nutztier­haltung durch eine nachhaltige, pflanzlich-vollwertige Ernährung den Klimawandel 
effektiver bekämpfen ­könnte als die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen.

Das ist allerdings keine Entweder-Oder-Frage: Wer umweltfreundlich, gesund und nachhaltig leben möchte, sollte seinen Konsum hinterfragen. Zudem sind aus meiner Sicht politische Verantwortliche, die ihre Zustimmung zur Abholzung des Hambacher Forsts geben und sich gegen einen einzigen fleischfreien Tag in der Woche stemmen, zumindest aus ökologischer Sicht unglaubwürdig.

Wir wollen zum Umdenken bewegen

OP: Weshalb engagieren Sie sich bei Greenpeace?

Tokas: Die Greenpeace-
 Gruppe in Marburg besteht aus Menschen, die sich alle auf unterschiedliche Weise in den länderübergreifenden Aktionen der Organisation einbringen. Durch meine Mitarbeit, in der Öffentlichkeitsarbeit oder an Infoständen, bei Demonstrationen, Flashmobs, Mahnwachen, Mitmachaktionen, Kleidertauschpartys und Müllsammelaktionen, lerne ich viele Menschen kennen, die meinen Blick auf die Welt und auf eine sinnvolle Zusammenarbeit bereichert haben.

OP: Warum ist Ihnen Ihr En­gagement bei der Umweltschutz-Organisation wichtig?

Tokas: Es ist weitaus schwieriger, sich als einzelne Person in einer globalisierten Welt Gehör zu verschaffen. Greenpeace ist als Organisation in der Lage, sich sogar mächtigen Institutionen in den Weg zu stellen und sie zum Umdenken zu bewegen. Wir klären beispiels­weise über ­Umweltskandale auf und kritisieren einzelne wirtschaftspolitische Prozesse und Entscheidungen. Dennoch ist es nicht nur die Aufgabe der großen Umweltschutz-Organisationen, den Planeten zu retten – es fängt bei jedem einzelnen an.

Man kann Plastik nicht immer vermeiden

OP: Waren Sie ein Teil der Plastik-Fasten-Aktion von Greenpeace in Marburg und welches Ziel haben Sie verfolgt?

Tokas: Unsere Plastikfasten-Aktion war eine Idee unserer Greenpeace-Aktivistin Dominique Obermaier, die viele dafür begeisterte, mitzumachen. #Plastikfasten war ein Selbstversuch, mit so wenig Plastik wie möglich im Alltag auszukommen – bei der Ernährung, Mobilität, im Haushalt, der Kleidung und der Kosmetik. Ich war dabei, als es um plastikfreie Geschenke und Verpackungen ging. Unsere Erkenntnisse wollen wir im Alltag weiter umsetzen.

OP: Welche Lehren ziehen Sie für sich aus der Aktion?

Tokas: Fast alle Lebensbereiche sind von Plastik durchdrungen. Es ist kaum zu glauben, wo es sich überall versteckt. Aber es gibt vieles, das erstaunlich leicht zu ändern ist – 
man muss nur die Alternativen kennen und sich umgewöhnen. Das dauert maximal vier bis fünf Wochen.

Kosmetika und Reinigungsmittel kann man sehr einfach selbst herstellen und Lebensmittel vermehrt unverpackt kaufen. Besonders wichtig ist: Man kann Plastik nicht in allen Lebensbereichen vermeiden, aber man kann es versuchen. Man sollte nicht verzweifeln, wenn es manchmal nicht klappt, und nicht überstürzt alles Plastikhaltige wegwerfen.

Agrarwende ist nötig

OP: Wo sehen Sie beim Thema Klimaschutz den dringendsten Handlungsbedarf?

Tokas: Bis 2038 noch Kohle zu verbrennen, ist eine wahnwitzige Zumutung für ­zukünftige Generationen. Der schnelle Kohleausstieg und die Abschaltung aller Atomkraftwerke sind zwingend notwendig, auch dann, wenn das Einschränkungen im weltweiten Energie­verbrauch bedeutet. Außerdem ist eine Agrarwende nötig.

Schweinefleisch und Kuhmilch am Fließband produzieren und gleichzeitig das Insektensterben verhindern, das verträgt sich – neben den ethischen Widersprüchen – nicht auf Dauer. Die Welt gehört uns nicht, und doch geht unser Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft so mit ihr um.

Klimaschutz ist in meinen Augen übrigens nicht dazu da, die menschliche Spezies zu retten, sondern allen auf der Welt lebenden Tieren ihr eigenständiges, freiheitliches Lebensgefühl auf einer vom Menschen nicht länger bedrohten, nicht mehr zum Gefängnis verkommenen Erde zuzugestehen.

