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OP-Klimaretter Holzhäuser meistern den Selbstversuch
Mehr OP extra OP-Klimaretter Holzhäuser meistern den Selbstversuch
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11:57 07.08.2019
Das Paar Ann-Marie Weber und Niels Noack versucht überwiegend als Selbstversorger zu leben. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Holzhausen/Lahn

Um 7 Uhr hat Niels Noack angefangen, den Roggen mit einer Sense zu mähen – ein neues Projekt: Getreide anpflanzen und ernten.

Mit Gemüse haben er und seine Lebensgefährtin Ann-Marie Weber ausreichend Erfahrung gesammelt.

Die Liste, die auf ihrem ein Hektar großen Acker wächst, ist lang: Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren,
Zucchini, Tomaten, Erbsen und Bohnen.

In diesem Jahr haben sie die Anbaufläche noch erweitert. Von dem Ertrag können sich zehn Familien übers Jahr ernähren, Überschüsse können sogar abgegeben werden. Noack und Weber ermöglichen auch anderen den Schritt in die Selbstversorgung.

Kurze Wege für den Klimaschutz

„Es ist ein Ansatz, wie eine neue Allmende aussehen kann“, sagt Noack. Der Begriff entstand im Hochmittelalter und bezog sich auf gemeinschaftlich genutzte landwirtschaftliche Flächen. Das Paar wählt einen Lebensstil, bei dem es nicht nur Konsument ist, sondern auch die Verantwortung übernimmt für andere. Deshalb gründeten sie 2016 den Verein „Allmende Holzhausen“.

Der Verein setzt sich ein für ein Ressourcen schonendes Wirtschaften. „Kurze Wege für den Klimaschutz“, damit ist das Förderprogramm des Bundes überschrieben, das die Idee finanziert. „Egal wo man lebt, jeder kann etwas für den Klimaschutz tun“, sagt Ann-Marie Weber.

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Das Paar stellt die Pflege der Ressourcen in den Fokus, was wiederum mit dem Vereinsnamen korrespondiert.

Es geht ihnen darum, Weiden, Streuobstwiesen, Wald und landwirtschaftliche Flächen gemeinsam zu pflegen und nicht zu übernutzen.

Sie setzen bei dem Gedanken der regionalen Versorgung noch einen oben drauf.

Sie versuchen sich an einem 50 Prozent plus x 
lokalen Lebensstil. Ann-Marie Weber und Niels Noack leben vor, wie eine neue „Allmende“ funktioniert.

„Sie war und ist nicht offen für alle – aber unter bestimmten Voraussetzungen kann der Acker mitgenutzt werden“, sagt Noack.
In Holzhausen kauft das Paar 2016 eine Hofreite. Mithilfe des Förderprogramms erbringt es den Beweis: Es ist möglich, sich zum großen Teil selbst zu versorgen und auch für eine größere Gruppe einzumachen.

Frischmilch kommt aus Nachbardorf

Probleme gibt es noch bei der Fleischversorgung, aber auch da ist ein Weg eingeschlagen, der sie bei ihrem Vorhaben weiter voranbringt: eine Schafkooperation. Noack und Weber versorgen Schafe in der Nähe ihres Hofes, dafür erhalten sie Fleisch. Auf dem Hof hält das Paar rund 20 Hühner. Diese versorgen die fünfköpfige Familie mit frischen Eiern. Die Hähne der Nachzuchten werden geschlachtet, bevor sie geschlechtsreif sind.

Auch für ausreichend Frischmilch sorgt Niels Noack – auch ohne eigene Kuh. Er hilft in einem Nachbardorf als Melkkraft aus und bringt von dort die Wochen­ration Milch mit nach Hause.

Was draußen wächst, kommt auf den Tisch

Das Thema Selbstversorgung ist dem Paar nicht in die Wiege gelegt – Niels Noack ist Diplom-Geologe (35), Ann-Marie Weber (38) Diplom-Pädagogin – aber Landwirtschaft fasziniert beide. Sie eignen sich das Wissen um den Anbau und das Haltbarmachen der Lebensmittel selbst an. Sie besitzen keinen verklärten Blick auf das Landleben, sondern versuchen, mit harter Arbeit ein Jahr mit dem auszukommen, was sie selbst erwirtschaften.

Auf den Tisch kommt, was auf dem Acker wächst. Ist Saison, dann kann es sein, dass die Familie irgendwann Tomaten nicht mehr sehen, geschweige denn essen kann. In jedem Gericht ist das Gemüse verarbeitet. Die Lebensmittel lagern sie im Keller ihres Hofes. „Dort ist es kühl und dunkel“, sagt Ann-Marie Weber. Das Fermentieren nutzen sie zum Haltbarmachen der Lebensmittel – wie zu Omas Zeiten, weil es ohne Strom auskommt und damit klimaneutral ist. „Es geht mit allem“, sagt Weber und zählt unter anderem Kohl, Tomaten, 
Chili, Gurken, Möhren und ­Rote Bete auf.

Hintergrund

Weitere Informationen zu dem Verein „Allmende Holzhausen“ und zu den Allmende-Aktivitäten wie Workshops und Feste stehen im Internet auf www.allmende-holzhausen.de. Am 17. August werden der Verein und die anderen Marburger Kurze-Wege-Projekte von 10 bis 17 auf dem Marburger Oberstadtmarkt präsentiert.     

Das Paar weiß natürlich auch, dass es für andere mit einer 40-Stunden-Woche schwierig ist, den Gedanken der Selbstversorgung in den Alltag zu integrieren.

Sie haben aber auch festgestellt, dass viele Menschen von der Idee begeistert sind. Die Vorträge, Workshops und Einkochaktionen des Vereins Allmende finden großen Anklang.

Deshalb richten Noack und Weber beim Thema Klimaschutz den Blick auch über den eigenen Tellerrand hinaus.

Ihre radikale Lösung lautet: „Ein freier Freitag“ – angelehnt an die Aktionstage „Fridays for future“. An Freitagen könnten alle Industrieanlagen stillstehen, keine Flugzeuge fliegen, keine Autos und Züge fahren.

„Verkauft als Klimaschutzmaßnahme erhält die Idee eine andere Wertung und bietet Raum für Diskussionen“, ist sich Niels ­Noack sicher. Diese Idee wollen sie unter die Leute bringen. Für sie ist Klimaschutz ein globales Problem, aber jeder einzelne kann einen Beitrag leisten. Sich selbst zu versorgen ist ein Weg – wenn auch kein bequemer. Neue Ideen bringen sie voran. Niels Noack feilt derweil am Plan, den bei 38 Grad per Hand geerntete Roggen zu dreschen.     

von Silke Pfeifer-Sternke

Klimaretter-Tipps

Schon seit jeher mussten die Menschen Lebensmittel haltbar machen, um das ganze Jahr über Vorräte zur 
Verfügung zu haben. Die 
Verfahren zum Haltbarmachen von Lebensmitteln lassen sich in vier Gruppen einteilen:

  • Physikalische Verfahren arbeiten mit Kälte oder Hitze, mit Wasserentzug oder mit Bestrahlung. Thermisch: Pasteurisieren, Sterilisieren, Kühlen, Gefrieren; Wasserentzug: Trocknen, Gefriertrocknen; Bestrahlung: UV-, Beta- oder Gamma-Strahlung.
  • Chemische Verfahren hemmen durch den Zusatz von bestimmten Substanzen (zum Beispiel Zucker, Salz, Kon­servierungsstoffe) Mikroorganismen in ihrer Entwicklung oder töten sie ab: Zuckern, Salzen, Pökeln, Räuchern, Säuern, Einlegen in Alkohol, Zusatz von Konservierungsstoffen.
  • Biologische Verfahren hemmen das Wachstum von Mikroorganismen, indem der pH-Wert gesenkt und Sauerstoff verdrängt wird.
  • Alkoholische Gärung, Milchsäure-Gärung: Eine Veränderung der Gasatmosphäre durch Evakuieren oder Begasen mit Schutzgasen wie Kohlendioxid oder Stickstoff hemmt den Verderb: Schutzgas, Vakuumverpackung.

Quelle: Bundesministerium für Ernährung.