OP: Was, denken Sie, kann jeder von uns tun, um ein Klimaschützer zu werden?

Tokas: Klimaschutz geht nicht ohne Verzicht. Wenn wir so weiterleben möchten wie bisher, also weiterhin reisen, Strom beziehen und essen wie seit Jahrzehnten schon, wird ernstzunehmender Klimaschutz unmöglich. Man kann unseren derzeitigen Energiehunger und unser Luxusbedürfnis nicht stillen, ohne andernorts Menschenrechte massiv zu verletzen und Lebensräume zu zerstören. Wir rutschen, wenn das so weitergeht, direkt in das sechste große Massenaussterben – ganz unabhängig von dem Elend, das bereits heute besteht. Ständiges Wachstum ist also die falsche Antwort auf die Klimafrage. Raus aus der Komfortzone! Das Mindeste, was jeder tun kann, liegt in Unterlassungshandlungen.

Greenwashing fliegt auf

OP: Wie überzeugen Sie andere, sich für den Umweltschutz einzusetzen?

Tokas: Politiker sollten sich ernsthaft überlegen, auf welcher Seite der Geschichte sie später mal in den Schul­büchern stehen wollen. Auch Konzerne sollten vorsichtig sein: Greenwashing fliegt auf. Und jeder Privatperson kann ich mitgeben, dass Klimaschutz sehr viel Spaß machen kann. Man verbindet sich weltweit mit anderen Menschen.

Der persönlichen Entwicklung und Gesundheit ist es zuträglich, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Nebenbei bemerkt sind alle anderen wirtschaftlichen und persönlichen Lebensziele, die man so haben könnte, unerreichbar, wenn uns die unmittelbare Lebensgrundlage entzogen ist. Wenn das keine Motivation ist!

OP: Welchen Rat geben Sie Menschen, die Ja sagen zum Klimaschutz, aber noch nicht wissen, womit sie anfangen können, die Umwelt zu schonen?

Tokas: Der erste Schritt ist es, vom passiven Lamentieren ins Handeln zu kommen. Es bringt nichts, die Überfischung der Meere oder die Zerstörung des Regenwaldes zu beklagen – und dann derartige Produkte zu ­essen. Fehlende Bildung führt oft zu umweltschädlichem Verhalten und der inkonsistenten Rechtfertigung desselben.

In diesem Sinne wäre es ein guter Anfang, das eigene Denken und Verhalten ernsthaft und ohne Ausreden zu befragen. Im wahrsten Sinne des Wortes sollten man über den Teller­rand hinausblicken. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, erkennt man relativ schnell, dass viele Lebensstile, die wir als „persönliche Entscheidung“ oder „individuelle Freiheit“ deklarieren, alles andere als das sind.

So machen Sie mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten? Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre Ideen und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen. Per Post an die Oberhessische Presse, Stichwort: Klimaretter, Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine E-Mail an feedback@op-marburg.de     

Es erfordert Mut und Reife, ernährungswissenschaftlichen und ökologischen Fakten und menschenrechtlichen Fragen mehr Gewicht zuzugestehen.

Das letzte, was das Klima braucht, ist ein dummer Veganerwitz.

Auch in anderen Lebensbereichen kann man umsteigen: statt des Autos lieber das Fahrrad zu nutzen, nicht mehr fliegen, wenn man auch den Zug nehmen könnte.

Den Stromanbieter wechseln. Secondhand-Kleidung tragen. Wanderurlaub statt Kreuzfahrt. Foodsharing statt Lebensmittelverschwendung. Das Handy reparieren, statt 
 sofort ein neues zu kaufen. Zigarettenstummel und Plastikmüll nicht einfach auf die Straße werfen. Kleine Schritte sind schon super! Natürlich kann niemand sofort die ganze Welt verändern – aber sich selbst als Teil der Welt.

OP: Welche Aktion planen Sie mit Greenpeace als nächstes?

Tokas: Am 29. Juni zum Beispiel wird unsere Gruppe beim Marburger Bildungsfest präsent sein. Von 11 bis 17 Uhr werden wir mit dem Workshop „Let it BEE“ vertreten sein, bei dem wir Seedbombs, zu deutsch: Samenbomben, und ein Insektenhotel basteln. Die Greenpeace-Gruppe Marburg hat ereignisreiche Monate mit Dutzenden von Aktionen hinter sich und noch einige vor sich.

von Silke Pfeifer-Sternke